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Thomas öffentliches Tagebuch

The world of a photographing lute enthusiast


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Playing Reusner
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In der letzten Zeit beschäftige ich mich vermehrt mit Lautenmusik des früheren deutschen Barock. Zarte Anfänge gab es schon, als ich meine erste 11-chörige Laute bekam auf der CD „Die Laute im Barock“ zu hören, auf der ich einige geistliche Werke des jüngeren Esaias Reusner sowie eine Suite von LeSage de Richée aufgenommen habe. In der Zwischenzeit spiele ich viel auf meiner Kopie der Raillich-Laute und erweitere mein Interesse auch auf französische Musik von Mouton, Dufaut und anderen.
Intensiv habe ich mich im letzten halben Jahr mit dem jüngeren Reusner beschäftigt, dessen Musik mich immer mehr begeistert. Neben den eher Miniaturen zu nennenden geistlichen Werken brachte Reusner zwei Drucke heraus, Delitiae Testudinis (1668) und die Neuen Lautenfrüchte (1676), die mich extrem faszinieren, vor allem durch Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Nur 8 Jahre trennen diese beiden Veröffentlichungen, doch sind die veröffentlichten Stücke unterschiedlich genug, dass E.G. Baron die erste Veröffentlichung noch dem Vater Esaias Reusner zurechnet. In der erfreulichen Lautenlust (Delitae Testudinis) ist noch deutlicher der damals vorherrschende französiche Lautenstil von Reusners Lehrmeister zu spüren (von dem wir wissen, dass es ihn gab, jedoch nicht, wer es war). Doch schon in dieser Veröffentlichung geht Reusner weiter als seine Vorbilder, indem er die Sätze zu Suiten ordnet und nicht, wie vorher üblich, die einzelnen Tanzsätze zusammen gruppiert und es den Spielern überlässt, die Musik zu Suiten zusammenzustellen. Ein Unikum dieser Veröffentlichung ist meines Wissens nach, dass die „klassischen“ Sätze der Suite (Allemande-Courante-Sarabande-Gigue) um eine vorangestellte Paduan (Pavane) erweitert werden. Diese Sätze alleine kann man schon als kontrapunktische Meisterwerke bezeichnen, welche die Polyphonie der Renaissance mit der Eleganz des Barock verbinden..


Ergänzt werden die Kernsätze der Suite wie üblich um Ballet, Gavotte oder andere Tänze, in der ersten Veröffentlichung finden sich auch Preludes im französischen Stil. Die einzelnen Sätze lassen den typischen Personalstil des jungen Reusner erkennen, in den Delitiae Testudinis sind sie aber deutlich verspielter angelegt und die Mittelstimmen haben noch mehr Bedeutung als in den Lautenfrüchten, die gesanglicher angelegt sind und in deren Sätzen die Eckstimmen (Sopran und Bass) das Stück tragen. Gemeinsam sind ihnen neben typischen harmonischen Wendungen die feierliche Ernsthaftigkeit in Anlage und Wirkung. Selbst in den „wilden“ Giguen kann es Reusner nicht lassen, einen interessanten Kontrapunkt hinein zu komponieren.
Somit kann ich Baron nur zustimmen, der ihn ernsthafter als vergleichbare Komponisten des französischen Barock nennt und der vor allem in den Lautenfrüchten bereits auf den vermischten Stil hindeutet, der die deutsche Lautenmusik ab ca. 1690 auszeichnen wird.
Hinzufügen möchte ich aber doch, dass ernsthafter nicht bedeutet, dass seine Musik weniger unterhaltsam wäre. Lautenmusik im Allgemeinen und die Musik Reusners im Besonderen spricht eine ganz eigene Sphäre der sinnlichen Wahrnehmung an, die in der späteren Musik immer mehr an Bedeutung verlor. Ich kann jedem Musikinteressierten die Beschäftigung mit seiner Musik sehr ans Herz legen. Zum Beispiel könnte man meine bald erscheinende CD mit Musik von Reusner und Silvius Leopold Weiss erwerben/vorbestellen.

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