Tote Pferde

You cannot ride a dead horse

Wenn man feststellt, dass man ein totes Pferd reitet ist es die beste Strategie abzusteigen sagt ein Spruch der Dakota-Indianer.

Den üblichen Ratschlägen, wie man das Problem lösen könnte fügt die EU mit der Urheberrechtsreform eine neue Variante hinzu. Durch aktives Lobbying des im Sterben begriffenen Pferdes wurde erreicht, dass man es an den Tropf hängt. Dieser Tropf soll eine Finanzierung der aktuellen Presselandschaft dadurch sicherstellen, dass man das konkurrierende Medium Internet mit Regularien überzieht, welche eine legale Nutzung entweder teuer oder unmöglich machen. 

Natürlich wird mit solchen Regularien wie dem beschlossenen Upload-Filter und dem erweiterten, vollkommen undurchsichtigen Urheberrecht viel Schaden angerichtet. Der Nutzen liegt vermeindlich bei einigen Verlagen, die nun per Dekret eine Konkurrenz weniger zu haben glauben.
Die Erfahrungen in Deutschland mit einem ähnlichen Leistungsschutzrecht sprechen eine deutliche Sprache: 30'000 € Einnahmen stehen ca. 2'500'000 € Ausgaben gegenüber. Die Prozesskosten, um das Leistungsschutzrecht durchzusetzen betragen noch einmal ca. 10'000'000 €. Warum also der Unsinn?
Die Verlage behaupten, Google würde mit ihrem geistigen Eigentum Geld verdienen. Hier kommt der Unsinn des aktuellen Urheberrechts zum Tragen. Nachrichten als solches können eigentlich davon nicht betroffen sein, weil die grösstenteils durch Agenturen verbreitet werden und sich von Redaktion zu Redaktion kaum unterscheiden. Bleibt sogenannter redaktioneller Inhalt, also was die Zeitungen selbst produzieren. Dabei handelt es sich um Kommentare und selbst produzierte Reportagen. Natürlich ist das Internet hervorragend dazu geeignet, solche Inhalte zu beziehen und nicht mehr, wie früher, mehrere Zeitungen zu abonnieren, um ein bisschen Meinungsvielfalt zu bekommen. Eine Zeitung wie die FAZ, die ich damals abonniert hatte wird von kaum jemandem vollständig gelesen. Das Angebot als solches habe ich aber sehr geschätzt. Für Lokales hatte ich noch das Höchster Kreisblatt, für andere Meinungen die FR, später die TAZ, dazu habe ich bedarfsbezogen andere Blätter (Spiegel, Zeit etc.) gekauft. Dazu gab es in der alten Hoechst AG eine Pressemappe, die natürlich nur für die Führungselite bestimmt war, aber in der Abteilung lagen zum Zweck der Erstellung viele Zeitungen aus. In der Schweiz deckte ich zunächst mein Informationsbedürfnis mit NZZ und Tagi. Der Altpapierstapel war gross und eine internationale Nachrichtenübersicht aus dem Internet half dort erheblich! Die Gefahr der Blase war mir dabei auch schon vor Facebook bewusst und ich versuchte immer gegenzusteuern.
Diese Blase gab es auch schon früher — Menschen, die meinten, durch BILD tatsächlich informiert zu werden oder sich nur anhand einer Zeitung informierten (häufig war die Kombi BILD und Kreisblatt) lebten auch damals in einer Blase. Das Problem mit dem Internet ist, denke ich, nicht die Blase an sich, sondern die Möglichkeit von Deppen, seien es Individuen oder organisierte Leute wie die von AfD und CSU, die unwidersprochen Blödsinn von sich geben und sich zu Grüppchen und grösseren Gruppen formieren können, in denen quasi Alternativwelten entstehen. Solange das exotisch blieb fand ich das noch charmant. Das Internet ist aber nun fast schon dominiert von Flat Earth, Truthern, Rechtem Gesindel etc. Das nervt und es kann der Eindruck entstehen als müsse man so etwas ernst nehmen. Tatsächlich nahmen in meinem virtuellen Umfeld die Diskussionen zu, in denen esoterischem Müll der Rang von Fakten zugesprochen wurde. 

Das Leistungsschutzrecht wird nun dafür sorgen, dass der Meinungspluralismus eingeschränkt wird. Kaum jemand wird einen FAZ-Artikel deswegen kaufen — letzten Endes ist er ja deutlich weniger sichtbar, wenn er in Suchmaschinen nicht mehr auftaucht. Einen Teaser, der mir einen Hinweis gibt, ob sich die Investition von ein paar Rappen oder einem kleinen Frankenbetrag für die Lektüre wert ist wird es zukünftig ebenfalls nicht mehr geben. Die hinter Bezahlschranken versteckten Artikel werden also durch das Leistungsschutzrecht schwerer gefunden. Wenn überhaupt würden Benutzer ihr altes Papierabonnement durch ein digitales Abo ersetzen. Warum sollte man das aber tun? Die Nachrichten bekommt man durch öffentlich-rechtliche kostenlos und die Unterscheiden sich nicht zwischen den Anbietern (meine Vermutung, warum gegen die Öffentlich-Rechtlichen gekämpft wird geht genau in diese Richtung. Sie werden als lästige Konkurrenz angesehen. Gäbe es sie nicht, hoffen Zeitungen auf neue Abos). Der Effekt des neuen EU-Rechts dürfte also sein, dass zunächst Informationen nicht mehr gefunden werden, in Folge die Verlage weniger Umsatz machen und in Folge ihr Angebot einschränken. Das zu beobachtende Zeitungssterben wird durch dieses Recht nicht gebremst oder gar aufgehalten. 

Eine Analogie ist das absehbare Sterben des Privatfernsehens. Natürlich wird es durch Werbung finanziert und muss Gewinne abwerfen. Die Werbung hat nun aber immer mehr zugenommen, die anfängliche, auf breiter Basis akzeptierte Regelung, auf 90 Minuten Sendung (halt einen Spielfilm) eine Unterbrechung mit 20 Minuten Werbung zuzulassen wurde immer weiter aufgeweicht, bis das Angebot so unattraktiv wurde, dass heute und in nicht ferner Zukunft neue Angebote wie Netflix das Privatfernsehen ablösen werden. Die natürliche Entwicklung von Zeitungen ist ähnlich: Das Format hat sich überholt — nicht Printmedien generell! Wohl aber Tageszeitungen. Durch die Regulierung wird nur weniger deutlich, wohin die Reise geht und es wird Unsicherheit generiert.

Wenn wir nun die übertriebene Formel Information ist das Öl des 21. Jahrhunderts annehmen bedeutet das neue EU-recht eine künstliche Verknappung dieses Gutes. Da redaktionelle Inhalte betroffen sind hat das zwangsweise gesellschaftliche Auswirkungen, da es den Bürgern erschwert wird, sich angemessen zu informieren. Ohne verlässliche und ausgewogene Informationen können keine fundierten Entscheidungen getroffen werden — auch Wahlentscheide! Damit spielt dieser Quatsch Radikalen in die Hände. Wie es mit wirtschaftlichen Entscheidungen ausschaut ist eine etwas komplexere Frage — eine Auswirkung auf Kaufentscheidungen ist sicher gegeben. 

Das Internet ist von der Struktur her urdemokratisch. Das ist Kapitalisten und Feinden der Demokratie natürlich suspekt. Die Folge ist der Wunsch nach Regulierung. Man kann aber kein totes Pferd per Dekret als lebend erklären.


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