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Ein alter Konflikt und generelle Überlegungen dazu

Auch in der Lautenwelt gibt es ideologisch bedingte Konflikte. Hier wird die Diskussion zwischen „Daumen Innen“- und „Daumen Aussen“-Spielern immer wieder besonders heftig geführt. Gemeint ist hierbei der grundsätzlich unterschiedliche Anschlag der rechten Hand, je nachdem, ob der Spieler „In die hohle Hand“ (Daumen innen) oder „auswärts“ spielt.
Die Diskussion ist verständlich, ist der Anschlag doch entscheidend für das Klangbild und war in der Vergangenheit eines der zentralen Unterscheidungsmerkmale zu Gitarristen, welche (ausser, dass sie in der Regel mit Nagel spielen) weder einen Stützfinger zur Orientierung benutzen noch ihren Anschlag dem leicht bespannten Instrument der Laute anpassen. Nachdem Michael Schäffer in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts die „Daumen Innen“-Technik populär machte und „Daumen Aussen“-Spieler in der Folge gradezu diffamiert wurden kehrt sich nun das Bild, nachdem sich (endlich) ein differenzierteres Bild durchgesetzt hat, wonach sich die Lautentechnik zu Beginn des 17. Jahrhunderts grundlegend gewandelt hat. Bekannte Spieler wie John Dowland wechselten innerhalb ihrer Karriere den Anschlag. Die Frage nach dem „Warum“ wurde in der Lautenszene selten gestellt. Dazu vielleicht später etwas mehr.

Nun wurde unten stehendes Foto von mir heute Morgen mit „15th century lute technique?“ kommentiert. Was mich doch etwas aufgeregt hat, da es sowohl inhaltlich falsch ist als auch zeigt, dass eine ideologische Herangehensweise immer noch gang und gäbe ist.



Tatsächlich kann man davon ausgehen, dass sich die vorherrschende Lautentechnik zu Beginn des 17.Jahrhunderts geändert hat. Mehrheitlich wurde anschliessend „Daumen-Aussen“ gespielt. Doch noch Reusner fordert 1676 in seinem Druck, in die hohle Hand zu spielen, ein klarer Hinweis auf die Daumen-Innen-Technik. All diese Generalisierungen folgen dem Wunsch nach einer ultimativ gültigen Wahrheit. Leider gibt es die aber nicht. Die überlieferten Spielanweisungen geben schlicht kein einheitliches Bild, auch wenn man anhand von Ikonographie und erhaltenen Schulen eine europaweite Dominanz der Daumen-Aussen-Technik annehmen darf.
Als moderner Lautenist versucht man, dem Klang der historischen Lautenisten nahe zu kommen. Dazu benutzen wir alte Schulen, Spielanweisungen, Ikonographie und viele weitere Hinweise, um uns anzunähern. Auch die Instrumente und das verwendete Saitenmaterial spielen natürlich eine Rolle. Hier haben sich in der Vergangenheit Spielpraxis, Instrumentenbau und Forschung gegenseitig befruchtet. Ein vorbildlicher Vorgang, wie ich finde.
Inzwischen gehen einzelne Spieler auch auf die etwas abgefahreneren Wege, wie der Forderung, den kleinen Finger hinter dem Steg zu platzieren (wovor die meisten Schulen warnen, was aber von einzelnen durchaus gefordert wird und – man darf annehmen, dass die Warnung nicht unbegründet angebracht wurde und eine solche Spielweise also durchaus üblich war) oder Messing- oder Seidensaiten zu verwenden. Alles historisch begründet und oft mit interessanten Ergebnissen.
Historisch gesehen war der Vorgang allerdings anders – die Spieler sind mit einer Klangvorstellung an ihr Instrument gegangen und haben versucht, diese Klangvorstellung umzusetzen. Oder Instrumente nach ihren Klangvorstellungen neu zu konstruieren. Die Faktoren, die den Klang bestimmen sind bei einer Laute neben dem Instrument selbst die Art der Besaitung, das verwendete Saitenmaterial und der Raum, in dem gespielt wird. Daran wird sich die Art des Spielens orientiert haben und nicht umgekehrt. Es erscheint weiterhin regionale Unterschiede in den Klangvorstellungen gegeben zu haben (am offensichtlichsten ist das daran zu erkennen, dass in Italien sowohl die alte Stimmung als auch der Instrumententyp anders war als im französisch dominierten Rest von Europa). Ausserdem darf man die Zeitachse nicht vergessen. Zu unterstellen, dass in Berlin 1650 genauso gespielt wurde wie im Paris von 1700 erscheint etwas weit hergeholt. Sicher nahmen viele Moden dieser Zeit in Frankreich ihren Anfang und fanden von dort ihren Weg in den Rest Europas. Doch das brauchte Zeit – und viel wurde für die jeweiligen Zielländer adaptiert.
Nachdem nun in der Forschung eine gewisse Übereinkunft über den Mainstream des Lautenspiels erzielt wurde sollte sich die Lautenforschung auf neue Wege begeben und versuchen, den Klangidealen der Zeit näher zu kommen. Der Weg, die Ausnahmen (z.B. Messingsaiten, kleiner Finger hinter dem Steg) ist dabei sicher interessant und kann dazu beitragen, die Vielfalt der Klangwelt in der vorromantischen Zeit zu illustrieren, doch generelle Überlegungen über die Laute in Raum und Zeit wären sicher noch spannender.
Nur als einer unter vielen möglichen Ansätzen: Wir wissen, dass in Italien generell höher gestimmt wurde als z.B. in Dresden (in Italien  mit einem Kammerton von ca. 460 gegenüber einem von ca. 410 hz in Dresden) oder im Frankreich Hotteterres (mit einem Kammerton von um die 390 hz), wir wissen, dass die Instrumente der gleichen Familie unterschiedlich gebaut wurden. Ein italienischer Chitarrone ist nicht vergleichbar mit einer französischen Theorbe. Die italienischen Instrumente waren z.B. durchwegs grösser. Um nun dem (angenommenen) italienischen barocken Klangideal auf einem solchen Monster näherzukommen, also einen obertonreichen, hellen Klang zu erzeugen bietet es sich an, nah am Steg zu spielen, den Daumen nach aussen zu nehmen: und auch Nägel zu benutzen scheint angemessen. Im Extrem kann man den Stützfinger hinter den Steg setzen, was zusätzlich den Vorteil bietet, dass man auf den grossen Instrumenten leichter zurecht kommt (Preis ist die Orientierung, für die der kleiner Finger unter anderem aufgestützt werden soll).  Nehme ich nun ein französisches Klangideal, das einen generell tieferen Klang bevorzugte, die Melodien eher in den Mitten ansiedelte, wird der Klang eher durch das Spiel zwischen Steg und Rosette unterstützt. Je nach Instrument kann sowohl Daumen-Innen als auch Daumen-Aussen den Klang gut unterstützen. Hier entstehen vielfältige Nuancen, die man ausloten kann. Nicht umsonst gilt die französische Lautenmusik aus der Mitte des 17.Jahrhunderts als besonders reichhaltig, aber auch schwer darzustellen.
Kurz: Die Aussage, man habe ein Instrument nach einer bestimmten Art zu spielen ist eine sehr grobe Vereinfachung.



Nun kurz zur Frage, warum John Dowland seine Spielweise umgestellt hat.
Er selbst gibt an, dass er das ständige Spiel in Oktavparallelen nicht mochte. Darum verwendete er auf den tieferen Chören keine Oktavbesaitung mehr. Gleichzeitig wurden in England die bislang dominanten 7-chörigen Instrumente mehr und mehr von 9-chörigen Instrumenten verdrängt. Die Kompositionen wechselten hin zu einem neuen Stil, der den frühbarocken italienischen Stil für England adaptierte. Ballad Tunes und Variationssätze blieben zwar bestehen, doch die Ausführung der Diminutionen änderte sich (für eine detaillierte Analyse dieses Wechsels fehlt an dieser Stelle der Raum). Gleichzeit erscheinen neue Tanzformen.
Wenn nun das Instrument und die Musik grundlegend wechselte erscheint es da nicht naheliegend, dass die Spielweise sich diesen neuen Gegebenheiten anpasste? Mir erschiene es jedenfalls eher notwendig zu begründen, warum ein Spieler und Komponist vom Rang eines John Dowland nicht den neuen Gegebenheiten anpasste als umgekehrt.

Was mir in der Erforschung der historischen Aufführungspraxis unangenehm auffällt ist die Tendenz zu stark zu generalisieren. Natürlich ist es ein Ziel der Wissenschaft, Erkenntnisse zu gewinnen und dazu muss man in der Forschung einen Raum beschreiben, innerhalb dessen die gewonnenen Erkenntnisse gültig sind. Inzwischen befinden wir uns allerdings auf einer Erkenntnisebene, in der man diese Räume etwas enger fassen könnte. Wenn ich den Raum sehr weit setze („Europa im Barock“) sind die Erkenntnisse notwendigerweise weitaus weniger scharf als wenn ich den „Pariser Hof um 1650“ untersuche. Doch nur mit einer engeren Begriffswahl lassen sich Ergebnisse erzielen, welche uns die Art des Musizierens in der Vergangenheit genauer näher bringt. Es gäbe noch viel zu tun und ich hoffe sehr, Wissenschaft und Musiker würden sich vermehrt in diese Richtung bewegen. Die Vorstellung, die Historische Aufführungspraxis habe sich überlebt und könne keinen neuen Erkenntnisse mehr hervorbringen halte ich für falsch. Allerdings fände ich es, wie ausgeführt wünschenswert, dass sich das Erkenntnisinteresse neu justiert.

Tags: gedanken, laute, lute
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