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Politisches - Aufreger der Woche

Zwei Aufreger hatte ich in dieser Woche:

Im Internet las ich, man solle denjenigen, der meint, Neger sei nicht beleidigend, Wichser nennen.
Die Analogie scheint auf den ersten Blick tatsächlich bestechend, da die Bezeichnung „Wichser“ tatsächlich von dem Vorgang des Schuhewichsens herkommt (falls noch jemand weiss, was das ist :) ).

In beiden Fällen wird also einem neutralen Wort eine negative Bedeutung beigemessen? Eben grade nicht! Für mich war der Begriff „Neger“ nie negativ besetzt sondern immer eine Bezeichnung für bestimmte optische Eigenschaften während Wichser als ein herabsetzender Begriff etabliert ist.
Was beiden gemeinsam ist: Erst das, was wir hineinlegen gibt ihnen eine Bedeutung. Ich denke, heutzutage ist onanieren als solches nicht mehr gleichbedeutend mit Hölle und Fegefeuer und somit kann man davon ausgehen, dass der Begriff eine von der ursprünglichen und der übertragenen (aus der optischen Analogie entstandenen) losgelöste neue Bedeutung bekommen hat: Die Bezeichnung für ein „Arschloch“ (welches Wort übrigens an sich auch vollkommen neutral ist).
„Neger“ ist die Bezeichnung nach einer auffälligen optischen Eigenart – wie „Chinese“ oder „Asiate“ auch (je nach Kontext). Ich zeige auf jemand, der anders ausschaut und gebe diesem anderen einen Namen. Das Problem ist doch nicht, dass jemand eine andere Hautfarbe und andere Physiologie hat, sondern, dass jemand diese Bezeichnung mit einer Beleidigung verbindet. Ändert sich etwas, wenn ich die Benutzung des Begriffs verbanne? Wer den Umgang zum Beispiel der Polizei mit diesen Erfordernissen der Political Correctness anschaut wird sehen, dass lediglich eine Verlagerung stattfindet. An der abwertenden Haltung ändert sich nichts. Zu ignorieren, dass Neger oder „Chinesen“ anders ausschauen ist doch Unsinn! Politisch korrekt müsste man dann auch verbieten, jemandem „südländisches“ oder „nordisches“ Aussehen zu attestieren. Tatsächlich gilt es aber, gegen die Wertung anzugehen.

Ich bin ja sehr dafür, Dinge bei ihrem Namen zu nennen. Beleidigen wollen wir aber auch niemanden. Zum Thema "Benennung von Negern" finden sich nette Stilblüten im Internet, z.B. hier, hierhier - die Welt weiss auch keinen Rat. Ich bedauere jedenfalls das Verschwinden des Sarotti-Mohrs und der Mohrenköpfe meiner Kindheit. "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann" haben wir gerne gespielt und der "Schwarze Peter" wird sogar heute noch irgendwem zugeschoben. Und bald wird auch meine derzeitige Kaffeemarke, das "Negerli"  Opfer politischer Korrektheit. Und bei nichts von alledem wäre mir Unschuld vom Lande in den Sinn gekommen, das mit einem schwarzen Buben in Verbindung zu bringen. Und selbst wenn: Der Struwwelpeter sagt es schon ...

(Quelle: Wikipedia)

Ein weiterer Begriff, die für mich die gelungenste Installation von Neusprech des letzten Jahrtausends ist der Begriff „war on terror“, welchen  Schorch Dabbelju geprägt hatte und der eifrig und unreflektiert nachgeplappert wird und der es nahezu unmöglich gemacht hat,  die gegenwärtigen politischen Umtriebe angemessen zu beschreiben. An diesem Begriff stimmt ja rein gar nichts: was die USA führen ist kein Krieg – klar! Es gab Invasionen im Irak und in Afghanistan! Das sind zwar Kriege, aber nicht gegen den Terror, sondern diese Kriege wurden gegen souveräne Staaten geführt. (und egal, wie man zu diesen Kriegen steht: Die Aussage, dass die USA diese Länder überfallen hat, ist korrekt. Die Legitimation in beiden Fällen ähnlich plausibel wie die von Hitlers Überfall auf Polen) Die Morde, welche die USA als im „Krieg gegen den Terror“ zu rechtfertigen sucht – sei es durch Drohneneinsatz, sei es durch andere Methoden, die Folterpraktiken, die Aufhebung von Bürgerrechten etc. etc. haben nichts mit einem Krieg zu tun und sind auch kein Kriegsrecht. In diesem "Krieg" der USA sind weder die kriegsführenden Parteien klar benannt noch lässt sich überhaupt klar sagen, wer da der Feind ist. Womit wir beim zweiten Teil des Begriffs sind: „Terror“ – das war die RAF, das waren die roten Brigaden, das war die IRA – allen gemeinsam war ein politisches Ziel, welches im Inland gesucht wird. Diese Terroristen sahen sich als bewaffnete Widerstandskämpfer – die einzige Analogie zwischen einer Ulrike Meinhof und einem Osama Bin Laden, denn wogegen Widerstand geleistet wird und was die Ziele der Widerstandskämpfer sind könnte kaum unterschiedlicher sein. Was sind denn die Ziele der heute „Terrorist“ genannten Gruppen? Und warum werden sie so hart bekämpft? Wie kommt es, dass Herr Bin Laden solange ein gefeierter Freiheitsheld war, solange er gegen die Sowjetunion kämpfte und zum Terroristen mutierte, nachdem er infolge der Politik der USA auch die Amis bekämpfte. Ist es nicht so, dass sich die meisten „Terroristen“ vor allem gegen eine Politik, vor allem der USA, aber auch Grossbritanniens und Frankreichs wehren, welche die Souveränität von Staaten missachten?  
Und überhaupt: Wie schnell werden auf Freiheitskämpfern von einst, die es zu unterstützen gilt die Terroristen von heute! Bekanntes Beispiel sind die Taliban – die machen nichts anderes als sie schon in den 80er gegen die Russen gemacht haben: sie wehren sich gegen die Besatzung durch fremde Mächte und die Installation eines Alibi-Regimes. Ich muss sie nicht sympathisch finden – aber Tatsache ist: der Widerstand gegen ein unrechtmässig installiertes Regime ist doch rechtens, oder? Nicht umsonst versuchen die Besatzer in Afghanistan und dem Irak, das jeweilige System als legitimiert darzustellen. Ich habe allerdings an beiden Installationen meine Zweifel (die hier allerdings nichts mit dem Thema zu tun haben). Jedenfalls würde das deutsche Grundgesetz den Widerstand der Taliban decken.
Wo mir dieser radikale Wandel ebenfalls stark aufgefallen ist – was nicht mehr so stark in der Öffentlichkeit präsent ist, ist im Konflikt innerhalb Angolas. Lernte ich noch in der Schule, dass die UNITA ¾ der angolanischen Bevölkerung repräsentieren würde während die (damals von Russland und Kuba unterstützte) MPLA nur eine verschwindende Minderheit repräsentieren würde, wird heute in der deutschen ARD die UNITA als eine Terrororganisation bezeichnet. Wenn bewaffenter Widerstand gegen die Staatsmacht definiert, was ein Terrorist ist, dann sind auch die aktuellen Herrscher in Libyen, genauso wie Assad in Syrien etc. Terroristen. Tatsächlich wird als wohl als Terrorist bezeichnet, wer ein irgendwie geartetes Problem mit der Politik der USA hat - oder durch Zufall zur falschen Zeit am falschen Ort ist (wie zum Beispiel dem Ort, an dem eine Drohnenrakete einschlägt, s. http://livingunderdrones.org/wp-content/uploads/2012/10/Stanford-NYU-LIVING-UNDER-DRONES.pdf, s.32)

Das zweite Thema, über das ich mich aufregen „musste“ war die Diskussion um Drohnen.
Drohnen als solches haben nicht die ethischen Implikationen wie chemische, biologische oder atomare Waffen. Darum verstehe ich die Aufregung nicht wirklich. Ob da jemand in der Maschine sitzt, der die Rakete auslöst oder nicht macht nicht den entscheidenden Unterschied. Was die Mordpraxis natürlich nicht rechtfertigt – das eine hat mit dem anderen schlicht nichts zu tun.
Dass Drohnen militärisch nur begrenzt sinnvoll einsetzbar sind ist weitgehend unstrittig. Sie funktionieren zur Unterdrückung von Aufständen und für Mordmissionen in Staaten, die entweder über keine  Luftverteidigung verfügen oder die sich nicht trauen, diese auch einzusetzen.
Was mich aber aufgeregt hat, ist, wie heftig manche diese Mordpraxis verteidigen. Ich frage mich, wie diese Leute reagieren würden, wenn der Iran auf den Trichter käme, die Häuser von Terrorverdächtigen in Deutschland in die Luft zu jagen, wobei es genügt, bei den iranischen Behörden als solcher denunziert zu werden. Beweise muss es nicht geben, der Verdacht genügt für ein Todesurteil, welches im besten Fall von Ahmadinedschad per Daumen gefällt wurde –wenn Du Pech hast von einem beliebigen Dorfmullah – in keinem Fall jedenfalls in einem ordentlichen Gerichtsverfahren. Nicht anders verhalten sich die USA.

Es ist übrigens interessant, warum es so wenig „unschuldige Tote“ durch Drohnen gab: Die Amis erklären einfach alle Getöteten zu Terroristen („A recent exposé in the New York Times partially helped to explain the White House’s astonishingly low estimates by revealing that the Obama administration considers “all military-age males [killed] in a strike zone” to be “combatants . . . unless there is explicit intelligence posthumously proving them innocent.” – s. http://livingunderdrones.org/wp-content/uploads/2012/10/Stanford-NYU-LIVING-UNDER-DRONES.pdf)
Es geht hier darum, dass selbst das Recht des “habeas corpus” ausser Kraft gesetzt wird und willkürlich von einem Staat gemordet wird.

Dieses Verhältnis zur Wahrheit, das man freundlich flexibel nennen könnte, macht es schwer, offiziellen Aussagen der Regierungen auch nur einen Deut zu glauben.

Nichtsdestotrotz muss ich den Vollpfosten Dabelju für die Wortschöpfung „war on terror“ bewundern. Eine derart unverfrorene Lüge in allem, was damit verbunden wird – und doch wird der Ausdruck übernommen. Auch wenn sich Russland (bei ihrem Krieg in Tschetschenien) oder Israel (gegen die Hamas) weniger erfolgreich versucht haben, sich an diesen Begriff dranzuhängen.

Ich kann es mir übrigens nur schwer erklären, warum die USA noch nicht wegen ihrer Menschenrechtsverletzungen und ihrer völkerrechtswidrigen Kriegsführung auf der Anklagebank sitzen. Die UN plant immerhin, Drohneneinsätze zu prüfen. Ich bin der Meinung, der Friedensnobelpreisträger Obama gehört genauso wie Schorch Dabbelju wegen ihrer unzähligen Verbrechen (Obama wegen jedes einzelnen Mordes, den er veranlasst hat, Bush wegen der Angriffskriege, wegen Rechtsbeugung etc. etc.) vor den internationalen Gerichtshof. Es kann nicht sein, Milošević  anzuklagen, Obama und Bush aber davonkommen zu lassen (man Vergleiche nur die Zahlen – das, wofür Milošević Jahre brauchte erledigt Bush in ein paar Monaten!).

Ach … und während ich hier so schreibe kommt mir noch Syrien in den Sinn … es ist ja noch gar nicht so lange her, dass Assad ein Hoffnungsträger des Westens war (s. Damazener Frühling – ich erinnere mich noch gut an eine Reportage im deutschen Fernsehen, in der er gradezu gefeiert wurde als Verfechter eines arabischen Wegs zur Demokratie ) .  

Tags: gedanken, meinung, schweinschen schlaus weisheiten, thomas mental chaos
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