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Thick as a Brick 2

bereits vor einiger Zeit herausgekommen ist ein Album meiner Band. Ich hätte nicht mehr erwartet gehabt, dass Jethro Tull noch einmal ein Album herausbringt und nachdem es sich um ein Nachfolgealbum zu meinem absoluten Favoriten Thick as a brick handeln sollte war ich einerseits in freudiger Erwartung, andererseits auch besorgt, ob Ian Anderson mit seinen inzwischen eingeschränkten stimmlichen Möglichkeiten noch in der Lage wäre, ein diesem Meilenstein der Rockgeschichte vergleichbares Album zu produzieren.


Tatsächlich reicht die Betrachtung der Geschichte von Gerald Bostock nicht an den ersten Teil heran. Schon nach dem ersten Hören gab ich darum die Idee auf, den Vergleich überhaupt zu suchen. Was aber von diesem Hören zurückblieb ist ein Eindruck der Zitierfreude, welche TAAB2 auszeichnet. Es werden nicht nur Motive des ersten Teils, sondern auch noch aus anderen Tull-Alben verwendet, in anderen Zusammenhang gestellt und auf diese Weise kreativ in die Handlung eingebaut.
Inhaltlich wendet sich TAAB2 der Frage zu, was wohl aus dem fiktiven Dichter des ersten Teils geworden sein mag. Verschiedene mögliche Lebenswege werden vorgestellt (Banker, Priester, Soldat, Obdachloser, gewöhnlicher Mensch) und im zweiten Teil des Albums werden diese möglichen Lebenswege scheinbar verknüpft.
Somit wirft dieses Album einen Blick auf die kleinen, scheinbar nebensächlichen Entscheidungen, die den weiteren Verlauf unseres Lebens massgeblich beeinflussen können. Dadurch, dass jeder dieser Wege wiederum als tendenziell heuchlerisch dargestellt wird, wird der Hörer hängengelassen. Ist Leben nicht planbar? Alles Zufall? Ist es überhaupt möglich, anständig durchs Leben zu gehen? Ansatzweise die Fragen, die auch durch den jungen Gerald Bostock im Original aufgeworfen wurden. „Wir alle sind ständig zu Entscheidungen über unser Leben genötigt, deren Folgen wir nicht absehen können“ lässt sich vielleicht die Aussage des Albums zusammenfassen. Wenn ich die dargestellten potentiellen Lebenswege von Gerald zugrunde lege muss man davon ausgehen, dass jede Entscheidung unbefriedigende Ergebnisse zur Folge haben kann. Vom reifen Ian Anderson hätte ich etwas weniger Zynismus und mehr Humor erwartet.

Doch ausser der „Story“, welche das Album erzählt, geht es vor allem natürlich um die Musik.  
Der Sound ist gut und eindeutig Jethro Tull. Ian Anderson schreibt auch heute noch gute Songs, eingängig und doch musikalisch anspruchsvoll, wobei der Tull-typische Mix aus hartem Rock und leiseren akustischen Passagen mehr im leiseren Bereich angesiedelt ist als auf früheren Alben. Die Originalmusiker - Martin Barre und Doan Perry vor allem - fehlen leider. Ich vermute, die hätten noch einiges an kreativem Input geleistet. Dadurch entsteht latent der Eindruck von konstruierter, statischer Musik. Die Lebendigkeit des ersten Teils wird darum leider nicht erreicht. Wesentlich zu diesem Dämpfer tragen natürlich auch Ian Andersons inzwischen stark eingeschränkte stimmliche Möglichkeiten bei, auch wenn die Songs seinen stimmlichen Möglichkeiten angepasst sind und er den Gesang darum passabel bewältigt. Trotz dieser kleinen Einschränkung ist der Sound gut und die musikalische Qualität, grade im Vergleich zu anderen Scheiben des 21.Jahrhunderts, fantastisch.




Zusammenfassend lässt sich sagen: Ein tolles Album, für den Tull-Fan sowieso, doch auch allen anderen Fans kreativer Rockmusik sei dieses Album herzlichst empfohlen.

Tags: gedanken, meinung, music
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