lautenist (lautenist) wrote,
lautenist
lautenist

Gedanken eines alten Mannes

Müde schleppte sich der alte Mann auf seinen Stock gestützt den steilen Weg hinauf. Er hatte sich wohl übernommen, als er den langen Weg wählte. Vor allem bei dem derzeitigen nasskalten Wetter mit Windböen, die die Feuchtigkeit in jede ungeschützte Stelle des Körpers trieb und ihm das Gefühl vermittelten, die Knochen seien noch spröder als sonst.  "Vor wenigen Jahren noch ging ich diese Strecke ohne Stock und in weniger als der Hälfte der Zeit. Ohne, wie nun, ausser Atem zu kommen", dachte er, während er sich mühsam den Weg hinaufkämpfte. Nur noch ein wenig den Hang entlang und er wusste, es würde eine Bank auf ihn warten, wo er sich ausruhen konnte.

mehr ...

Endlich erreichte er die Bank und blickte um sich:



der Abend brach langsam herein und vor ihm breitete sich der Ort auf, in dem er nun seit einigen Jahren lebte.
Er setzte sich auf die Bank, ohne auf die Feuchtigkeit und die Kälte zu achten, welche die Bank abgab, als hätte sie sie gespeichert und nur für den Fall aufgehoben, dass ein greiser Wanderer sich die Bank zur Ruhestätte wählen würde.

Während der letzten Jahre waren diese Spaziergänge zu einer  Lebensnotwendigkeit geworden.  Nach einigen  hundert Metern verschwanden die Gedanken an Arztrechnungen, den zugrunde liegenden Gebrechen, die das Alter mit sich brachte, die Gedanken an den Haushalt und die Einsamkeit in seinem Leben und machten den Träumen und Erinnerungen Platz, die ihn über die langen Jahre seines Lebens begleitet hatten. Die immerwährende Müdigkeit und die Schwere seiner Schritte spürte er dann nicht mehr, denn seine Gedanken flogen, wie sie es in den lang zurückliegenden Tagen seiner Jugend getan hatten.
So sass er auf der Bank und erfreute seinen Blick zunächst an dem Sonnenuntergang, der in herrlichen Farben den Tag verabschiedete. "Das Sterben und die Geburt des Tages sind die Momente der grössten Schönheit.", dachte er und wunderte sich über diesen wirren Gedanken. Er dachte darüber nach und fand, dass diese Beobachtung für alle Momente zuträfe. Er dachte an den Beginn der Liebe, an die intensiven Momente, wenn sich jede Faser des Körpers und der Seele nach dem anderen zu verzehren scheinen. Wehmütig erinnerte er sich an seine erste grosse Liebe, an die vielen schönen und traurigen Momente, und wie schön ihm nach Jahren sogar die Sehnsucht erschien, die ihn damals zu verzehren drohte und von der er meinte, er müsse daran sterben! Und er dachte an das Ende, als die Liebe hoffnungslos erschien und er die Qual eines Lebens ohne sie der Qual eines Lebens mit ihr vorzog. Und an die Nacht, die folgte.
Seine Gedanken wanderten weiter und  er dachte an all die Konzerte, die er besuchte. Auch hier erinnerte er sich an die Vorfreude, an die Begeisterung während der ersten Töne!  Und an den Moment der Leere nach dem letzten Ton, nach der Zugabe, bevor nach einigen Momenten alle Details der Aufführung auf ihn hereinstürmten. Und daran, wie flüchtig diese Erlebnisse waren. War er deshalb gradezu süchtig nach Konzerten gewesen? Der Gedanke an ein Essen mit einer Freundin kam ihm in den Sinn. Er konnte jedes Detail der Vorbereitung abrufen ... hier blieben seine Gedanken stocken. Sein Magen knurrte.
Plötzlich spürte er die Kälte wieder und die Feuchtigkeit, die durch seine Hosen kroch.
Er erhob sich und machte zögerlich einige gymnastische Bewegungen. Langsam setzte er sich, auf seinen Stock gestützt in Bewegung und dachte, was für ein alter Narr er doch sei.

Noch während er dies dachte schlich sich die Erinnerung ein, wie er als Kind stundenlang an einem Bach spielte. In diesen Spielen verfügte er über magische Kräfte und in vielen Abenteuern setzte sie ein, um die Welt zu retten und immer wieder zu verbessern.

 

"Autsch!" In seine Träume versunken hatte er nicht bemerkt, wie er über einen Ast gestolpert war. Das glückliche und wehmütige Lächeln verschwand von seinem Gesicht und ein Bild stieg vor seinem inneren Auge auf. Er erinnerte sich, als sei es gestern gewesen an eine Nachricht von einem Unglück. Ein mit Propangas beladener Tanklastwagen war bei einem Campingplatz in Tarragona explodiert.  Über 200 Menschen verbrannten bei Temperaturen von ca. 1500 Grad Celsius (Eintrag auf Wikipedia) . Die Bilder der verkohlten und geschrumpften Menschen traten ihm vor Augen. Erwachsene Menschen, Kinder!
Er schüttelte den Kopf und wunderte sich, warum es immer die schlimmen Nachrichten waren, die sich so sehr im Gedächtnis hielten.


t.b.c.


Tags: story
Subscribe

  • Post a new comment

    Error

    default userpic

    Your reply will be screened

    Your IP address will be recorded 

    When you submit the form an invisible reCAPTCHA check will be performed.
    You must follow the Privacy Policy and Google Terms of use.
  • 0 comments