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eine neue Welt erschliesst sich …


Seit November habe ich nun ein neues Familienmitglied. Eine 11-chörige Laute nach Pietro Railich. Ich hatte das Vergnügen, das Original im Nürnberger Germanischen Nationalmuseum zu spielen und war damals begeistert von dem Instrument.
Wunschgemäss sollte also das Instrument dem Original sehr nahe kommen. Lediglich kleinere Abweichungen habe ich in Abstimmung mit dem Lautenbauer Dieter Schossig vornehmen lassen. Während des Baus wurde ich durch Fotos über den Fortschritt des Baus informiert, was half, die Wartezeit zu überbrücken und was dank der erklärenden Mails von Dieter Einblicke in die Kunst des Lautenbaus ermöglichte. Nachdem ich das Instrument dann zum ersten Mal in Händen halten durfte interessierten natürlich vor allem Klang, aber auch das Aussehen: Das Instrument ist wunderschön gearbeitet und wunderschön anzusehen. Bereits mit den ersten Tönen auf dem Instrument konnte ich mich von der Spielbarkeit überzeugen. Die Saitenlage und auch die Ansprache des Instruments sind fantastisch. Das Instrument sang fast als bräuchte es nur einen kleinen Anstoss, um seine Stimme zu erheben. Sicher kann ich mir nach den Jahren, die zwischen meiner eigenen Erfahrung  mit dem Original und der neuen mit der Kopie nicht sein, doch hatte ich den Eindruck, die Kopie würde (von Kleinigkeiten, die wohl den neuen Saiten geschuldet sind, abgesehen) nahezu gleich zum Original im Germanischen Nationalmuseum klingen. Dank der für eine Barocklaute kleinen Mensur lässt sie sich wunderbar leicht spielen. Die geniale Konstruktion sorgt aber dafür, dass sie deswegen nicht leiser als grösser mensurierte Instrumente klingt. Die Tonqualität ist unbeschreiblich und übertraf noch meine hohen Erwartungen. In allen Registern lässt sich der Ton mühelos formen.



Einsetzen wollte ich dieses Instrument vor allem für die frühe deutsche Barockmusik von Esaias Reusner dem Jüngeren und vergleichbarer Musik. Nachdem ich einige Wochen auf dem Instrument gespielt hatte bekam ich das Verlangen, die frühe deutsche Musik mit etwas anderem zu ersetzen. Zunächst ging ich auf moderne Musik für Laute – sie machte auf dem Instrument keinen Spass! Auch wenn ich die „Study“ genannten Etüden Stefan Lundgrens und seine Choralvariationen sehr schätze klingen sie auf diesem Instrument nicht. Dafür scheint meine Thielke deutlich besser geeignet.
So entschied ich mich aus einer Laune heraus, einem anderen Stil erneut eine Chance zu geben, der mir (vielleicht durch Barons abfällige Kommentare, vielleicht aber auch durch ein für diese Musik untaugliches Instrument) lange Zeit versauert war:  französischer Musik des Barock. Diese Musik gilt als die „hohe Schule“ der Lautenkunst, da sie schwer interpretierbar ist und tiefe Kenntnis des musikalischen Umfelds erfordert.

Meine Lehrerin am Konservatorium war eine leidenschaftliche Anhängerin des französischen Stils, die Laute zu spielen, so dass ich über eine kleine Sammlung an Lautenmusik aus französischen Quellen verfüge, mit dem ich mich beschäftigen konnte.
Einen guten Einstieg bildet das Barbe-Manuskript, welches leicht lesbar ist und die vielen originalen Fingersätze helfen, die Musik angemessen darzustellen.
Vieles, was sich in Barbe findet ist auch im Saizenay-Manuskript, welches mehr interpretatorische Arbeit verlangt, einen dafür aber auch reichlich belohnt. Nach dem Studium der Musik aus Barbe fällt es auch leichter, diese Musik darzustellen.
Dazwischen lässt sich die Rhétorique des Dieux hervorragend einbinden.

Und eine neue Welt erschliesst sich …


Die erste Lehre, die ich für mich gezogen habe: Instrument und darauf darstellbare Musik haben mehr miteinander zu tun als es „moderne Musiker“ wahrhaben wollen.
Und ausserdem bestätigte sich: die Schönheit von Musik erschliesst sich mit der Beschäftigung. Der neue Horizont, der sich nun aufgetan hat ist weit entfernt und ich denke, vor mir liegen noch Jahre erbaulicher Beschäftigung mit der Musik von Mouton, der diversen Gaultiers, Gallots, […]

Hier auf dem Blog werde ich versuchen, diese Entwicklung aus meiner subjektiven Sicht und wie immer im Tagebuchcharakter zu beschreiben – vielleicht macht es dem ein oder anderen Vergnügen, das zu lesen und vielleicht hilft es dem ein oder anderen bei seiner eigenen Arbeit und erspart vielleicht die ein oder andere unangenehme Erfahrung, die mir widerfahren ist.



Leider sind meine Videos nur sehr beschränkt aussagekräftig – die Tonqualität bei YouTube-Videos ist sowieso Glücksache und mit meinem Aufnahme-Equipment nicht angetan, der Musik und dem Instrument gerecht zu werden. Darum bitte ich zu verzeihen, wenn ich zunächst sehr zurückhaltend mit der begleitenden Darstellung auf Video bin – auch wenn ich grade diese Darstellung sehr hilfreich fände.

Tags: laute, lute, trivia photography lute
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