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lautenist


Thomas öffentliches Tagebuch

The world of a photographing lute enthusiast


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Giganten der Deutschen Lautenkunst
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lautenist
Nach vielen Jahren habe ich nun auch eine neue Aufnahme in Arbeit.
Die Aufnahmen fanden nun letztes Wochenende in Köln statt und verliefen sehr zu meiner Zufriedenheit.



Nicht, dass ich mich für den grössten Lautenisten aller Zeiten halten würde, dessen fantastische Kunst unbedingt der Nachwelt erhalten bleiben muss. Es handelt sich vielmehr um Aufnahmen, welche für mich selbst den aktuellen Stand meines Spiels dokumentieren sollen, für Freunde ein nettes persönliches Geschenk sind, und für Konzertveranstalter eine glaubwürdige Darstellung dessen, was sie erwartet, wenn sie mich zu einem Konzert einladen.
Ich habe lange überlegt, ob eine CD nicht zu hochgegriffen für meine eher bescheidenen Ansprüche ist, doch die Argumente, die schon vor 10 Jahren bei den damaligen Aufnahmen gültig waren, gelten auch heute noch: Wenn ich vor Leuten spielen will und das auch wirklich tue braucht es für Konzertbewerbungen Tonträger. Die Eigenproduktionen via Homerecording waren bislang unterwältigend, auch wenn  die letzten Versuche vielversprechend klingen und ich evtl. in Zukunft auf diese Variante zurückgreifen kann. Ausserdem gibt es eine gar nicht so kleine Anzahl „Fans“, die mögen, was und wie ich spiele und denen ich vielleicht mit dieser Produktion eine Freude bereiten kann.
Gegen eine Aufnahme sprach (ebenso damals wie heute), dass es bereits eine Vielzahl an Lautenproduktionen gibt, zu denen ich mich gar nicht in Konkurrenz begeben will. Auch mag ich nicht mit den Stars der Szene verglichen werden. Es wird eine kleine Produktion geben, die sich an ein kleines und überschaubares Publikum wendet.

Die Aufnahmen selbst fanden in einer wunderschönen Kapelle in Köln-Weiss statt, wunderschön am Rhein gelegen und mit einer tollen Akustik ausgestattet. Dirk Paschelke, der die Aufnahme durchführte, war ein sehr angenehmer Toningenieur, der seine Arbeit souverän, professionell und doch unaufdringlich erledigte. Bei den Diskussionen zum Lautenklang ergab sich, dass wir ähnliche Klangvorstellungen haben, so dass auch der Mix (so weit wir ihn vorab besprochen haben) ganz genau meinen Vorstellungen entsprechen wird. Für die heutzutage fast obligate visuelle Darstellung wurde ein Teil des Programms parallel auf Video gebannt.



Aufgenommen habe ich auch dieses Mal eher unbekannte Musik, wenn auch von den beiden grossen Namen der deutschen barocken Lautenkunst: von Esaias Reusner d.J. und von Silvius Leopold Weiss. Reusner sind bislang nur wenige Aufnahmen gewidmet, was ich sehr schade finde, denn bei ihm handelt es sich um eine Ausnahmeerscheinung der damaligen Zeit, welche von französischer Musik und dem einzigartigen Stil der französischen Lautenmusik geprägt war. Diesen hat Reusner für Deutschland adaptiert und qualitativ sehr hochwertige, kunstvoll gestaltete Musik geschaffen, die sich eher an den gebildeten Kenner wendet, weniger an den dilettierenden Amateur. In dem Vorwort zu seinen „Neuen Lautenfrüchte“ gibt er detaillierte Anweisungen, wie die Laute zu spielen ist und wie er seine Werke dargeboten haben will. Ich versuche, diese Anweisungen getreu umzusetzen (bei bisherigen Aufnahmen scheinen mir dort einige Missverständnisse vorzuliegen. Doch dazu an anderer Stelle mehr). Zu Weiss muss man Lautenfreunden nicht viel erzählen. Er zählt inzwischen zu den bekanntesten Komponisten für das Instrument. Der Grund, warum er ebenfalls auf der CD aufgenommen wurde ist, dass sich fast ausnahmslos alle Aufnahmen mit dem reifen Weiss auseinandersetzen während ich mir hier den jungen Weiss vornehme. Einige erhaltene Manuskripte könnten aus der Zeit stammen, als der junge Weiss 1714 in Italien weilte „und ganz Italien in Erstaunen versetze“. Man erkennt in diesen Werken schon den reifen Komponisten Weiss, doch ist sie auch noch von unbändiger Experimentierfreude geprägt. Ein weiteres hier aufgenommenes Werk muss für Weiss selbst eine gewisse Bedeutung gehabt haben, denn es findet sich in einer grossen Anzahl von Versionen in den unterschiedlichsten Manuskripten. Es ist ausserdem eines der wenigen datierten Werke von Weiss. Die Anmerkung „fait a prague, 1717“ findet sich in mehreren Manuskripten. Hier ist auch dieses Werk auf einer 11-chörigen Laute gespielt. Wir wissen nicht genau, wann Weiss auf ein 13-chöriges Instrument gewechselt hat, doch ist es sehr wahrscheinlich, dass die hier eingespielten Werke noch für ein 11-chöriges Instrument geschrieben wurden. In der Quelle (A-Wn Ms. Suppl. Mus. 1078) werden die Suite 1 (S-C 1) und 22 (S-C 28) aus dem Londoner Manuskript bzw. die Suiten 1 und 4 im Dresdener Manuskript kombiniert.

Für die Aufnahme war vorgesehen, die Stücke von Reusner sowie die Fantasie und Fuge in d (übrigens eine Ersteinspielung) auf der Kopie der Raillich-Laute (Dieter Schossig, 2012) zu spielen und die Suite in F von Weiss auf einer Kopie der Tielke-Laute (Markus Dietrich, 2001). Leider ist mir während der Aufnahme ein Bund gerissen und ich hatte keinen passenden Bunddarm dabei, so dass nur die Allemande und Courante auf der Tielke-Laute aufgenommen sind. Idee war, die subtile Verschiebung des Klangideals zu illustrieren. Nun ist das innerhalb ein und derselben Suite möglich …

Die CD kann bei mir vorbestellt werden. Wer erst einmal schauen mag: Die Videos werden sich in Kürze auf meiner Homepage finden.

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