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Bewerben

Nachdem wir gesehen haben, dass in Stellenangeboten nicht sonderlich viel drin steht kommen wir zu dem Teil, der mir persönlich am meisten verhasst ist. Eine Stellenanzeige auseinandernehmen und zu schauen, was dort überhaupt steht macht noch Spass, aber mich selbst verkaufen?

Da fühle ich mich wie Asterix auf dem Sklavenmarkt, als er sich selbst versucht von Typhus, dem Sklavenhändler ("die Zuckerpüppchen von Typhus") und Lieferanten Caesars zu verkaufen (Die Lorbeeren des Caesar

Vor allem macht es gleich gar keinen Spass, wenn ich dabei daran denke, was mich dann in Zukunft erwartet

Die nächsten 30 oder 40 Jahre soll ich dann in den Stollen gehen und all die schöne Zeit dort verbringen?  Und dann soll ich auch noch so tun, als wollte ich das wirklich? Bin ich denn bescheuert?

Das erste, was man dabei machen soll ist Bewerbungsunterlagen zusammen zu stellen. In Eurem Fall dürfte das nicht allzu viel sein. Zeugnisse, ein tabellarischer Lebenslauf. Selbst bei mir iist das vor allem Copy&Paste. Das sehe ich ja sogar noch ein! Wenn die Kohle an mich bezahlen sollen dürfen sie vorher schon wissen, was ich gemacht ob, ob und was ich kann, wie ich in der Schule war und alles. Das ist reine Fleissarbeit. Da muss man halt durch.

Dann gehört ein Anschreiben dazu - das ist noch etwas Arbeit, weil man erwähnen sollte, worauf man sich bewirbt. Und heutzutage wollen sie noch das Lügenpapier schlechthin - ein Motivationsschreiben! Was geht in einem Arbeitgeber wohl vor, so etwas zu verlangen? Schreiben selbst faszinierend inhaltslose Stellenanzeigen und dann wollen die von uns, dass wir denen sagen, warum wir unbedingt diese Stelle wollen! Weil ich Kohle brauche und der Deal nun mal so geht: Ich gehe zu Euch schaffen und dafür bekomme ich Kohle! verdammichnochmal

Das sollte man nun allerdings vielleicht nicht so reinschreiben und das Motivationsschreiben stattdessen als einen ersten Ausflug ins Arbeitsleben interpretieren. Da geht es bekanntermassen ums Verkaufen, nicht darum, etwas zu können. Also natürlich sollte ein Arzt sich mit Krankheiten auskennen und ein Auto-Mechaniker sollte nicht lange nach dem Motor eines Autos suchen müssen. Doch dieser Teil des Arbeitslebens verliert immer mehr an Bedeutung, glaubt mir. Am Anfang, wenn alles neu für Euch ist seid Ihr noch mit fachlichen Fragen beschäftigt. Das wird immer weniger werden. Dafür wird Verkaufen und Heucheln eine immer grössere Rolle spielen. Ihr kennt es aus der Klasse - nur da waren die Schleimer die Unsympathen. Sie sind es auch im Berufsleben! Nur im Berufsleben werden die Schleimer ständig belohnt während die ehrlichen, vor allem, wenn sie auch noch Ecken und Kanten haben, es deutlich schwerer haben.

Uns interessiert aber erst einmal, die Stelle zu bekommen - ob wir lieber aufrecht und ehrlich oder "erfolgreich" durch das (Berufs-) Leben gehen wollen können wir später entscheiden.



Sind die Briefe in der Post kommt der nächste frustrierende Teil: Warten!
Viele Firmen haben nicht einmal mehr den Anstand, eine Absage zu schreiben. Die nehmen uns nicht ernst! Einige aber schon. Das kann bitter sein. Zu fragen, warum man nicht genommen wurde finde ich persönlich kaum hilfreich, weil die einem sowieso nur ins Gesicht lügen. Dass die Stelle bereits an die Tochter des Kunden xy vergeben war und sie nur pro forma noch ausgeschrieben werden musste werden sie uns nicht sagen und uns mit wunderbar klingendem Blödsinn abspeisen. Da ist es schwer, höflich zu bleiben. Manchmal bekommt man aber schon auch zu hören, dass Deine Mathe-Fünf  für den Job nicht gereicht hat - und? Kannst Du jetzt noch etwas daran ändern? Ausser Frust holt man sich nichts, selbst wenn man eine Absage bekommt.

Nachdem Du nun 200 Bewerbungen losgeschickt hast, von ungefähr 180 keine Antwort und von 15 eine Absage bekommen hast freust Du Dich über die Einladungen zum Gespräch als einen Erfolg. Als wäre es ein Erfolg, die Unabhängigkeit aufzugeben und sich zu verkaufen!
Und nun kommt auch noch ein weiterer Schritt: Das Vorstellungsgespräch!
Chique gekleidet sitzt Du, leicht nervös am Empfang und wartest auf Dein Gespräch wie der Heide auf die Inquisition. Mein Tipp: Lass die Reden! Die hören sich fast immer selbst gerne reden und da wir nicht lügen wollen sind wir lieber still. Es ist für einen Verkäufer besser - nur Ladenhüter müssen angepriesen werden. Zeige Dich trotzdem interessiert und beantworte die Fragen, egal wie blödsinnig sie sind, ehrlich und nicht zu ausführlich. Sollen sie ruhig nachfragen - das hält das Gespräch am Laufen!

Die berühmte blödsinnige Frage, wo man sich in der Zukunft sieht sollte nicht zu einem Lachkrampf führen. Auch die ehrliche Antwort ist nicht angesagt. Man bekommt irgendwann Übung - nur bittebitte! Nehmt dieses Verhalten nicht mit in das echte Leben! Den Menschen will niemand kennen - und mögen tut ihn auch niemand.

Es gibt Bewerbungs-Coaches, die meinen, Euch auf solche Vorstellungsgespräche vorbereiten zu können. Sie laufen ja immer mehr oder weniger gleich ab. Und eigentlich erwarten die Firmen-Fuzzis, die Euch gegenübersitzen, doch nicht wirklich ernsthafte und ehrliche Antworten auf den Blödsinn, den sie fragen, oder? Eigentlich ist das ganze doch nur ein Spiel, stimmt's?
Das stimmt tatsächlich, klar. Ich spiele das Spiel aber nur teilweise mit, denn das Getue können sich die Firmen nur leisten, weil sie meinen, sie hätten beliebig Auswahl. Sollen sie! Mich gibt es aber nur einmal und bei einem Vorstellungsgespräch schaue ich mir die Firma genau an. Alles vorher ist nicht wichtig und dient nur dem Zweck, hier hin zu kommen. Beachte dabei: Mitarbeiter der Personalabteilung überweisen Dir hinterher Dein Geld, sonst hast Du nur wenig mit ihnen zu tun. Dein Chef ist wichtiger, aber Chefs kommen und gehen. Bei einem miesen Chef (direkten Vorgesetzten) würde ich trotzdem nicht anfangen. Am wichtigsten sind die Kollegen, mit denen Du dann zusammenarbeitest. Die solltest Du unbedingt kennenlernen, bevor Du Dich entscheidest, ob Du die Stelle willst oder nicht.

Tags: für die Jugend, gedanken, meinung, philo
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