lautenist (lautenist) wrote,
lautenist
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Und wieder mal ...

Cambridge-Analytica wird zum Skandal erhoben.

Prinzipiell gibt es zwei verschiedene (fundiert begründete) Meinungen zum Thema, die beide eine gewisse Berechtigung und Stärken und Schwächen im Gedankengang haben:
Sascha Lobo schliesst auf SPON

Das ist das Vergehen von Facebook: dem Umsatz jede Vorsicht bei der gesellschaftlichen Wirkung sozialer Medien zu opfern. Von Fake News über Hetze bis zu Propaganda - Facebook hat es über Jahre nicht ernsthaft interessiert, was auf seiner Plattform geschah, solange ausreichend Werbung geschaltet wurde.

Dagegen äusser Fefe in einem Interview für Meedia:
Die Vorstellung halte ich für hochgradig naiv, dass Facebook quasi versehentlich den größten Datenhaufen in der Geschichte der Menschheit aufgehäuft hat, und gar nicht weiß, was sie da tun. Nichts davon war Zufall, alles war Absicht. Die Software ist nicht vom Himmel gefallen. Die hat jemand geschrieben, mit dem beauftragten Funktionsumfang, und der ist dafür fürstlich entlohnt worden.

Wenn Facebook jetzt so tut, als seien irgendwas an der Situation nicht klar oder ein Versehen gewesen, erinnert mich das an die Beteuerungen der Tabaklobby, dass der Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs noch nicht klar belegt sei. Es ist schlimm genug, dass der Trick damals funktioniert hat (und beim Klimawandel wieder zu funktionieren scheint). Wir sollten auf so einen plumpen Trick nicht wieder reinfallen.

Gemeinsam ist beiden die Feststellung, dass Facebooks Geschäftsmodell Werbung ist. Beide unterscheiden sich in der Bewertung des Tatbestandes, Die von Sascha Lobo halte ich zumindest für zu mild. Generell hat Lobo oft eine Sichtweise, welche das zugrunde liegende Problem ausblendet. Das ist etwas, was ich an Fefe sehr schätze. Wer das Interview mit ihm liest wird feststellen, dass er sehr genau erkennt, wie schädlich Werbung ist.

Was man in diesem Zusammenhang allerdings auch sehen muss, wie abhängig viele Geschäftsbereiche - und in Folge viele Menschen - von Werbung sind. Nach Regulation zu verlangen macht es notwendig, eine scharfe Trennung zwischen Information und Werbung zu ziehen. Werbung sind eben nicht nur irreführende Versprechungen, sie kann genauso das Apothekenschild sein, das mir hilft mich zu orientieren oder der Flyer der Band, die auf ihr Konzert aufmerksam machen will. Oder der Hinweis der örtlichen Restaurants, welche über Weihnachten wann geöffnet haben ... alles Werbung! Aber nicht notwendigerweise irreführend - natürlich positiv-wertend. Will ich Interesse für eines meiner Konzerte wecken werde ich sicher nicht die negativsten Abschnitte aus Rezensionen früherer Auftritte wählen!
Werbung wie die auf Facebook unterscheidet sich von Werbung, die wir gewöhnlich dulden würden dadurch, dass sie nicht notwendigerweise als solche gekennzeichnet ist. Sie hat keinen Informationsgehalt, sondern verbreitet tatsächlich irreführende Versprechungen (Die berühmte Zahnarztfrau, Autowerbung ....). OCEAN als Basis zu verwenden, wen man wie erreicht ist letzten Endes eine Verfeinerung bekannter Methoden, die - und nun kommen Facebook als Dealer ins Gespräch - aufgrund der Sammelungen der Datenkraken sehr fein die Zielgruppen und Botschaften abstimmen, mit denen diese Zielgruppen angesprochen werden können. Das findet nicht nur auf den Plattformen selbst statt sondern mit den von uns gesammelten Daten wird gehandelt. Die Masse bedeutet hier zunächst einmal einfach, dass man beeindruckt wird von der grossen Zahl. So um die 2 Milliarden Profile - Plus all dem, was über die Buttons abgesaugt wird. Da kommt einiges zusammen. Unter anderem auch Messfehler. Denn während beispielsweise im aufgeklärten Mitteleuropa eine schwule Partnerschaft tendenziell positiv bewertet werden könnte sieht die Situation im amerikanischen Mittelwesten wahrscheinlich anders aus. (Natürlich hinkt das Beispiel - es soll nur das Problem illustrieren, innerhalb der Datenmasse die Bezugsgrössen jeweils fein genug zu kalibrieren). Recht unterhaltsam über die sich ergebenden Probleme schreibt übrigens Trevanian bereits Ende der 70er Jahre in seinem - nennen wir es mal Thriller - "Shibumi", wenn er von dem Supercomputer der Muttergesellschaft ("big thought") spricht. Dass sie nicht unrealistisch sind zeigt das im Link beschriebene Problem mit der Farbkodierung von Terroristen. Um das System intuitiver zu machen werden auf dem Computer der Muttergesellschaft linke Terroristen rot markiert, IRA Kämpfer grün etc - in dieser Logik wurden dann Black Panther-Aktivisten schwarz dargestellt. Schwarze Schrift auf schwarzem Grund ist allerdings schwer lesbar und in Folge blieben die Aktionen der Black Panther-Aktivisten monatelang nicht beobachtet.


Gleichzeitig stört uns die Vorstellung, manipuliert zu werden. Wir erliegen zu gerne dem Irrglauben, wir seien werberesistent. Das ist allerdings niemand - Wie man Werbung sinnvoll regulieren könnte muss ich mir allerdings erst noch überlegen. (ich habe den Eindruck, so schnell gehen mir hier nicht die Themen aus)
Tags: gedanken, meinung, schweinschen schlaus weisheiten, thomas mental chaos
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