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Flugtaxis oder das Dilemma der modernen Mobilität

Dorothee Bär verbreitet zur Zeit kräftig Heiterkeit mit ihrer Idee des Flugtaxis - und erntet einen Shitstorm wegen eines unangebrachten Tweets.

Prinzipiell könnte das cool sein, wie der Auftritt dieser Firma belegt, oder?  https://lilium.com/

Allerdings sind auch elektronisch betriebene Drohnen keine Lösung - man kennt es aus "Das 5.Element" - ob am Boden oder in der Luft


Das Problem ist die Konzentration auf zu engem Raum und nicht das Fortbewegungsmittel.


Ein Problem sind natürlich auch die in Flugverkehr gesteckten Resourcen. Eine Übersicht findet sich hier. Mit dem Vorschlag will sich die gute Doro wohl als innovationsfreudig, kreativ und *hastenichgesehn* selbstdarstellen. Sie offenbart aber nur Ignoranz und Inkompetenz.

Natürlich ist es nicht immer so einfach, solche Aktionen zu entlarven. Es lohnt sich aber immer ein Blick auf das eigentliche Problem, auf das Problem, das dem Vorschlag zugrunde liegt. Im Zusammenhang mit Politikern ist das in der Regel gesellschaftlicher Art. Nun hat es wenig Aufwand gekostet, Doros Vorschlag als ungeeignet zu entlarven (man stelle sich nur die Situation im Tweet vor, der ihr den Shitstorm eingebracht hat, wenn jeder Zugreisende ein Flugtaxi bestellt hätte - Chaos wäre vorprogrammiert! Dazu kann man sich die Kosten denken. Man kann auch überlegen, was passiert wäre, wenn jeder Fahrgast ein normales Taxi bestellt hätte - genauso chaotisch: Taxis sind die individuellste Möglichkeit, sich ohne eigenes Gefährt fortzubewegen, aber die bei weitem am wenigsten wirtschaftliche und ökologische). Das ergibt sich bei Doro schon aus der Situation.
Das Problem ist aber doch eigentlich, dass die wirtschaftlichen Prozesse seit der Industrialisierung nicht mehr nah am Wohnort stattfinden. Es gab nun nicht mehr den heimischen Bauernhof oder Handwerksbetrieb, auf dem gelebt und gearbeitet wurde sondern man musste sich zu einer Werkhalle begeben, in der viele Menschen zusammen arbeiten. Dieser Weg ist im Laufe der Geschichte immer weiter geworden (in der Schweiz beträgt er durchschnittlich 14,5 Kilometer) und der Anteil Betroffener immer grösser. Von ca. 10% überhaupt Betroffener 1900 die ca. 2 km Arbeitsweg hatten auf heute nahezu jeden (4,7% sind nicht betroffen), der einen Arbeitsweg hat, der im Schnitt weltweit 25 Minuten dauert. In der Schweiz werden 70 Minuten Arbeitsweg nach Google-Recherche noch als zumutbar empfunden. Die Zahlen sollen hier nicht das Problem sein. Es geht nur darum zu belegen, dass unsere Form zu wirtschaften von denen, die daran teilnehmen verlangt, mobil zu sein. Ob das ein Manager ist, der schnell mal von Zürich nach Berlin, London, New York oder Tokio jettet oder ein kleiner Arbeiter, der mit seinem Auto oder der Bahn "ins Büro" fährt ist dann in einem weiteren Schritt interessant. Problem ist die Notwendigkeit, mobil zu sein - sicher nicht die Art des Gefährts. Wir haben nun im Zeitverlauf Verhältnismässigkeiten zwischen dem Fortbewegungsmittel und der zurückzulegenden Entfernung. Dazu gibt es Untersuchungen. Mir fehlt dabei die Berücksichtigung der Betriebsgrössen. Ich vermute, dass je grösser die Betriebsstätte (Firma) desto weiter der Arbeitsweg. Einfach aus dem Grund, dass mehr Leute an ein und denselben Ort wollen und der Platz in der Nähe begrenzt ist. Dazu kommt, dass international die Lebenshaltungskosten in der Nähe solcher Zentren höher sind als in grösserer Entfernung. Abgeleitet von dem Problem, dass unsere Art zu Wirtschaften uns nötigt, mobil zu sein haben wir also ein Problem mit einer Verknappung des Raums und dadurch bedingt ungleiche Kostensituation Zentrum/Peripherie. Ein Phänomen, welches in diesem Zusammenhang noch interessant ist ist der zyklische Wechsel zwischen Stadt- und Landflucht. Zur Zeit zieht es diejenigen wieder in die Städte, die es sich leisten können. Vor einigen Jahrzehnten war es genau umgekehrt. Hier spielt eine Rolle, wie wir Lebensqualität definieren. Ein hier in der kleinen Schweiz in diesem Zusammenhang sehr massives und viel diskutiertes Problem ist das der Zersiedlung. -> den Wohnraum, den eine Person für sich beansprucht ist alleine seit 1970 um ca. ein Viertel gewachsen von etwas unter 30 qm auf über 40.



Natürlich wird der in Städten sowieso knappe Lebensraum dadurch nicht mehr - und die Preise steigen.

An der Art des Wirtschaftens will wahrscheinlich keine der grossen Parteien etwas ändern, auch wenn das Homeoffice in vielen Bereichen sowohl praktikabel wäre wie es auch Lebensqualität heben würde, die Notwendigkeit zur Mobilität verringern, ökologisch helfen und in den meisten Fällen wohl auch sozial eher bereichernd wären (Familie-Beruf wäre zum Beispiel kein Thema mehr - wen interessiert Väter-/Mütterzeit, wenn Familie kein Antagonist zum Arbeiten mehr ist?).
Eine weitere Idee könnte sein, Anreize für Unternehmen zu schaffen, aus den Ballungsräumen hinaus zu gehen. Das würde ausserdem einen Beitrag zur Entwicklung leisten. Dabei muss man dann natürlich Aspekte des Naturschutzes beachten. Das wäre eine sinnvolle Diskussion - Flugtaxis sind es nicht!
Diesel wird nach dem Skandal verdammt. Das ist natürlich auch nur teilweise berechtigt, denn unsere Fixierung auf das Auto ist problematisch. Verbrenne ich fossiles Material, egal welche Art von Brennstoff ich dabei verwende, erzeuge ich nicht nur Schadstoffe - ich opfere gleichzeitig einen Teil Erdgeschichte sowie einen wertvollen Rohstoff meiner Mobilität. Elektromobilität kann keine Lösung sein solange zur Erzeugung der Elektrizität fossile Brennstoffe benutzt werden. Klar: Hier in Obwalden wird nahezu ausnahmslos Ökostrom erzeugt, doch selbst bei meinem Elektroroller müsste ich berücksichtigen, dass zu seinem Bau, vor allem seiner Batterien, sicher kein sauberer Strom verwendet wurde. Ich gehe von einem leichten Plus bei Elektro aus, weil Unternehmen potentiell effektiver gegen Luftverschmutzung vorgehen können als das im Individualverkehr bei Verbrennungsmotoren passiert. Hier habe ich keine verwendbaren Untersuchungen gefunden.

Das ist natürlich wieder nur ein Anriss einer Problembeschreibung. Von anderem Ort (um nur ein Beispiel zu nennen: Wie spielt Naturschutzes in die Problematik hinein? Stichwort "Rückkehr der Wölfe", Wildkatzen, Wildbrücken) betrachtet wird das Problem noch komplexer und es besteht noch mehr Notwendigkeit, Interessen abzuwägen, Kompromisse zu finden - und sich zu streiten.

Tags: gedanken, meinung, neues aus der anstalt, schweinschen schlaus weisheiten, thomas mental chaos
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