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Mythen der Konkurrenz

Hier ein ganz toller Aufsatz zum Thema, der sich deutlich mit meiner Meinung deckt (die ich für sehr gut begründet halte).

Tatsächlich sehe ich Konkurrenz (ausserdem) als im Widerspruch zu meinem Menschenbild stehend, welches den Menschen in einer Art scheinbaren Oxymoron zwischen Individuum und Herdentier sieht. Diese Zerrissenheit sehe ich als prägend für viele typische menschliche Probleme im psychischen Bereich. "Konkurrenz" als positiv besetzter Begriff ist ein Grundwert des gegenwärtigen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells, welches den Menschen auf den Teil seines Wesens reduziert, welches Individuum ist, das "asoziale Ich", welches im idealen Kapitalismus nicht durch das "soziale Ich" kontrolliert wird.

Der Mensch nimmt sich selbst als Individuum wahr, er hat und er entwickelt individuelle Bedürfnisse, die oft im Widerspruch zu dem stehen, was eine Gemeinschaft erwartet. Die Unterordnung dieser individuellen Bedürfnisse unter ein Allgemeininteresse findet nun aus Vernunftsgründen statt. Wenn alle in einer Herde auf Erfüllung ihrer Bedürfnisse pochen und diese über die Bedürfnisse des jeweils anderen stellen entstehen notwendig Konflikte. Daraus muss zwingend eine Beschränkung der Freiheit des jeweils anderen zum gemeinsamen Wohl erfolgen, damit der Mensch nicht zu des anderen Menschen Wolfe wird (Hobbes).
Der Kapitalismus findet nun ganz gut, wenn die Individuen untereinander konkurrieren - und er benötigt diese Konkurrenz sogar - schliesslich ist der Einzelne schwächer und Angriffen auf seine individuelle Freiheit weitgehend schutzlos ausgeliefert und sie bietet die Basis für eine quantitativ organisierte Welt. Das soziale Element, welches auf Vernunft und Übereinkunft basiert wird in der aktuellen Wirtschaftsordnung ersetzt durch einen obskuren Teamgedanken, dessen Ziel prinzipiell auf Effektivität gerichtet ist und nicht auf das menschliche Bedürfnis nach sozialem Miteinander (um hier zu tricksen gibt es teambildende Massnahmen, die aber letzten Endes auf wieder auf Effizienz hin ausgerichtet sind). Dagegen steht das qualitative Denken, welches sich im nicht-messbaren, nicht in Zahlen ausdrückbaren äussert: Der Genuss von Musik, von Liebe, Geborgenheit, einem guten Mahl - das gute Gefühl, etwas positives geleistet zu haben. Ein Kunststück der Wirtschaft ist es, dass viele dieser Begriffe künstlich quantifiziert werden. Doch: Ist ein Konzert mehr wert, weil die Tickets teurer sind? Oder ein Essen besser? Wird ein Gemälde schöner, weil es Millionen gekostet hat? Und hier schliesst sich der Kreis. Nachdem nun tatsächlich weitgehend akzeptiert wird, dass die Verkaufszahlen einer CD der Qualität einer Musik entsprechen oder der Preis eines Bildes dessen Qualität - nachdem also eine Gleichsetzung von Qualität mit Quantität stattgefunden hat - kann man Menschen zueinander in Konkurrenz bringen. Nur, wenn ich tatsächlich glaube, ein quantitatives Mehr bringt mir auch eine gesteigerte Qualität macht der Konkurrenzgedanke Sinn.

Dessen Mythen in oben verlinktem Artikel noch einmal schön entlarvt werden.

Für mich bleibt es dennoch ein Rätsel, warum die oben erwähnte Gleichsetzung funktioniert - als Erklärung fällt mir nur Unsicherheit ein: Wenn ich etwas quantifizieren kann, bewege ich mich auf sicherem Terrain. Um zu begründen, warum ich das Werk eines unbekannten Künstlers gut finde muss ich ausholen, erklären, mich und mein Seelenleben outen während der Verweis auf den Verkaufspreis quasi objektiv gilt ("Wenn's soviel kostet wird es schon soviel wert sein").

Übrigens sind solche Erklärungsmuster nicht gottgegeben. In früheren Zeiten wurde Wertschätzung nicht zwingend mit der einer Bewertung dieser Wertschätzung in Münze gleichgesetzt (auch wenn es natürlich vorkam, vielleicht sogar die Regel war stand die Bezahlung nicht im Zentrum. Viele Anstellungen wurden wegen des damit verbundenen Renomés angenommen und dafür besser bezahlte Stellen ausgeschlagen - s. Dowland, s. Weiss).

Tags: gedanken, meinung, philo
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