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Türkei - das Drama im Nahen Osten

Der Eindruck wird immer stärker und grenzt an Gewissheit: Erdogan will das Osmanische Reich wiederbeleben. Die Ideen des grossen Atatürk scheinen den Politikern um Erdogan nicht mehr zeitgemäss. Zwar gab es bereits zu Zeiten Kemal Atatürks Verfolgungen der kurdischen Minderheiten, die revolutionäre Leistung bestand aber dennoch durch die Zerschlagung der osmanischen Herrschaftstraditionen, die Hinwendung zur westlichen Gesellschaft mit Demokratie, Gewaltenteilung und Achtung der Grundrechte. Für den Staat an der Grenze zwischen dem stark vom Islam geprägten Nahen und mittleren Osten und Europa war dies in Folge immer eine Herausforderung. Ich brachte es gerne auf die Formel "Die Türkei beweist, dass westliche Werte und Islam vereinbar sind". Die aktuelle Lage in dieser Weltregion, welche von den wiederholten Invasionen der USA (und ihrer Verbündeten) geprägt ist und wie die Vorgänger von vor 1000 Jahren die eigentliche Motivation durch einen religiösen Konflikt verdecken zu unvergleichlichem Blutvergiessen führen berühren natürlich auch die Türkei.


(der tote Atatürk)


Dass Erdogan hierbei ein sehr gefährliches Spiel treibt, indem er die Kreuzzüge des Westens ausnutzt um seine Fantasien umzusetzen kann nur gelingen, solange die USA es sich nicht leisten können, die Türkei angemessen zu sanktionieren.

Was mich in diesem Zusammenhang erstaunt ist der Rückhalt, den Erdogan in der Heimat geniesst.
In vielen Weltgegenden scheint die Moderne, der Fortschritt in Verruf zu kommen - "Entfremdung" fällt mir als Stichwort ein. Doch kann das die gegenwärtigen Tendenzen in der Türkei erklären? Schliesslich ist die Türkei seit 100 Jahren ein weltlicher Staat und auch die osmanischen Traditionen sind seitdem kaum mehr als Folklore.
Ich kann hier nur vermuten: Einmal könnte der stark ausgeprägte Unterschied zwischen Stadt und Land eine Erklärung bieten - westliche Freiheiten und Lebensstil sind tendenziell eher urban. Verstärkt wird das sicher noch durch das Wohlstandsgefälle zwischen Stadt und Land. Dann darf die Rolle des Militärs sicher nicht unterschätzt werden. Gegen das Militär kann in der Türkei niemand regieren. Und auch das Militär ist eher konservativ und auf Traditionen aus. Die vielen Auslandstürken könnten von der Ausländer- und insbesondere Islamfeindlichkeit in Erdogans Lager getrieben worden sein. Ein vermeintlich starker türkischer Staatschef als Gegenpol zur diskriminierten Situation im Gastland.

Die westliche Welt ist natürlich nun in einer verzwickten Lage - oder könnte es sein, wenn sie nicht wie üblich Heucheln würde und eine erstaunliche moralische Flexibilität an den Tag legen würde. Einerseits führt und unterstützt man die Kreuzzüge der Amis - da muss man doch eigentlich fragen: Tun die Türken etwas anderes? Für sie ist das "Stückchen Kuchen" doch viel näher! Andererseits hat man grade erst die Kurdischen Milizen ausgebildet und ausgerüstet, um gegen den IS zu kämpfen und zuhause vor den Fernsehschirmen ist noch nicht vergessen, dass die Kurden die "Guten" sind, die heldenhaften Peschmerga. Ein Schelm, wer sich an die Glorifizierung der Mudjahedin zu Beginn der 80er erinnert fühlt. Einer der bekanntesten Führer dieser von den USA unterstützten Helden hiess Osama bin Laden. Viele der ehemaligen Freiheitskämpfer, dieser Helden von einst sind nun entweder als Taliban oder IS-Kämpfer Verkörperung des Bösen.
Ich meine ja, das ist Absicht: die USA können ihre Kriege nicht gewinnen, also destabilisieren sie die Region bis sie in einem quasi herrschaftslosen Zustand ist. Das erleichtert die Ausbeutung des Rohstoffs, um den sich alles in dieser Region zu Beginn des 21. Jahrhunderts dreht. Tatsächlich haben die Briten, welche den IS militärisch bekämpft keine Mühe, Öl vom IS zu kaufen und in London zu handeln. Auch Assad wurde umgewertet. Nachdem er die Führung Syriens übernommen hatte wurde er zunächst gefeiert - und tatsächlich war und ist Syrien ein vergleichsweise modern verfasster Staat mit einer liberalen Politik gewesen. Bis Misernten und ein kleines Problem mit der Streckenführung einer Ölpipeline zu Aufständen führten. Dass diese Aufstände nicht unterstützt wurden ist sehr unwahrscheinlich, vor allem, wenn man an die inzwischen mehr oder weniger offiziellen Aktionen der CIA im Umfeld des Bürgerkriegs in der Ukraine denkt (ich halte eine CIA-Unterstützung oder -"Inspiration" des Massakers auf dem Maidan für sehr wahrscheinlich. Das geleakte Interview mit Victoria Nuland spricht von 5 Milliarden für den Umsturz.)

Zusammengefasst empfinde ich bei aller berechtigten Kritik an Erdogan Türkei-Bashing nicht hilfreich. Das hohe Ross steht westlichen Nationen schlicht nicht zu. Wie man die Krise bewältigen kann und dabei die Interessen aller Beteiligter auf der Basis der UN-Charta wahren kann ist leider sehr heikel. Mir würde niemand einfallen, der genug persönliche Autorität besitzt und der nicht direkt mit korrumpierten Systemen in Verbindung gebracht werden kann, der eine Vermittlerrolle glaubwürdig übernehmen könnte. Nelson Mandela ist mir spontan eingefallen. Leider steht der nicht mehr zur Verfügung. Danach lange nichts mehr. Auch das sagt viel über die aktuelle Lage in der Weltpolitik, oder?

Ein Held (Nelson Mandela)
Tags: gedanken, meinung, schweinschen schlaus weisheiten
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