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Festival der Laute in Augsburg

Das „Festival der Laute“ der deutschen Lautengesellschaft fand dieses Jahr in der Fuggerstadt Augsburg statt. Ich reiste bereits Donnerstag an, um genügend Zeit zu haben, die Stadt anzuschauen, was sich als sehr lohnend erwies, obwohl viel historische Bausubstanz im zweiten Weltkrieg zerstört wurde. In der Fuggerei und an ihrem Beispiel konnte ich exemplarisch verfolgen, was der Krieg angerichtet hatte und wie damit umgegangen wurde. Wiederaufbau, die Darstellung der Verwüstungen wurden in einer Ausstellung plastisch dargestellt.



Dieses Jahr konnte ich keinem der Vorträge genug abgewinnen, um mich von den wunderbaren ausgestellten Instrumenten zu lösen. Der Instrumentenbau hat, seitdem ich die Entwicklung verfolge, gewaltige Schritte gemacht. Kaum eines der Instrumente, das in Augsburg ausgestellt wurde, war auch nur mittelmässig zu nennen, sondern allesamt waren sie spitze, auch wenn natürlich persönliche Präferenzen das eine Instrument reizvoller als das andere macht. Das hat aber nichts mit der Qualität der Instrumente zu tun. Dieses Jahr war der Ansturm auf die Ausstellung überschaubar, so dass ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, die Instrumente wirklich gegeneinander vergleichen zu könne. Was mir dort auffiel war, dass sich dort, wo Instrumente probegespielt wurden, sich auch Besucher sammelten, zuhörten und Fragen stellten. Bei mehreren Gelegenheiten wurde ich direkt von nicht-lautenistischen  Besuchern angesprochen, verschiedenen Instrumente zu spielen, deren Klang die jeweiligen Besucher offenbar interessierte. Vielleicht lässt sich eine solche Demonstration ja künftig fix in die Ausstellung integrieren?

Die Konzerte am Festival waren von gemischter Qualität und zeigten dennoch die beeindruckende Bandbreite der Laute und ihrer Musik. Der Ort, an dem die Konzerte stattfanden, hätte nicht schöner sein können. Der kleine goldene Saal erwies sich als akustisch perfekt, optisch wunderschön und für die gewählten Konzerte perfekt dimensioniert. Leider hielt sich die Werbung für das Festival offenbar in engen Grenzen, so dass kaum Besucher kamen. In Augsburg fiel mir kein Plakat auf. Selbst an den Veranstaltungsorten war nur zu den Veranstaltungen ein Plakat sichtbar. Für mich schwer nachvollziehbar, warum das so war und wo die Ursachen für die Zurückhaltung war.

Ein Spitzenkonzert lieferte Pietro Prosser (teilweise auf einem originalen Calichon von 1714) zusammen mit dem beeindruckenden Tenor Richard Reich mit Musik aus Klassik und Romantik. Mandora und Calichon sind perfekte Instrumente, um die dramatischen Moritaten von zum Beispiel Zumsteeg zu begleiten. Doch auch Mozart klang lebendiger und wärmer in dieser Instrumentierung. Dargeboten von so grossartigen Künstlern wie hier wurde das Konzert zu einem unvergleichlichen Genuss.
Axel Wolf und Joel Frederikson boten ein sehr unterhaltsames Programm mit Musik aus dem Umfeld Philipp Hainhofers, welches zurecht mit enthusiastischem Applaus gefeiert wurde. Joels beeindruckender Bass gefiel mir besonders in den Liedern von Caccini, die eigentlich für diese Stimmlage geschrieben sind, die man aber meistens von einer Frauenstimme gesungen hört. Gleiches gilt für Dowlands "Time stand still". Axel zeigte sein Können ausser in seinem recht ruppigem Continuo in fein gespielten Solowerken von Dowland und, besonders beeindruckend, in Kapsbergers schier endloser Battaglia, die - so spannend dargeboten - ein Hochgenuss war!
Harmonia Coelestes boten zum Abschluss des Festivals wunderbare spätbarocke Kammermusik. Sehr fein abstimmt spielten Earl Christie und seine Ensemblekollegen auf Violine und Cello ein Konzert, dessen Plazierung  am Ende des Festivals sehr unglücklich war. Ein Highlight des Festivals, dessen Programm einen direkten Bezug zum Aufführungsort hat (viel der gepielten Musik entstand in oder liegt nun in Augsburg) auf dem unglücklichsten Programmplatz. Schade! Generell waren die Konzerte am Sonntagnachmittag für meinen Geschmack die besten des Festivals, die aber nun leider stattfanden, wenn die Mehrzahl der oft von weither angereisten Gäste schon abgereist waren. Hier gibt es sicher noch Potential, den Ablauf des Festivals zu verbessern.



Erwähnt werden sollten natürlich auch die Konzerte der jungen angehenden Künstler! Diego Leveric eröffnete das Festival mit einem schönen Querschnitt von Musik auf Renaissancelaute, Theorbe und Barockgitarre.
Das Ensemble um Ziv Braha spielte Werke von Dowland, das vor allem die melancholische Seite des "englischen Orpheus" beleuchtete. Wunderschöne Musik und ein vielversprechendes Ensemble, bei dem neben dem Lautenisten vor allem die Sopranistin Alexandra Polin beeindruckte.
Bei diesem Ensemble war vor allem die etwas unglückliche Programmwahl störend, welche sie sicher schnell anpassen werden. Den besten Konzertplatz hatte Miguel Yisrael ergattert, der französische Lautenmusik aus der Zeit des Sonnenkönigs gab. Germain Pinel war mir noch nicht geläufig. Er scheint ein toller Lautenist und Komponist von Lautenmusik gewesen zu sein.
Zusammengefasst war es ein wunderschönes Festival mit herrlichen Veranstaltungsorten, grossartigen (mehrheitlich zeitlich leider nicht glücklich gesetzten) Konzerten, welches mehr Besucher verdient gehabt hätte.

Fotographiert habe ich grösstenteils analog, so dass ich Fotos nachliefern muss.

Tags: laute, lute
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