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Thomas öffentliches Tagebuch

The world of a photographing lute enthusiast


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Lautenistenleben
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Eigentlich ist es eine Binsenweisheit, dass das Lautenistenleben nie langweilig werden kann. Schliesslich ist das Instrument sehr heikel und somit gibt es selbst bei Stücken, die man glaubt im Schlaf zu beherrschen immer noch und immer wieder die Notwendigkeit, sie zu proben. Dazu das unermessliche und wunderschöne Repertoire für das Instrument, das immer wieder aufs Neue einlädt, neue (alte) Musik zu entdecken. Wer als Lautenist behauptet, Langeweile zu haben kann ich nicht ernst nehmen!

Inzwischen kaum ein Geheimnis mehr ist sicher, dass ich mitten in einem Projekt stecke, in dessen Zentrum die Musik des jungen Reusners und der jungen Weiss steht. Es ist wahrscheinlich nicht ganz leicht sich vorzustellen, wie so ein Projekt ausschaut. Und ich muss gestehen, dass es zwischen der letzten und dem aktuellen CD-Projekt vor allem so lange gedauert hat, weil es schier unendlich viele Optionen für ein solches Projekt gab. Unter anderem war eine ganze Weile meine Idee, mich der deutschen Renaissancemusik zu widmen. Insbesondere das Ms.1510 hatte es mir angetan und ich beschäftigte mich monatelang mit dieser Musik, spielte Stück um Stück, erarbeitete etwas, was ich eine spannende Trackliste fand und spielte sie via Homerecoding ein, um zu prüfen, ob diese Idee nicht nur in meinem Kopf sondern auch in der wirklichen Welt überzeugte. Die erste Variante kam mir etwas zu folkloristisch rüber und ich dachte, ich könnte dieses Programm durch Musik aus Mylius (als alter Hesse finde ich den spannend), Fuhrmann und Mertel ergänzen, um einen ansprechenden Mix aus unterhaltsamen und anspruchsvollen Stücken zusammenzustellen. Dort verlor ich mich dann – es war nach einer Weile Arbeit an einer Stückliste kein Konzept mehr auszumachen, der rote Faden schien verloren, so dass mir dieses Projekt zwar immer noch durch den Kopf geistert, die Realisierung aber zunächst auf unbestimmte Zeit verschoben wurde.
Im Rahmen dieser Überlegungen kam mir aber wieder der Herr Mylius in den Sinn – warum nicht eine Frankfurter CD mit Musik aus der Zeit des 30-jährigen Krieges? Die Musik mag ich und das Repertoire ist wunderschön. Bei diesem Projekt ist die Quellenlage eine besondere Schwierigkeit: Mylius Druck enthält sehr viele Fehler und ich habe nur einen Ordner mit miesen Drucken eines Mikrofilms. Das bedeutet harte Arbeit an den Quellen – sie lesbar zu bekommen, Fehler in der Quelle zu orten und zu korrigieren etc. – andere Verpflichtungen hielten mich davon ab, diese Arbeit ernsthaft anzugehen – aber dieses Projekt ist immer noch in meinem Hinterkopf und harrt der Realisierung.
Zu dieser Zeit machte ich auch viel Ensemblemusik. Damals war das Repertoire für Laute, Traverse und gestrichenen Bass kaum gespielt und noch so gut wie nie aufgenommen – da diese Musik mein Konzertleben wiederspiegelte und beim Publikum sehr gut ankam entwickelte sich das schnell zu einem Favoriten. Doch Umbildungen in dem Ensemble führten dazu, dass es nie zu einer solchen Aufnahme kam. Dann zog ich in die Schweiz um und mein Fokus war eine Weile auf Anderes gerichtet: es etablierte sich eine Serie von Projekten zum jeweils 500. Jubiläum eines Petrucci-Drucks, das Lautenduo war nun geographisch nah beieinander und konnte sich gut entwickeln, es begann die grossartige Zusammenarbeit mit Magdalena. Gleichzeitig war ich finanziell so angespannt, dass an die notwendige Finanzierung einer CD nicht zu denken war.
Dann kam der Umzug in die Innerschweiz, durch den meine kammermusikalischen Aktivitäten nahezu zum Erliegen kamen. Auch die Konzerttätigkeit ging merklich zurück (zum Thema „Innerschweiz und (Alte) Musik“ lohnt sich ein eigener Blogpost). Dies verbunden damit, dass ich mir eine wunderschöne 11-chörige Laute bauen liess führte dann zur erneuten Beschäftigung mit dem Repertoire, welches nun Gegenstand der bald vorliegenden CD wurde. Dass es dann auch wirklich zur CD kam war auch dem aktiven Marketing des Tonmeisters geschuldet.



Während der Vorbereitung zur CD, die ich zunächst grob mit „deutsche Barockmusik für 11-chörige Laute“ beschäftigte ich mich naturgemäss mit sehr viel Repertoire rund um das Thema: Musik von St. Luc, Losy, aber auch französische Musik der Zeit (die man als stilbildend ansehen kann) und LeSage de Richée (den ich auf der vorigen CD bereits aufgenommen hatte) bildeten weitere Schwerpunkte des Repertoires. Viel wurde (im Homerecording) aufgenommen, für gut befunden – und für das CD-Projekt dann doch wieder verworfen.
Ich wollte vermeiden, dieses Mal wieder den roten Faden zu verlieren. Übrig blieben zum Schluss etwa 8 Suiten von Reusner sowie 3 Suiten (aus A-Wn1078) und einige Stücke bzw. Stückkombination von Weiss aus F-Pn Rés Vma ms. 1213 („Weiss à Rome“). Immer noch viel zu viel Material für eine CD! Auch diese Auswahl musste ich weiter zusammenstreichen (was nun extrem schwer fiel), doch schlussendlich kondensierte sich das Repertoire heraus, welches es nun auf die bald vorliegende CD schaffte.


Was nun weiterhin bleibt sind eine Vielzahl von Projektideen:
Mylius ist weiterhin ein Thema, St. Luc und vor allem der weithin als Komponist unterschätzte Philipp Franz LeSage de Richée.
Gleichzeitig ist derzeit ein Archiliuto in Bau – ich habe mich schon länger mit einigen selten gespielten Komponisten des frühen italienischen Barock beschäftigt. Hier ist ein Projekt bereits sehr konkret und es existiert bereits eine Tracklist. Gleiches gilt für das LeSage-Projekt. Zusammen mit Mylius geistert auch noch Elisabeth von Hessen durch meinen Kopf. Die von Joachim Held vorgelegte Einspielung betont einen Aspekt des Lautenbuchs, die von Lutz Kirchhof einen anderen und beiden würde ich gerne einen weiteren Aspekt gegenüberstellen.  Erwähnte ich, dass es einem als Lautenist nie langweilig wird?

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