lautenist (lautenist) wrote,
lautenist
lautenist

Aufmerksamkeit

Eigentlich hatte ich für heute vor, einige CDs zu besprechen, die mir recht grosse Freude bereiten. Vielleicht komme ich später noch dazu.
Doch Hannes hat einen Link empfohlen, den ich auf mehreren Ebenen interessant fand. Es geht um Aufmerksamkeit.
Natürlich hat ein Journalist ein grosses Interesse daran, Aufmerksamkeit zu erwecken. Der journalistische Wunsch, Aufmerksamkeit zu generieren ist aber auch nicht grenzenlos. Sonst gäbe es nur Blätter wie BILD, 20 Minuten oder den Blick, bei denen die Information nur als loser Aufhänger dient, um Aufmerksamkeit zu wecken. Letzten Endes ist das, was diese Blätter machen das, was man heutzutage „Infotainment“ nennt.
Wenn der Chefredakteur der Südostschweiz provokant fragt „wen interessiert denn das?“ begibt er sich journalistisch gesehen auf dünnes Eis. Nach meinem Verständnis ist es Aufgabe der Journalisten, Informationen zu bewerten und zu sortieren. Fast alle Zeitungen haben einen Seite, die mehr der Unterhaltung dient, einen Wirtschafts- und Sportteil, ein Feuilleton,  einen politischen Teil und einen Lokalteil. Da gilt es, Informationen hinein zu sortieren. Dann gibt es je nach Zeitung typische Arten der Präsentation. Die einen reichern die Informationen mit vielen Bildern an, andere sind sehr textorientiert, die einen bevorzugen einen lockeren, andere eher einen nüchternen Schreibstil. Innerhalb dieser Vorgaben hat nun der Journalist die Aufgabe, die Information ansprechend zu präsentieren. Da bin ich mit Sieber einer Meinung.
Was David Sieber nun sagt, wenn er meint, eine Kirchensynode sei nicht berichtenswert ist, sie falle durch die Relevanzkriterien seines Blattes. Man kann nun sagen, Kirche sei gesellschaftlich nicht mehr die Autorität, die sie einmal war, man kann dies und das anführen, warum man die Kirche ignoriert. Aber zu empfehlen, die Kirche solle sich für Medien interessanter machen und sich damit dem „Aufmerksamkeitswettbewerb“ stellen geht an dem, was Kirche ist doch weit vorbei.  Mich stört nun nicht, dass die Südostschweiz eine Kirchensynode nicht für berichtenswert erachtet sondern seine Empfehlung, man solle sich dem „Aufmerksamkeitswettbewerb“ stellen. Hinter dem steht der verbreitete Gedanke, nur „Mega-Events“ seien es wert, darüber zu berichten.
Der dahinter stehende Gedanke klammert den Qualitätsgedanken vollkommen aus. Es wird nahezu undenkbar, dass etwas kleines aufgrund der Qualität beachtenswert sein könnte. So war es in der Vergangenheit so, dass Kirche, trotz sinkendem Interesse in der breiten Öffentlichkeit, aufgrund der Inhalte, des etwas anderen Blicks auf die Gesellschaft und die sie bewegenden Themen als berichtenswert empfunden wurde. Die Qualität war es, warum man berichtete.

In einem früheren Blogeintrag habe ich mich bereits zum Thema Qualität und Musik geäussert.
Auch in der Musik – einem Medium, das sich eigentlich der Quantifizierung entzieht – wird über einen Trick versucht, den Qualitätsbegriff umzudeuten, indem man Verkaufszahlen mit Qualität gleichsetzt. Das war aber noch nie so und wird auch nie so sein. Nicht, dass etwas kommerziell erfolgreiches nicht auch gut sein kann – das eine hat mit dem anderen schlicht nichts zu tun.

Besonders dramatisch wird diese Gleichsetzung, wenn sie im persönlichen Bereich stattfindet. Wenn Beliebtheit heute an der Anzahl Follower bei Twitter oder der Anzahl der „Freunde“ bei Facebook festgemacht wird, wird das (noch?) mit einem Lächeln bedacht. Aber mir sind schon seriös gedachte Meldungen in TV und Presse aufgefallen wird, in denen „Relevanz“ anhand dieser Kenngrössen festgemacht wird.

Auch beim wirtschaftlichen Erfolg gilt das Gleiche: Die Produkte von Apple sind objektiv betrachtet vom Preis-Leistungs-Verhältnis her selten die „Besten“, objektiv gesehen braucht man sicher weder Ferrari noch Mercedes, der Käfer war trotz seiner Verkaufszahlen sicher nicht das beste Auto seiner Zeit. Selbst in dem Bereich, der sich über den wirtschaftlichen Erfolg definiert, stimmt diese Gleichsetzung nicht. Grade bei Nobelmarken wird noch ein dritter Aspekt in unserem Wertschätzungskanon deutlich: das „Image“.

Wenn wir nun mal einen oppositionellen Denkansatz wählen und Qualität in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit stellen würden – würde das nicht  als Verbesserung empfunden?

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Zum Abschluss aber noch ein Foto, das ich gestern in der Pause des Fussballspiels Deutschland - Italien geschossen habe:



Tags: gedanken, meinung, trivia photography
Subscribe

  • Kennst Du das Land ...

    Erich Kästner dachte zwar sicher nicht an Kanonen-Uschi oder AKK, aber es könnte einem so vorkommen: Kennst Du das Land, wo die Kanonen…

  • der Sinn

    miteinander gehen die zukunft bestehn ängste überwinden vertrauen schenken zueinander stehn der welt trotzen gemeinsam statt allein…

  • (no subject)

    Weihnachtsabend Aus dunklen Fenstern stand ich lang Und schaute auf die weiße Stadt Und horchte auf den Glockenklang, Bis nun auch er…

  • Post a new comment

    Error

    default userpic

    Your reply will be screened

    Your IP address will be recorded 

    When you submit the form an invisible reCAPTCHA check will be performed.
    You must follow the Privacy Policy and Google Terms of use.
  • 0 comments