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Werbefinanzierung und Sponsoring

Werbefinanziert sind Facebook, Privat-TV, Sport- und kulturelle Veranstaltungen. Sponsoring hat sogar Schulen erreicht. Widerstand dagegen ist zwar vorhanden, kann sich aber angesichts der Konsequenzen kaum durchsetzen. Schliesslich heisst es immer "ohne Partner aus der Wirtschaft können wir das nicht machen".
Man kann sich ja selbst mal umschauen, was überall von Firmen gesponsert bzw. finanziert wird. Was ist alles direkt oder indirekt von dieser Form der Finanzierung abhängig?
Sponsoring ist für Firmen eine reizvolle Art, Werbung zu betreiben, da sie direkten und meistens einen ziemlich exklusiven Zugriff auf eine gut beschreibbare Zielgruppe bietet. Gleichzeitig wird über Presseberichte noch ein indirektes Echo erzeugt und "Markenpräsenz" gezeigt. Das ist vergleichsweise billige Werbung.
Das bringt einen Wettbewerbsvorteil, den wohlwollende Schätzungen bei etwa 2-3% ausmachen. Hinterfragt wird das so gut wie nie. Das ist ein ähnlicher Effekt wie bei Facebook: es wird gemacht, weil alle es machen. Mangelnder Erfolg wird heute schliesslich nicht mehr einem qualitativen Mangel angelastet sondern als Allerweltsentschuldigung wird angebracht, man habe es "schlecht verkauft" oder "die Werbung war nicht genug".
Solche Aussagen verkennen, dass sich auch mit der besten Werbung keine miesen Produkte verkaufen lassen (zumindest nicht dauerhaft).

Für engagierte Veranstalter, Pädagogen oder Forscher oder [...] ist Sponsoring dank des weitgehenden Ausstiegs der öffentlichen Hand häufig die einzige Möglichkeit, eine Veranstaltung durchzuführen (oder für Pädagogen, ein bestimmtes Buch oder für Forscher, dringend benötigte Gerätschaften anzuschaffen -  inzwischen werden sogar ganze Forschungsgruppen durch Firmen finanziert). Damit wird Sponsoren eine Machtposition zugestanden, die diese natürlich ausnutzen. Kleinere Veranstaltungen/Projekte sind für potentielle Sponsoren meistens nicht interessant und sind darum kaum noch durchführbar. Ich wage zu bezweifeln, dass das im öffentlichen Interesse ist.
Übrig bleiben Veranstaltungen, die eine grosse Reichweite haben*, die sich aber auch ohne Sponsoring tragen könnten (wie "Nabucco", "AIDA", Sport-Grossveranstaltungen). Kleinere Veranstaltungen haben nur eine Chance auf Förderungen, wenn sie zumindest ein grosses und gutes Presseecho versprechen.

Welche Neuentwicklung wird wohl gefördert, wenn das Geld für Kunst von der Wirtschaft kommt? Was dabei herauskommt sieht man an der Art Basel. Nicht, dass die dort angebotene Kunst qualitativ minderwertig wäre! Lediglich sieht man dort, dass astronomische Preise für Bekanntes bezahlt wird. Dort lassen sich die Werte nämlich kalkulieren (schlimmstenfalls anhand der Versicherungsprämie). Für alte Kunst kann man analog diverse Auktionen bei z.B. Sotheby’s verfolgen. Somit wird lieber eine Veranstaltung mit 100.000 Euro gefördert als 100 Veranstaltungen mit je 1000 Euro. Kleinere Veranstaltung sind nur interessant, wenn sie auf Volksfestniveau ablaufen, da solche Veranstaltungen ein entsprechendes Echo versprechen.

Was ist die Folge? Auf Dauer wird man nur noch „Dsds“- bzw. „Deutschlands Supertalente“-kompatiblen Nachwuchs gewinnen können, da ohne Förderung der kleinen und mittleren Veranstaltungen der kulturelle Unterbau wegbricht. Wovon sollen Künstler leben, bevor sie Stars werden? Und all jede, die es nicht zu den Spitzenverdienern schaffen - wie und wovon sollen die leben? Wie soll eine Kunsterfahrung stattfinden, die nur über Grossveranstaltungen, über TV oder Plattenaufnahmen transportiert wird?
Gleichzeitig - und ähnlich dramatisch - sind und werden in Folge noch mehr kulturelle Ereignisse nicht mehr stattfinden können und somit das kulturelle Leben verarmen. Kann eine Gesellschaft wollen, dass Goethe, Lessing, Schiller - und noch viel mehr die weniger bekanntere Autoren verstauben und eine lebendige kulturelle Tradition verlorengeht? Kann eine Gesellschaft wollen, dass die Musik von Bach, Beethoven - aber auch von unbekannteren Komponisten ausstirbt? Kann eine Gesellschaft wollen, dass Musik als vom Plattenspieler kommend empfunden wird?

Und was, wenn die ersten Unternehmen aus dem Werbewahn ausstiegen? Würden diese Unternehmen dadurch schlechter im Wettbewerb dastehen? Wohl kaum! Und wenn sich die Unternehmen bei der zu erwartenden Lawine aus dem Sponsoring verabschieden?
Und wie würde eine Politik reagieren, die den Ausstieg bzw. die massiven Reduzierungen aus der Kulturfinanzierung u.A. damit begründete, dass man sich doch „Partner“ aus der Wirtschaft suchen könne?

Der Wunsch, das Bedürfnis nach Kunst ist so tief im Menschen verankert, dass man sie kaum voneinander trennen kann! Man kann (und hat es lange auch wirklich so gemacht) den Menschen durch seinen Kunstsinn definieren. Was ist typisch Mensch? Er malt, er musiziert, er erzählt Geschichten – gehe ich zu weit, wenn ich behaupte, es waren nicht zwingend die Nützlichkeiten, welche Erfindungen hervorbrachten sondern in gleichem Masse der Kunstsinn?

In alter Zeit war Kunstförderung ein Politikum und Herrschaftliche Aufgabe: für die Pracht des Hofes oder der Kirche war der Herrscher bereit, etwas springen zu lassen (was letzten Endes auch eine Form der Werbung war). Diese Zeiten sind vorbei: Daraus abgeleitet ist aber die Aufgabe, den Gestaltungswillen der Menschen zu fördern sowie die Aufgabe, das kulturelle Erbe zu bewahren entstanden.
Wird diese Aufgabe an Unternehmen weitergegeben werden sie kommerziellen Interessen ausgeliefert. Wie schon erwähnt werden grosszügig vor allem Grossveranstaltungen unterstützt (s. auch WM, Olympia etc.)
Eine ästhetische Erziehung findet in einem solchen Umfeld (nicht mehr) statt – wie soll man aber seine Umwelt sehen, wenn einem das Rüstzeug dazu fehlt? Man landet bei dem werbefinanzierten massenkompatiblen Schrott, den die Wirtschaft sponsert. Ist das vielleicht sogar der Sinn des Ganzen?

Wäre es nicht wünschenswert, wenn Kunstförderung wieder stärker von der öffentlichen Hand betrieben wird? Schliesslich ist es doch in unser aller Interesse, dass unser Leben nicht durchkommerzialisiert wird und Qualität als Gegenentwurf zum Quantitätswahn der empirischen Wissenschaften und hier insbesondere der Wirtschaft wieder seinen Platz in der Gesellschaft erhält? Wollen wir unseren Kindern nicht lieber ein qualitativ gutes Leben als eines in Wohlstand wünschen?
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*der Zugriff auf "Köpfe" in den den Schulen und Universitäten sowie die Wissensabschöpfung und billige Nutzung öffentlich finanzierter Resources wie durch Forschungsaufträge ist ein weiteres Thema, das sehr kritisch zu beäugen ist, verwandt mit meinem Thema, was ich aber zunächst aussen vor lassen muss.





Tags: gedanken, meinung
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