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Clichés als Kunst

Wenn er auf einen Hügel mit euch steiget
Und seinem Auge sich, in mildem Abendschein,
Das malerische Tal – auf einmal zeiget.

F. Schiller (aus: Die Künstler)


Ich muss ja mal sagen, dass es mich immer wieder nervt, wie sich einige Leute in der Fotographie gerne selbst zu Künstlern erklären. Tatsächlich bedienen sie aber nur, manchmal recht kunstvoll, Clichés. Das Mädel in der Botanik, der Eiffelturn (und nahezu alle anderen touristischen Ziele), Hände, ... es gibt inzwischen nahezu unendlich viele, kaputtfotographierte Motive. Nun lernt man ja durch Nachahmung und es ist absolut nichts verwerfliches dabei, auch zum millionsten Mal ein Mädel in der Botanik zu knipsen oder die zig-millionste Ansicht des Eiffelturms festzuhalten. So hat es ja auch wirklich noch nie jemand gesehen und so wird es niemand mehr sehen! Dort können also schöne, teileweise sogar sehr schöne Bilder herauskommen.  Fotokunst als solches ist generell heikel, da man prinzipiell zunächst ein Abbild der Wirklichkeit gestaltet, eher dokumentiert als schafft. Ähnlich wie auch bei älterer Malerei war Fotographie aber natürlich nie reine Dokumentation, nie reines Abbild der Wirklichkeit, denn durch Wahl des Bildausschnitts und die Wahl von Blende und Belichtungszeit wird die abgebildete Wirklichkeit bereits interpretiert. Nun würde es, denke ich, zu weit führen, jede Interpretation der Wirklichkeit der Kunst zuzuordnen. Doch das ist es, was diejenigen Fotographen tun, die ihr Handwerk pauschal "Kunst" nennen. Damit wird alles zur Kunst - was einerseits charmant ist (man kann auch wirklich mit einiger Berechtigung die Überzeugung vertreten, Kunst liege in allen Dingen), andererseits zu Beliebigkeit führt. Ein solches ästhetisches Konzept tendiert dazu, das Wesen der Schönheit zu negieren - wenn alles schön ist ist nichts schön. Wenn nichts schön ist braucht es den Begriff nicht (mehr) und somit wird die Schönheit aus der Welt herausgenommen. Soweit, so banal. So weit, so traurig.

Was an diesen Gedanken bemerkenswert ist sind weniger die Gedanken selbst. Sondern, dass man sie vertreten muss. Dass das heutige Kunst- und Schönheitsverständnis etwas wie "Schönheit liegt im Auge des Betrachters" als Aufforderung zur willkürlichen Beurteilung; als eine Begründung, warum Schönheit nicht begründet werden muss interpretiert wird zeugt von einem ästhetischen Verständnis, welches das Cliché zum Massstab von Schönheit erhebt. Schön ist, was dem bereits als schön Bekannten gleicht. Damit werden Kopien klar bevorzugt und die Gefahr, Clichés zur Kunst zu erheben ist immens. Das erklärt natürlich auch die weitgehende Ablehnung der Moderne. Der Zeitgeist ist retrospektiv und repetitiv. Nicht das Neue ist reizvoll sondern gleich Kindern, welche die gleiche Geschichte immer wieder hören wollen, um das gleche wohlige Gefühl immer wieder neu zu erleben will auch der moderne Kunstgeniesser meistens nicht voranschreiten sondern verharren. In einer Endlosschleife die 4 Jahreszeiten hören, Tizian und van Gogh anschauen und Varianten des Taugenichtses lesen.

Das bietet natürlich beliebig Raum und manches interessante Experiment. Zum Beispiel, indem man Werk und Person in einen neuen Kontext rückt wie hier in einer Episode von Doctor Who.

Ich sage nicht, dass Kunst oder Kreativität innerhalb der Grenzen, die uns das vorherrschende Cliché von Kunst und Künstler setzt nicht möglich ist.

Dass die Moderne Kunst bei "Kunstliebhabern" inzwischen selbst diesem Schema von Cliché und Wiederholung folgt entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Bitter kann man werden, wenn man feststellt, dass die Ästhetik unserer Zeit als das, was dem Zeitgeist entspricht und dem, was als schön empfunden wird gar keine Kunst ist. Es ist eigentlich Werbung. Marktschreierei ist es, was das heutige Lebensgefühl prägt und ausdrückt. Das ist natürlich keine Kunst und kann sie auch nicht ersetzen. Sie ist nicht einmal willkommen - mehrheitlich wird sie eher als lästig empfunden. Aber der durchgehenden, alle Bereiche des Lebens durchdringenden Kommerzialisierung, der Bewertung von allem und jedem in Geld entspricht keine Kunst, sondern Werbung - und die wiederum entspricht der Ästhetik einer Leni Riefenstahl die sich in vielen Variantionen und heute natürlich in Farbe in unserem Leben wiederfinden

(Fotos aus dem Internet zusammengeklaubt)




Natürlich strahlen die Bilder Riefenstahls Pathos und Ernsthaftigkeit aus, während die Werbung oft versucht witzig zu sein. Es geht mir hier darum, eine Referenz aufzuzeigen, auf die sich bezogen wird, um das ästhetische Bewusstsein unserer Zeit zu illustrieren.

Typisch ist, dass wir Schönheit nicht mehr als ein Attribut einer Person oder eines Dings empfinden. Physische Schönheit ist etwas, was hergestellt wird - es ist geschaffen. Entweder durch die Situation (wie in den obigen Bildern) oder wie bei Fotomodellen durch Schminke, Kleidung ... so kann man auch den Berufsstand des Fotomodells verstehen. Das Modell ist nur eine leere Leinwand, die erst durch Hinzufügen Struktur und Inhalt bekommt. Derjenige, der diesen Zustand schafft nennt sich Künstler. Hier gilt nicht der als weise, der die Welt erkennt und das Wesen offenbart, sondern derjenige, der das Wesen verleiht. Ein Konzept das Tim Burton-Filme und viele Broadway-Produktionen auszeichnet.

Was sagt es über eine Welt aus, wenn diejenigen, die in ihr leben Schönheit einerseits als die ewige und ständige Wiederholung von Clichés aus der Vergangenheit sehen, diese aber andererseits nicht im Hier und Jetzt finden sondern Kunstobjekte zunächst von allen ihnen innewohnenden Attributen befreien, um dann diese Clichés anwenden zu können?

Warum finde ich nun, das sei keine Kunst? Man nennt es schliesslich so und das Zeug wird sogar als Kunst verkauft! Warum würden wohl Millionen bezahlt, wenn es sich nicht um Kunst handelt? Da ist natürlich einiges dran, doch ich finde, wir müssen unterscheiden zwischen der Kunst, die sich in der Natur findet und uns die Welt durch den Künstler vermittelt wird und einer Kunst, die uns eine Weltsicht quasi mit dem Holzhammer eintrichtern will. Wenn sie dazu noch nicht darüber hinauskommt, sich Clichés zu bedienen kann man sicher nicht von Kunst sprechen.

Tags: fotographie, fotography, gedanken, meinung, thomas chaos, thomas mental chaos, trivia photography
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