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lautenist


Thomas öffentliches Tagebuch

The world of a photographing lute enthusiast


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Plädoyer und so ...
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lautenist

In diesem Monat habe ich noch gar nichts gepostet!
Grund ist, dass mich die Grippe erwischt hatte, ich einige Tage in der alten Heimat verbracht habe und nun nicht weiss, wo ich anfangen soll.
Ziemlich viel ist passiert. Ziemlich viele Gedanken sind mir durch den Kopf gegangen.
Was mir dabei aufgefallen ist, ist dass grade das politische Geschehen oft ziemlich rast und viele Themen, die ich ansprechen wollte, nun gar nicht mehr aktuell sind.
Aufreger war natürlich Gaulands Fliegenschiss - doch muss man sich über diese Idioten noch aufregen? Jeder wusste, was er gewählt hatte - genauso wie bei Trump, May, dem Baby-Ösi etc. Die Frage, die mir in dem Zusammenhang spannend erscheint ist, warum? "Die Russen waren es", wie die Amis das gerne bringen, hat doch bloss etwas von einer Entschuldigung der Demokraten für ihre Unfähigkeit, auf Trump als Kandidat ein geeignetes Rezept zu finden. Doch selbst in Frankreich, wo ausnahmsweise nicht die braune Kacke gewählt wurde hat man mit Macron eine fragwürdige Alternative: Sicher ein ernstzunehmender Politiker mit nachvollziehbaren Ansichten. Aber würde ich einen neoliberalen Politiker wie ihn wählen? Wohl kaum.
Wieso ist die Politik so verkommen? In den USA wurde mit Sanders der letzte ernstzunehmende Kandidat recht frühzeitig der Clinton geopfert, die wohl einfach auf's Alter noch aus dem Schatten ihres Mannes heraustreten wollte und als erste Präsidentin amerikanische Geschichte schreiben wollte. Hatte sie sonst inhaltlich etwas zu bieten? Sicher nichts, was sie für mich wählbar gemacht hätte: sehr neoliberal, wenig progressiv und man hätte somit bestenfalls die jetzige Katastrophe verhindert, aber die USA sicher nicht nach vorne gebracht. Schulz gegen Merkel in Deutschland? Ernsthaft? AfD bekam fast 13%. Angesichts des Mangels an Alternativen fast noch überraschend wenig. Ich erkläre mir das mit Schulz' Absage an eine erneute Grosse Koalition. Durch das erneute Umfallen der SPD hat sie sich auf absehbare Zeit unwählbar gemacht. Alternatives Personal war der richtige Ansatz. Schulz ist halt gescheitert - er ist keine Kanzler-Persönlichkeit. Da scheint der Deutsche "den Vater (oder heute die Mutti) der Nation" zu erwarten. Nun wieder die bekannte Mannschaft einzusetzen, ausgerechnet mit der Nahles als Vorsitzender sorgt sicher nicht für eine grössere Zustimmung. Die Briten haben May tatsächlich gewählt. Wenn mir Briten erzählen, eine Abstimmung über den Brexit würde heute ganz anders ausgehen muss ich sie auf diese Wahl verweisen. Das war eine Bestätigung des Brexit-Votums. Und die Tories hatten schon vorher deutlich bewiesen, wie inkompetent sie sind. Die Italiener reihen sich nun ein, nachdem die Österreicher den Milchbubi mit faschistoidem Gedankengut zum Kanzler machten.
Mein Eindruck: Die heutige Politikerkaste, der gesamte politische Betrieb wird vom Wahlvolk als verkommen wahrgenommen. Schon früher sagte man "die da oben machen doch, was sie wollen". Heute ist es einmal eine gewisse Selbstherrlichkeit der Politiker und andererseits ein desillusioniertes Verhältnis zur Demokratie beim Wähler, verbunden mit einer fantasielosen, gestaltungsunwilligen Politik - die sicher weniger grobe Fehler (wie damals die Notstandsgesetze oder die Wiederbewaffnung der Nundesrepublik) nahezu ausschliesst, aber andererseits aber nur noch verwaltet. Wenn Anstösse kommen scheinen sie überwiegend aus der Wirtschaft, von mächtigen Interessenverbänden, angestossen worden zu sein. Da kann es sinnlos erscheinen, zur Wahl zu gehen. Und wenn man zur Wahl geht meint man, jemand ausserhalb des Systems würde vielleicht etwas ändern. Das Ganze verbunden mit einem "Früher war alles besser" und schon haben wir die derzeitigen Ergebnisse in der und durch die Volkspsyche erklärt. Gelöst wird dadurch freilich nichts. Brandt sprach von "mehr Demokratie wagen" - wie soll man diese Richtung gehen, wenn alles zurück zum Nationalstaat geht, internationale Lösungen skeptisch beurteilt werden. Tatsächlich scheint mir das zu fehlen, was die Zeit bis in die beginnenden 90er geprägt hat zu fehlen: ein positiv empfundenes Ziel, eine Gesellschaft, die man anstreben will. Die Ziele heute zerfallen in Partikularinteressen, von denen zur Zeit der konstruierte Genderkonflikt alles zu durchdringen droht. Tatsächlich ist "Gerechtigkeit" ein zentrales Thema, bei dem Geschlechtergerechtigkeit natürlich eine Rolle spielt. Eine! Viel wichtiger erscheinen mir dennoch Fragen wie soziale Teilhabe, die internationale Dimension von Gerechtigkeit (wie können wir ein Staatensystem aufbauen, welches die Güter der Erde gerecht verteilt oder: Wie können wir so wirtschaften, dass wir uns im Spiegel anschauen können? Da stellen sich Fragen wie das Verhältnis zu Saudi-Arabien, China etc. neu). Das wäre übrigens eine konservative, werteorientierte Ausrichtung der Politik. Dass die "Wirtschaft es schon richten" wird hat sich definitiv als falscher Ansatz erwiesen. Privatisierung ist gescheitert (so pauschal stimmt das auch nicht, aber die Pauschalisierung in die andere Richtung ist genauso falsch. Man müsste fragen "Passt eine/war die Privatisierung verträglich mit unseren Werten"). Eine Gesellschaft, die sich am wirtschaftlichen Wohlstand orientiert ist verfehlt. Werte zuerst - einige davon werden wirtschaftlich geprägt sein, aber: sicher nicht alle!

Ausser solchen politischen Gedanken habe ich mein Fahrrad nach Deutschland gebracht und bei meiner Mutter deponiert. Hier mein Bergdörfchen ist von lauter Bergen umgeben (wie sich das für ein Tal gehört), so dass die Wege sehr anstrengend sind. Die Idee, den Arbeitsweg mit dem Fahrrad zurückzulegen und Ausflüge mit dem Fahrrad zu unternehmen habe ich sehr schnell fallen gelassen und durch den Elektroroller ersetzt. Aber was ist Fahrradfahren toll! Es hat riesigen Spass gemacht, durch die Vortaunus- und Taunusregion zu radeln. Fotos folgen - auch wenn ich nicht so viele gemacht habe, wie gedacht. Das Radeln an sich war schon so toll - ich hatte oft keine Lust anzuhalten.

Fotos sind inzwischen hunderte angekommen, die ich sortieren und hochladen muss, um die Berichte über meine Ferien und weiteren Ausflüge zu llustrieren.



Und Rezepte und Ideen zum Thema "Gesünder Leben ohne Krampf und Zwang" stehen auch noch an.

Weitere Überlegungen betreffen mein Arbeitsleben ... doch dazu demnächst mehr.


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Sage es 'mal so: Es war aufgefallen, dass es hier ruhig war...
(Aber, ich wage es besser nicht die Stimme zu erheben, denn bei mir ist auch schon länger der Wurm drin.)

Dadurch, dass so gut wie alles zu einer Mikrosensation aufgeblasen wird, werden die Abläufe im Polit-Apparat durchaus schnelllebig - vor 10 Jahren etwa war das zwar zu einem Teil auch schon so, aber die Spirale ist definitiv mit der Zeit enger geworden.
Irgendwann regt man sich morgen schon über einen Mini-Skandal auf, der eigentlich schon als "von vor-vorgestern" erachtet wird...

Zu Gauland: Selbst im Mainstream der Medien ist es doch immer wieder faszinierend wie sie darum kommen, zu erwähnen, dass der Mann jahrzehntelang (!) in der CDU war und dort auch nicht gerade als Vorreiter des Fortschritts aktiv war.
Wenn man das zur Person weiß, ist eigentlich aller Skandal gelaufen, denn irgendwie ist es nichts besonders neues von der Person, was er von sich gibt.
Wessen Geistes Kind er ist, das hat er vorher auch schon unter Beweis gestellt. Da kann man sogar Gauland mit Gauland entlarven, bräuchte man noch nicht einmal die übliche Pöbelei abfahren, die seit Jahren regulär nach so etwas erfolgt... (Im Übrigen: So viel darf man wohl Wikipedia glauben - zu "Vaterlandsliebe" oder "man darf sein Land nicht im Stich lassen" sollte der Mann besser seinen Mund halten, denn es ist auch dokumentiert, dass er in en 50ern 'mal über Westberlinin die BRD abgehauen ist. So viel dazu also, ob man seine Heimat mag und was für sie tun will oder sich ihr gegenüber verpflichtet fühlt. Sollte er besser lassen, das Thema, sonst könnte es peinlich werden...)

Was so in diesen Tagen bei den Wahlen passiert als auch bei dem gesellschaftlichen Rückhalt des neuen Konservatismus / der neuen Rechten... ich weiß nicht, ob dazu nicht auch mal ein paar interessante Fakten herauskommen könnten (die einem gleichzeitig so wunderbar wohlbekannt vorkommen dürften).
Was ich meine? Denke 'mal...
Wer hat im letzten Jahrhundert den braunen Sumpf unterstützt und an die Macht gebracht? Wer hat ihnen die finanzielle Schützenhilfe gegeben?
Wer kein Geld hat, um sich zu bewerben und seine Ideologie den Leuten schmackhaft zu machen, der verliert. Darum reißen ernsthafte Kommunisten so schnell nie irgendwas.
Die Braunen aber, obwohl Extremisten, kriegen das hin. Warum wohl?
Sie haben ganz dicke Geldpolster gesponsort von den Königinnen und Königen, die an der Spitze der herrschenden Hierarchie stehen. Die Braunen lassen sich gut vor den eigenen Karren spannen, sie hinterfragen nicht die Hierachie, sie hinterfragen nicht das System, sie wollen nur, dass das System wieder zu ihren Gunsten arbeitet.
Auf dem Weg sind sie gefährlich gute Erfüllungsgehilfen für diejenigen, die immer noch nicht genug haben...
Zudem, sie würden die bestehende Hierarchie erhalten, weil sie an ihr pauschal nichts falsches finden Sie wollen nur die andere Seite des Tisches, nicht den Kuchen. Und sie wollen wieder klare Verhältnisse - dass man selbst weiß, was man zu tun hat, wohin man gehört usw. ohne 3 Mal darüber nachdenken und mit jemandem streiten zu müssen.
...Leuchtet das irgendwie ein, was man sich als Vorgänge hinter dem Vorhang vorstellen könnte?
Es würde einen jedenfalls nicht wundern, wenn irgendjemand sowas mal angeblich aufdecken sollte. (Wie sagt der Berliner? "Nachtigall, ick hör dir trapsen.")

Ich versuche als oller Philosophierender ein allgemeines Prinzip aus dem aktuellen Geschehen herauszudestillieren. Das fällt zur Zeit ziemlich schwer, ohne Verschwörungstheorien zu bemühen oder in wüste Spekulationen zu verfallen. Es scheint ein Hühnerhaufen zu sein, aber das klingt auch unplausibel. Es gibt eine Ordnung dahinter - und ich habe meine Vermutungen ...

Dass die Braunen gerne als willfährige Vasallen des Kapitals gesehen werden stimmt schon. Nicht nur Ford war ja immer auf der Seite der Nazis! Nur bin ich mir nicht sicher, ob die nicht aus den Fehlern damals gelernt haben.
Eine weitere Erklärung könnte man in dem Zerfall des amerikanischen Imperiums sehen. Da gibt es seitens der Amis offenbar verschiedene Strategien, ihr Imperium über die Zeit zu retten: militärisch, wirtschaftlich und politisch. Den Amis ist ein starkes Europa natürlich nicht recht und debile Schwachmaten wie Farange, Gauland, von Storch, le Pen etc. sind natürlich willkommen, um die politische Kultur zu vergiften. Ob die heutzutage noch gerne in Regierungsverantwortung gesehen würden, weiss ich nicht. Aber als destabilisierendes Element passen die sicher ins Konzept - über das ich allerdings, wie gesagt, nur spekulieren kann. Und das fuchst mich :-)

Gauland CDU, Sarrazin SPD - das dahinter stehende Gedankengut ist nicht parteigebunden. Selbst bei den Linken dürften sich Leute finden, die "Kopftuchmädchen" nicht wollen und finden "wir müssen doch nicht alle reinlassen". Dahinter steht immer der Versuch, die Komplexität der Welt zu reduzieren - auch das "früher war alles besser" (Ostalgie genauso wie der böse Russe als Feindbild) gehört als Variante in dieses Schema. Mit solchen Mustern kann man am Stammtisch "argumentieren" und wird gehört - es klingt auch alles irgendwie erstmal plausibel. Nur hält es ernsthaften Nachfragen selten stand. Böse alte Menschen wie Gauland nun halte ich eher für durchtrieben. Sie bedienen die Ressentiments nicht nur aus Überzeugung, sondern wohl vor allem, um sich im politischen Betrieb zu profilieren. Wählerstimmen haschen, den starken Mann markieren - eben "den Sarazzin machen": Viele markige Sprüche, die selten mit der Wirklichkeit korrespondieren.

Für das ungeübte Auge oder das, welches gern nur an das Kaspertheater in den Mainstreammedien glauben will, könnte das äußerlich wie ein unkoordinierter aufgescheuchter Hühnerhaufen wirken. Aber dem dürfte ganz gewiss nicht so sein...

Das fallende Empire der Amerikaner dürfte einiges damit zu tun haben. Ich würde aber so weit gehen: Es muss noch nicht einmal der verzweifelte Versuch sein, sich noch ein paar Tage länger zu halten. Gleichzeitig wirkt es auch wie eine solche Strategie "niemandem soll es besser gehen, wenn wir untergehen".
Fatalismus. Die Welt mit sich in den Tod reißen...
Wenn man alle anderen mitreißt, kann sich schließlich niemand aus dem Kreis der von einem abängigen nicht entfernen, weil die alle genauso zerstört sind.
So, würde Amerika sich nur auf sein eigenes Territorium mit dem Untergang beschränken, dann würde das Interesse an ihnen in der Welt schwinden und der Teil der Erde erst einmal eine ganze Weile abgemeldet sein vom Weltgeschehen. Europa hat ja schließlich die Russen, China, Afrika und den Rest von Asien, zu welchen sie sich hin wenden können, wenn sie Wirtschaftswachstum wollen. Die sind dafür nicht wirklich auf Übersee angewiesen...
Südamerika wäre es auch nicht, die hätten viel vor der eigenen Tür, um was sie sich kümmern könnten, wenn man nicht die USA mehr mit Gütern versorgen muss. Im Wesentlichen sind dort die Roten immer nur unten geblieben, weil die USA stets interventioniert haben. Können die das nicht mehr, könnte es sein, da kommen ganz andere an die Macht, die sich erst einmal um ganz andere Dinge kümmern - die die Schwäche der USA dankend annehmen würden, um sich auf sich selbst zu besinnen.
Denke, dieses Szenario würde dann doch den großen Playern in den USA nicht gefallen. Dann säßen sie förmlich in der untergehenden CCCP...

Nein, parteigebunden ist sowas ideologisch (heutzutage) nicht (mehr?).
Wobei ich da sehen würde: Besser nicht allein in den bekannten Schemata denken. Mittlerweile sind diese Muster nämlich auch ganz schön angestaubt, wenn man sich nur daran orientieren will.
Wenn ein Linker was dagegen hat, was in manchen Großstädten so vor sich geht, das Ganze mit der Kriminalität und der regelrechten Abgeschiedenheit von gültigem Recht diesen (!) Staates, dass Mädchen im Kindergartenalter erst ein Kopftuch verpasst kriegen als dass sie lesen lernen, dann ist daran nichts verwerfliches, sondern vielmehr ist das sogar eine traditionell (!) linke Domäne. (Kommt wahrscheinlich darauf an, welche Art von Links man meint...)
Links hatte schon immer ein Problem damit, wenn im Namen der Religion Frauen an den Herd gefesselt wurden (denke nur an die Christen - die haben das auch 'mal gemacht...), ihnen Bildung enthalten wurde, von wegen "lohnt nicht, wo braucht sie das später, wenn sie nur den Haushalt macht?", Links hatte schon immer was gegen die Regentschaft von Mafia und Banditen, und Links hatte auch schon immer was dagegen, wenn sich Grüppchen aus der Geselschaft separiert und dann irgendwo vor sich hinvegetiert oder still umhergegrummelt haben.
Aus strategischer Sicht, werden diese Dinge nämlich auf über längere Zeit zu tickenden Zeitbomben - nebenbei, dass dieses auch strategisch wunde Punkte für Rattenfänger sind, die die zivile Ordnung grundlegend zerstören wollen.
Sind Leute integriert und nicht irgendwo vom Rest abgeschnitten, gestaltet sich das weitaus schwieriger, darüber Zwietracht zu säen. Man hat nicht eine große Gruppe, die bereit ist, die geltende Ordnung wegzuwerfen für irgendetwas, was sie nur VIELLEICHT ein klein wenig besser dastehen lässt.
Verstehst du, was ich da meine?

Edited at 2018-06-06 09:05 am (UTC)

Was auch damit gemeint ist, nicht bloß in alten Schemata zu denken: Diesen unglaublich großen Andrang, auch hier Identity Politics gesellschaftlich zu verankern, auch wenn das immer dem linken Spektrum zugeordnet wird, gerade die Inhalte dessen, die sich dahinter verstecken, sind mindestens genauso rechts wie das, was sie als "rechts" betiteln. Leute, die davon eingenommen sind, denken auch nur in Rassen, Geschlechter, sexuelle Neigungen und was nicht alles und leiten daraus homogene Gruppen ab, die es so nicht gibt, und versuchen auch über die Hintertür von angeblichem Aktivismus und "sozialer Stärkung" dieser Gruppen Sonderrechte für diese Gruppen herauszuschlagen - was ja eigenlich der Inbegriff von Rassismus und allen anderen Ismen ist (dass eine bestimmte Gruppe Menschen anders ist als andere und deswegen anders behandelt werden muss als der Rest).
Zumal muss man bei diesm gequirklten Unsinn auch noch sagen: Es entstand alles mal in Amerika. Europa ist diese Art zu denken fremd. Gerade sozialer Aktivismus wird in den USA als gutes PR-Aushängeschild genutzt, um sich selbst öffentlich gut darzustellen, nebenbei dient es auch als gute Einrichtung zur Geldwäsche und Steuerflucht. Da fließen ausreichend Millionen ein - und selbst Amerika tun ID Politics nicht gut, weil sich über gewisse Dinge nicht sachlich gestritten, sondern nur bekeift wird. Dasselbe zieht hier damit auch ein.
Problem ist nur, wenn die Extremisten und Gläubigen dieser Art Schema von Politikmachen für bestimmte soziale Gruppen in der Politik sitzen und dementspchende Gesetze durchgesetzt kriegen.
Dann hat man nämlich vollständig den Salat, dass eine Reihe von völlig weltfremden Gesetzen und Gepflogenheiten in der Welt fernab des eigenen Gartenzauns unterwegs sind. (siehe die Sprachdebatte, dass alles am besten gegendert werden muss)

Edited at 2018-06-06 09:06 am (UTC)

Ja, es stimmt schon, dass man hier in Europa amerikanische Schemata und Moden nicht einfach kopieren kann - ob man es sollte ist dann noch eine andere Frage.

Dass die Amis charity als Aufgabe von Personen ansehen, die sich damit quasi ein gutes Gewissen für ihren Reichtum kaufen können scheint im Amiland zu funktionieren. Auch in Europa funktioniert der Griff in die Kasse der Leute gut. Dass das nichts grundlegendes ändert, ist natürlich auch bekannt. Wenn ich der Caritas 10 Euro spende und die dafür in Afrika einen Brunnen baut wird schliesslich Nestlé trotzdem weiterhin das Wasser abgraben und den Leuten teuer verkaufen. Andererseits braucht es die Soforthilfe - man müsste beides angehen: Strukturen schaffen, in denen fair gewirtschaftet wird und gleichzeitig Notleidenden helfen.

Was mich je älter ich werde desto mehr angurkt ist die amerikanische Unart, ihren Lebensstil als den einzig Wahren anzunehmen. Dass diese Art, seine Gesellschaft zu organisieren eigentlich katastrophal schlecht ist, weil nur ein kleiner Prozentsatz davon profitiert (und nur profitieren kann) wird in und von den USA generell nicht wahrgenommen wird. Wenn man dennoch darauf hinweist ist man gaaaaaaaaaaanz böse - Kommunist und so.
Die Amis kapieren nicht,d ass man selbst die Demokratie hinterfragen muss. Schon Sokrates tat das - und fand die Demokratie nicht die beste aller möglichen Staatsformen ...

Was damit auch gemeint war (ich weiß nicht, ob das so ankam): Gerade weil dieser amerikanische Kram aktuell so aggressiv kopiert wird, stellt sich einem die Frage, ob da nicht auch ernsthaft Geldkanäle von Übersee dran beteiligt sind.
Denn - die Offensive in der Form ist erst in der jüngeren Zeit aktiv. Denke mal zurück - seit dem das hier mit der Diskussion da ist um "wie weit darf ich meinen Glauben nach außen tragen und anderen aufoktroyieren, ohne dass die sich beschweren dürfen?" und seit dem das mit der Debatte über Sexismus und "ihr lehnt die Flüchtlinge doch nur ab, weil sie schwarz sind!" auf dem Tisch ist...
Das sind die selben tagespolitischen Dinge, die in Amerika auf dem Tisch sind und sie werden sogar auch in der selben oberflächlichen Art geführt wie es dort der Fall ist. Ein Schelmn der Böses dabei denkt?
Und über all die Zeit und das Gekeife, was stattfindet, kann man sich des Eindrucks nicht verwehren, dass hier irgendwas künstlich geschaffenes am laufen ist... Irgendwas, was nicht nach Europa passt, denn Europa ist nicht die USA und denkt auch nicht genau so.
Und selbst in den USA sind auch manche Debatten scheinheilig - hier in Europa spürt man zwar bis heute die Nachwehen des Faschismus, wenn es um bestimmte Menschengruppen geht, aber es ist nicht so, als wenn es in Amerika KEINEN Rassismus oder keine andersgeartete faschistoide Vergangenheit gibt.
Die Zeit der Rassentrennung gab es und liegt vergleichsweise weniger lang zurück als WWII selbst, Antisemitismus gab und gibt es in den USA auch (die behämmertesten Verschwörungstheorien um das weltweit organisierte Judentum kommen teilweise von da), Sexismus soll dort niemand das Maul aufmachen - wenn immernoch hervorgehoben werden muss, dass eine Frau etwas macht, dann spricht das Bände wie stockkonservativ die USA in der Tiefe noch sind -, in der jüngeren Zeit wurde viel über Homophobie publik durch die Debatte um same-sex marriage, Hollywood selbst ist auch recht homophob, wenn dort ein homosexueller Schauspieler/-in keine Angebote mehr kriegt, sobald ein Outing erfolgt ist, und über den Religionskram soll auch niemand den Mund aufmachen - wie oft versuchen die radikalen Christen hinter der Religionsfreiheit allen anderen etwas zu verbieten oder aufzuzwingen, was nicht ihrer Sicht der Dinge entspricht?
Vorbild Amerika? Vergiss es. Und daran haben Identity Politics nichts geändert, eher noch den Graben verstärkt, weil jeder sich plötzlich berufen fühlt, die Anliegen "seiner" vermeintlichen Gruppe zu verteidigen wie als wenn es seine eigene Familie wäre (und selbst da ist es ungesund, jeden Unsinn zu unterstützen nur weil man meint, Blut ist dicker als Wasser).
Gerade den Religionsteil muss man nicht nachahmen, da ist man hier mit dem, was Bismarck mal gesät hat recht gut gefahren.
Dadurch hat es nicht solche Dinge gegeben, dass eine einzelne Frau auf dem Standesamt einem schwulen Paar die Dienstleistungen verweigern kann, weil sie aus religiösen Gründen nicht an diese Sache glaubt.
Wenn Religion sich aus dem Staat raushalten muss, dann werden alle gleich bedient. Aus dem einfachen Grunde: "Deine persönliche Meinung als kleines Rad interessiert hier nicht, du bist hier um den Leuten zu dienen, wenn du das nicht kannst oder willst, dann musst du dir einen anderen Job suchen, wo du nur mit dir genehmen Leuten in Berührung kommst."
Die Denkweise hat einem lange Zeit einigen Ärger erspart, den muss man nicht importieren - das, was man davon jetzt schon praktiziert, es BRINGT ja schon Ärger. Den lieben langen Tag auf den öffentlich-rechtlichen Kanälen Werbung für irgendjemandes Religion machen - ob das nun der Katholizismus, das Judentum oder der Islam ist... Von irgendwas davon ist nämlich mittlerweile jeder irgendwo genervt.
Und bei den anderen Themen aus dem Dunstkreis ID Politics ist es nicht besser. Vorher konnten die Dinge aber mit weniger täglichem Krawall laufen. Wozu braucht man es dann also?

Der Begriff "Identitätspolitik" ist so stark vereinfachend, dass es schon weh tut.
Es gab einmal den Begriff der "Rolle" - man ist in Vaterrolle, in der Rolle als Arbeitnehmer, in der Rolle als Wähler, etc. - dieser Begriff ist noch verwendbar, weil er nicht impliziert, dass man eine Identität hat: multiple Rollen sind möglich, multiple Identitäten nennt man Schizophrenie.

Identität ist singular. Identität ist eine Ansammlung von Merkmalen eines Individuums. Die können aber natürlich der Schublade widersprechen.
Identität reduziert unzulässig die Komplexität eines Menschen auf ein einzelnes Merkmal.

Ja, es ist ein stark vereinfachter Begriff, der da benutzt wird, um dieses ganze Spektrum, welches aber einem gemeinsamen Schema folgt, zu benennen. Also - dass du danach suchen gehen kannst und genau diesen Kontent darunter finden kannst, wo es um Aktivismus für eine bestimmte Gruppe (vornehmlich gesellschaftliche Minderheiten, laut amerikanischer Bevölkerungsverteilung) geht und angenommen wird, auf Grund von nur einer (!) Eigenschaft sei diese homogen und ihre Mitglieder wünschen sich geschlossen alle dasselbe.
Gerade bei dem Begriff "Identität" könnte man ja heutzutage annehmen, es kommt irgendwo aus dem Dunstkreis der Identitären, die es heute so gibt...
Ist aber nicht der Fall. Den Begriff gibt's wohl schon länger im englischen Sprachraum, um das Ganze zu umfassen. Länger als die jedenfalls.

Stimmt, "Rolle" wäre wohl wirklich ein treffenderer Begriff, denn "Rolle" ist bis zu einem gewissen Teil etwas wandelbares.
Denk mal aber nach, bei den puritanischen Hintergründen von Amerika, würde da einer mit dieser Sortierung ankommen?
Irgendwie wirkt das nicht verwunderlich, denn die Hintergründe gehen tiefer als alles "jeder ist seines eigenen Glückes Schmied", was einerseits deutlich jünger ist, und zum anderen, angesichts der Kapitalkonzentrierung, in der Realität mehr wie das deutlich wahrere erscheint. Du kannst dich abrackern, am Ende wirst du doch nicht reich, also muss es an irgendwelchen Dingen liegen, auf die du keinen Einfluss hast... (Aber Soziologie und Hierarchien zu verstehen ist etwas so komplexes, da ist es eben einfacher an so etwas wie Rasse oder Geschlecht oder ethnische Herkunft zu glauben. Kann man schließlich sehen und anfassen...)

Diese vermeintliche Identitätsbildung widerstrebt mir auch.
Gerade weil sie auf einem sehr naiv gestrickten Denkfehler beruht, dass Leute, auf Grund von einem (!) Merkmal, dass sie gemeinsam haben, angenommen (!) wird, dass sie die stets gleichen Bestrebungen haben, egal um was es geht.
Das ist nämlich grundlegend falsch und wird in keinster Weise den individuellen Persönlichkeiten dieser Menschen gerecht, stopft sie regelrecht glatt noch in eine Schublade und animiert sie zu irgendwelchen künstlichen Gruppenverhalten, welches sie sonst nicht hätten, wenn sie sich mit ihren Mitläufern 'mal unterhalten müssten und feststellen würden, sie wären persönlich absolut verschieden voneinander.
Bei einzelnen Themen, die diese Gruppe mehrheitlich oder ausschließlich angehen, da kann es mal passieren, dass es Bestrebungen in lediglich eine oder wenige ausgewählte Richtungen geht. Aber es ist einfach nicht andauernd so...

Das Getue erinnert mehr daran, wie wenn jemand bedingungslos jeden aus seiner Sippe in die höchste Position bringen will, egal ob er sich mit demjenigen verträgt oder nicht. Weil die Maxime verinnerlicht wurde "Blut ist dicker als Wasser - Familie ist für immer" und man daher für Blut alles tun muss, was in der Macht steht.
Solches Verhalten ist aber keine Demokratie, so etwas nennt man "Filz- und Vetternwirtschaft". Cronyism.

Das deutsche Wahlrecht war im Kaiserreich durchaus fortschrittlicher als das in England oder den USA.
Preussen und sein 3-Klassen-Wahlrecht waren eher übliche Muster, wie man sie ähnlich im Rest Europas kannte. In Preussen galt als Ausschlusskriterium die Steuerpflicht, die Stimmen wurden dann anhand der Steuerzahlungen gewichtet - in Klassen eingeteilt. Darüber hinaus gab es keine grösseren Einschränkungen. In den USA hielten sich dagegen Einschränkungen bis in die 70er (als die Indianer endlich auch wählen durften).

Identitätspolitik soll die Leute persönlich ansprechen - "Du als weisser christlicher Mann" - was aber, wie oben erwähnt eine extrem unzulässige Reduktion ist. Das ist genau das gleiche mit den modernen Feministinnen. Die lösen das Problem dadurch, dass sie alle anderen Unterscheidungen der zwischen Mann und Frau unterordnen (was natürlich hanebüchener Quatsch ist).

Das persönliche Ansprechen... Hm... Zugegeben, das bedient es irgendwie. Obwohl es eben beim Ansprechen auch nur bleibt, danach versucht es dir schon wieder zu erzählen, was du gut und schlecht finden sollst in deiner Identität als was-auch-immer.

Weißte, es ist ja nicht so, dass man nicht auch irgendeine Form von Identität selbst pflegt, zu welcher Art Gruppe man gehört oder denkt, dass man da irgendwie mit zugehört in ganz groben Zügen.
Was ich aber sagen muss: Es ist ein sehr komplexes Bild, wo man eher nach Schemata als nach einzelnen Merkmalen gehen sollte, ob man dieses oder jenes erfüllt oder was weiß ich nicht was.
An die große Glocke hängen kann ich es aber nicht, weil es einem unter Umständen mit den falschen Leuten nur Ärger einbringt oder sie einen ziemlich dumm angucken - und, dazu sei gesagt, es besteht auch kein Wille in mir danach. Ich muss nicht jedem meine Identität ins Gesicht drücken. Es ist auch mal gut und angenehm, was für sich zu behalten.
Und - es verbietet mir ja keiner, aus meinem inneren Selbstverständnis heraus Dinge so oder so auf irgendeine Art und Weise zu sehen! Daran ändert sich ja nichts, wenn ich anderen nicht meine Identität ins Gesicht schreie! Denken darf ich immer noch innerhalb meiner Identität, was ich will.

Irgendwie kommt einem dieses Identitätsherumgeiere vor wie vollpubertäres Gebaren. Da ist es auch wichtig, irgendwer zu sein, irgendwo dazuzugehören, und zu zeigen, wer man ist, dass alle Welt das ungefragt sehen darf - je lauter, je besser.
Vielleicht liegt es daran, dass man aus dieser Phase geistig herausgewachsen ist, dass man meint, man braucht das alles nicht mehr so übermäßig intensiv... Es reicht auch aus, wenn man es dezent nonverbal zu verstehen gibt, ohne den großen Aufruhr.

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