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Vom Eintritt in das Berufsleben

Lasst, die Ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!

... schreibt Dante auf den Eingang zur Hölle. Ihr nun, die Ihr nun Jahre auf der Schulbank verbracht habt und gelernt habt, was die Menschen Grosses an Zivilisation und Kultur erreicht hat - auch wenn Ihr es vielleicht nicht zu schätzen wisst, was Goethe, Schiller, Mozart, Beethoven geleistet haben und eher den Moder als den Glanz der Unsterblichkeit riecht, welche einen "Faust" oder "die Räuber" oder die Eroica umweht. Zumeist seid Ihr überzeugt von Euch und Eurer Bedeutung. Über Jahre des Lernens, von der Krabbelstube bis zum Examen ging es vorwärts, Ihr lerntet! Ihr wurdet besser, reifer, gebildeter. Nun also ist es soweit und der wirkliche Ernst des Lebens fängt an. Seid Euch bewusst: Ob Ihr etwas wisst oder könnt ist fortan nebensächlich, Von nun an interessiert nur noch, wie Ihr Euch verkauft. Von nun an dient die Bewertung nicht mehr Eurem Wissen und Eurem Können sondern Eurem Verkaufstalent. Wenn Ihr nun denkt: "Ich wusste es schon immer: Schule ist sinnlos" so liegt Ihr nicht ganz falsch, aber die Schule brachte Euch bei, was sein könnte und was sein sollte. Und in den paar Jahren zwischen 14 und 25 war die Zeit, an die Ihr Euch Euer Leben lang erinnern werdet. Verpasst sie nicht! Lehrer bilden sich ein, sie würden Euch auf das Leben vorbereiten - das gehört zu ihrem Selbstbetrug! Aber Vorbereiten auf das, was nun vor Euch liegt tun sie Euch nicht.

Aus der Schule seid Ihr Klassenkameraden gewohnt. Freunde und Gefährten für und im Leben. Im Berufsleben gibt es nur noch Konkurrenten. Der Begriff "Kollege" suggeriert einmal einen Genossen, einen Kamerad, vielleicht sogar einen Freund (wie im Schweizerdeutschen)? Viele Filme zeichnen das Bild vom kollegialen Umgang. Wenn Ihr aber einmal im Arbeitsleben angekommen seid werdet Ihr selten hören, dass jemand aufrichtig nett von seinen Kollegen spricht: es sei denn, er ist gekündigt. Manche glauben natürlich auch der Illusion - denen ist nicht zu helfen.

Eine Frage, die sich im Berufsleben immer stellt ist: Kann ich unter Kollegen Freunde finden?

Um das zu beantworten müssen wir zwei Dinge betrachten: Euren Charakter und das Wesen des Arbeitslebens.

Die höchste Weisheit und die erste Liebe
Vor mir ist kein geschaffen Ding gewesen,
Nur ewiges, und ich muss ewig dauern.

Zu Eurem Charakter kann ich wenig sagen. Normalerweise kommt Ihr aus der Schule und seid voller Ideale und habt mehr Vorstellungen von der Welt als davon, was die Welt wirklich ist. Als solches kümmert es Euch in Euren jungen Jahren die Falschheit des Berufslebens noch nicht, vielleicht glaubt Ihr sogar der Fassade? Einreissen wollt Ihr sie sicher nicht. Gewappnet mit solcherart Ignoranz kann man Freundschaften entwicklen - oberflächliche, "amerikanische" Freundschaften . Dabei handelt es sich um die Art Freunde, mit denen man ins Kino geht, ein Feierabendbier trinkt - vielleicht sogar Peinlichkeiten zugibt? Echte Freundschaften können sich vielleicht daraus entwickeln - ich habe es noch nie erlebt. Aber auszuschliessen ist es nicht. Es setzt voraus, dass man in der Lage ist, die Erniedrigung des Arbeitslebens zu vergessen - sich vielleicht humorvoll darüber hinweg zu setzen?

Woe to you, Oh Earth and Sea, for the Devil sends the beast with wrath, because he knows the time is short... Let him who hath understanding reckon the number of the beast for it is a human number, its number is Six hundred and sixty six.

Das Wesen des Arbeitslebens, der "abhängigen Beschäftigung" lässt sich recht treffend als Teilzeitsklaverei beschreiben. Solange Ihr auf der Arbeit seid, seid Ihr Diener eines oder mehrerer Meister.

Ihr seid nun ein Euphemismus, "Mitarbeiter" - in einem Kästchen auf einem Organigramm seid Ihr etwas, was "Funktion" genannt wird. In dieses Kästchen werdet Ihr ein- und ausgetragen. Persönlichkeit? Fähigkeiten? Buzzwords! Eure Komplexität - alles, was Euch als Mensch ausmacht wird reduziert auf dieses Kästchen. Einen ersten Eindruck von dem Theater, vom Lug und Trug des Arbeitslebens mag geben, dass man die Abteilung in einem Unternehmen, welche diese Kästchen verwaltet "Human Resources" nennt. Früher nannte man das übrigens Personal- und Sozialwesen - und oft verstanden sich die Lute dort wirklich als Mittler zwischen dem Mitarbeiter als Mensch und dem Mitarbeiter als Funktion.

Wenn Ihr nun glaubt, wenigstens Eure Leistung würde geschätzt täuscht Ihr Euch. Fortan wird nur gesehen, wenn Ihr versagt. Wahrgenommen wird, wenn Ihr die "Erwartungen" (wird unter Jobinhalt erklärt - kurz: es ist Willkür) nicht erfüllt. Da die Peitsche nicht mehr opportun erscheint nimmt man das viel elegantere Mittel des Selbstbetrugs auch hier in Anspruch. "Leistungsvereinbarungen" (s. dort) werden getroffen, damit Ihr "mehr als 100%" leistet. Beeindruckend fand ich immer, wie versucht wurde, den Anschein von Objektivität zu erwecken - es bleibt trotzdem Willkür. Ich habe nicht eine solche Leistungsvereinbarung gesehen, die nicht beliebig hätte angekreuzt werden können.

Leistung lohnt sich? Meint Ihr? Es gibt doch Leute, die Karriere machen - schauen wir sie uns bei Gelegenheit an! Wer macht warum Karriere? Und widmen wir uns der Frage, ob Karriere erstrebenswert ist. Doch auch das müssen wir auf ein eigenes Kapitel verschieben. Vorausgreifend lässt sich aber sagen: es geht nur um den Salär, also das Geld, das Ihr im Tausch für Eure Dienste bekommt. Dabei ist das kein Geschäft unter Gleichen, sondern Euer Dienstherr, der Arbeitgeber, wird bevorzugt.


Zusammengefasst lässt sich also sagen: Das Soziale Leben auf der Arbeit ist nicht zu vergleichen mit dem Leben, das Ihr in der Schule hattet. Es lassen sich zwar Analogien konstruieren, doch die Vorzeichen sind vollkommen anders: In der Schule ward Ihr frei, auch in Euren Freundschaften; nun müsst Ihr Euch arrangieren.

Das Arbeitsleben ist ein (ungleicher) Deal: Ihr bietet Eure Dienste gegen ein Entgelt an.  Ob nun als Arbeiter am Band, als Mechaniker, als kaufmännischer oder technischer Angestellter, im Management - wo auch immer, auf welcher Hierarchieebene auch immer: Der Unterschied liegt in der Entlohnung (interessant ist dabei, dass sich die Höhe der Entlohnung sehr nach der Dauer der Ausbildung richtet, die man braucht, um ihn zu erledigen, kaum nach der Bedeutung der Arbeit.).

Warum unter solchen Bedingungen überhaupt in das Berufsleben eintreten?

Tatsächlich gab es zu der Zeit, als ich die 9./10.Klasse beendet habe viele Mädchen (sorry Feministinnen - das war wirklich so!), die Ihre Ausbildung gemacht haben und anschliessend darauf gewartet haben, geheiratet zu werden und Kinder zu bekommen. Viele der Jungs haben studiert und immer weiter studiert, um sich dieser Situation, die wir nicht kannten, die wir aber erahnten, nicht auszusetzen (einige der Mädels hielten es ähnlich. Aber für die meisten Mädels meiner Zeit, die an die Uni gingen hatten den Zwispalt zwischen Beruf und Familie zugunsten des Berufs entschieden - viele haben das später bedauert) . Ehrlich gesagt: Es kam schlimmer, als ich es mir damals erträumt hätte. Verspricht "eigenes Geld" denn nicht "Unabhängigkeit"?

Wenn wir den Begriff "Unabhängigkeit" betrachten wird vielleicht schon klar, dass in den meisten Fällen von Anabhängigkeit kaum die Rede sein kann. Wir haben nur eine gewisse Wahlfreiheit, wem wir den Gegenwert unserer Arbeitsleistung für Miete, Kleidung, Versicherung, Mobilität, Unterhaltung anvertrauen und welchen Anteil unserer Arbeitsleistung wir gewillt sind, jeweils für die einzelnen Aspekte unseres Lebens zu opfern. Dass wir sie zahlen müssen ist uns allerdings keineswegs freigestellt. Bedeutet Geld also Freiheit? Oder ist es nur die Freiheit, wie und wo wir uns im Käfig bewegen? Vielleicht können wir uns auch etwas mehr Fläche für den Auslauf erkaufen? Für die meisten Menschen dreht sich das Leben genau um diesen kleinen Bereich - welches Auto fahren wir? wo gehen wir in Urlaub? Aber ist das Freiheit? Was ist Freiheit überhaupt? Die Wahl zwischen mehreren Möglichkeiten? Aber sicher auch die Wahl, sich aus dem Spiel zu nehmen, oder?  (Noch so ein Begriff, den es sich lohnt anzuschauen). Ich glaube, es ist deutlich geworden, dass "eigenes Geld" und "Unabhängigkeit" Begriffe sind, die bei nur leicht näherem Blick Bedeutung verlieren.

Warum also wirklich? Verlange ich von Dir, Dich selbst zu verleugnen, wider die Natur zu leben (upps - noch ein Begriff, den ich bei Gelegenheit erklären muss!)? Natürlich nicht! Denn wir leben nicht allein - unser Leben ist bestimmt durch Gemeinschaft. Schopenhauer verstand die ganze Welt als ein einziges organisches Wesen, verbunden durch das Leben selbst. Klingt hochtrabend, ist es aber gar nicht mal. Stell Dir einfach vor, Du lebst in einem Eingeborenendorf, Du kennst jeden Dein Leben lang, alle kennen Dich. Würdest Du alleine Leben wärst Du schon lange an einer Krankheit gestorben oder von einem wilden Tier gefressen worden. Also profitieren wir doch vom gemeinsamen Leben, oder? Toll ist es, wenn jemand da ist, der sich besonders gut mit der Behandlung von Krankheiten auskennt! Jemand, der Musik machen kann! Jemand, der Geschichten erzählt. Klar! Einen Fachmann (oder -frau. Das Geschlecht ist hierbei bedeutungslos) für den Anbau von Lebensmitteln brauchen wir auch! Irgend jemand muss das Ganze organisieren? Sehr einfach, nicht? Das solltet Ihr eigentlich in der Schule gelernt haben. Nur in einer Gemeinschaft kann man überleben. Schopenhauer fasst das nun einfach noch etwas weiter, indem er Pflanzen und Tiere mit einschliesst.

Also warum jetzt? Warum sollst Du Teilzeitsklave werden?

Darum: Trotz der Widernatürlichkeit, wie wir Arbeiten kann was wir Arbeiten für die Gemeinschaft sinnvoll sein. Was ohne einen Arzt, der Dich pflegt? Ohne den Notarztwagen, der Dich transportiert? Die Arzthelferin, die die Praxis organisiert etc. Was würdest Du ohne den Müllmann mit all dem Abfall machen? Was würdest Du ohne den Bauern essen? Wie kämst Du ohne den Zugführer zur Arbeit? Wenn Du nicht mehr weiter weisst? Was würdest Du ohne Psychater oder Priester machen?

Dabei spielt es keine Rolle, welchen Beruf Du ausübst. ich hoffe, das ist klar geworden. Eine Arzthelferin ist nicht weniger wert als der Arzt selbst. Ein Müllmann ist nicht weniger wert als ein Bürgermeister. Alle helfen, den Organismus "Menschheit" am Laufen zu halten, tragen zum Funktionieren der menschlichen Gemeinschaft bzw. der Welt bei. Es gibt aber auch Berufen, die den Organismus zum Stocken bringen: der derzeitige US-Präsident ist so ein Beispiel, aber auch viele andere, teilweise sehr angesehene Berufe. Wenn Du sicher gehen willst, auch in Zukunft eine gute Wahl Deiner Stelle getroffen zu haben wähle eine Stelle, die Du auch in dem oben erwähnten Eingeborenendorf wiederfinden würdest. Ich nenne solche Berufe "echt": Bauer, Künstler, Priester (Seelsorger), "Polizei", ...

Überlege Dir nun gut, was Du tun willst! Vermeide Jobs, die nichts zur Gemeinschaft beitragen wie Kreditwirtschaft oder Werbewirtschaft - Die Entwürdigung durch die Art der Arbeit ist genug (das wie der Arbeit), finde ich. Was man tut sollte dann nicht auch noch zur Entwürdigung beitragen. Es geht nur darum, eine Orientierungshilfe zu bieten, falls, ja falls Du Dich in die Teilzeitsklaverei begeben willst.

Was ist die Alternative? Tja - dazu kommen wir später! Nehmen wir an, die Entscheidung ist für die Selbstverleugnung gefallen.

Puh! Das war nun schon ein rechter Brocken voll von Begriffen, die der Klärung bedürfen (wenn nicht an der Oberfläche bleiben will - und Du willst doch sicher nicht oberflächlich sein?) und einige Wahrheiten, die Du sonst nicht so oft hören wirst. Das ist aber sehr allgemein und philosophisch (was erwartest Du von mir auch anderes?) Nun werde ich mich aber in den nächsten Beiträgen mit dem Betrachten von Stellenangeboten und dem Thema Bewerben beschäftigen - das könnte witzig werden!

Tags: für die Jugend, gedanken, philo, schweinschen schlaus weisheiten, thomas chaos, thomas mental chaos
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