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Reise in die Dunkelheit

Es kann jeden von uns treffen: Plötzlich und unerwartet sind wir nicht mehr Herr unseres Lebens. Ein Unfall, ein Schlaganfall, eine Krankheit – es gibt derart viele Möglichkeiten, aus dem selbstständig und eigenverantwortlich gelebten Leben in eine Situation zu kommen, in der man auf Hilfe angewiesen ist, dass es fast an ein Wunder grenzt, wenn wir es schaffen, ohne Betreuung durchs Leben zu gehen.

Klar – wirklich selbstbestimmt sind wir nie, sondern durch Beruf, Erziehung und Umfeld determiniert. Doch wenn uns einer dieser Schicksalsschläge trifft werden unsere Wahlmöglichkeiten noch einmal erheblich eingeschränkt, reduzieren sich bis hin zu denen eines Babys.

Kämpfen Rollstuhlfahrer oder Blinde darum, sich als Menschen respektiert und abseits ihres Handicaps als handlungsfähig akzeptiert zu sehen, stellt sich die Situation für Demenzkranke anders dar. Diese Krankheit ist schleichend, es beginnt mit vergessenen Wörtern, Erinnerungslücken, bis irgendwann körperlich Defizite zu den mentalen Ausfällen hinzukommen. Bewegungs- und Koordinationsprobleme – so geht die Richtung schleichend, aber unweigerlich in Richtung eines Babys. Den nahen Angehörigen und Beobachtern dieses Prozesses bleibt dabei die Wahrnehmung und das Innenleben des Betroffenen verschlossen.  
Mir persönlich geht es so, dass ich hin- und hergerissen bin: Einerseits den Wunsch verspüre, die aktuelle Situation zu akzeptieren und damit umzugehen und andererseits den „in Saft und  Kraft“ stehenden Menschen nicht vergessen mag. Ein unlösbarer Widerstreit.



(Quelle: TV-Sendung "Nano" des Senders 3sat.)


Wie muss es den Menschen gehen, die einem Demenzkranken besonders nah stehen? Nimmt man den langsamen Verfall nicht mehr so wahr?

Und wie mag sich das Verhältnis ändern?

Wenn nun ein Angehöriger noch den Demenzkranken pflegt – das ist ein Job ohne Pause, ohne Dank, ohne Erholung. Und ein Job, bei dem die Anforderungen immer weiter steigen. Der Kranke wird immer mehr Raum einnehmen, bis er das ganze Leben ausfüllt. Wie mag man sich dabei fühlen?

Jeder Aussenstehende wird sagen „Nimm Hilfe an – suche eine Betreuung“. Doch der betreuende Familienangehörige wird das oft weniger als Hilfe denn als Abschieben empfinden. Man schiebt doch nicht einen geliebten Menschen aus Bequemlichkeit in eine Pflegeeinrichtung ab. Dazu kommen noch die Kosten! Und so betreut man den Angehörigen zuhause. Der Aufwand wird immer grösser und man entfernt sich immer mehr vom eigenen Leben und lebt immer mehr für die Betreuung des Angehörigen. Der eigene Anteil am Leben nimmt immer mehr ab, je mehr die Betreuung des Kranken notwendig wird. Gleichzeitig sorgt die Krankheit dafür, dass Fremdes im Leben des Kranken immer weniger angenommen wird. Das Bewusstsein schwindet und das Unterbewusste wehrt sich gegen Änderungen im Alltag. So dass die Einführung von helfenden Personen immer schwerer wird. Für die betreuende Person ist sicher irgendwann – je nach psychischer und physischer Konstitution – eine Grenze der Belastbarkeit erreicht, an der es ohne Hilfe nicht mehr geht. Doch wo Hilfe suchen? Natürlich gibt es Betreuungseinrichtungen, doch stelle man sich vor, dass der Gedanke, eine Betreuungseinrichtung bedeute abschieben der betreuten Person sich festgesetzt hat – was also, wenn eine Betreuungseinrichtung nicht infrage kommt?

Hier in der Schweiz gibt es die Spitex, die helfend unterstützt. Das kann Dienste im pflegenden Bereich umfassen als auch Hilfe im Haushalt. Ich denke, das ist ein richtiger Ansatz.  Die Betroffenen können sich die Hilfe suchen, die sie brauchen. Inwieweit diese Hilfe finanziell tragbar ist weiss ich nicht. Ist das nicht eine Aufgabe für die Allgemeinheit, die genauso unterstützt werden sollte wie ein Aufenthalt im Pflegeheim?

Ich kenne den richtigen Weg nicht. Wahrscheinlich gibt es dort (wie so oft) kein richtig oder falsch. Was mir definitiv angesagt scheint, ist in Demenzfällen nicht nur den eigentlichen Patienten zum Gegenstand der gesellschaftlichen, familiären und freundschaftlichen Sorge zu machen, sondern die engen Angehörigen und ganz besonders und intensiv die pflegenden Angehörigen, mit einzubeziehen.

Tags: gedanken, meinung, thomas mental chaos
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