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Vernunft und Leidenschaft

Gestern hatte ich zwei Textauszüge des von mir sehr geschätzten Khalil Gibran gepostet. Gibran drückte manche, an sich banale Weisheit, immer schön poetisch aus. Dass er selten nachvollziehbare Begründungen liefert muss man dabei grosszügig übersehen.

Die Kernaussage des ersten Textes, der sich mit dem Widerstreit zwischen Vernunft und Leidenschaft in unserem Leben beschäftigt ist

Eure Vernunft und Eure Leidenschaft sind das Ruder und die Segel eurer seefahrenden Seele.
Die Aussage ist klar und an sich banal. Die Leidenschaft treibt uns an und ist das, was uns vorwärts bringt. Was wir uns ersehnen, wonach wir streben, wovon wir begeistert sind – alles, wofür wir uns in irgendeiner Form ereifern, ist das, was uns im Leben „weiterbringt“. Die Aussage impliziert aber auch, dass Stillstand nichts erstrebenswertes ist. Da bin ich teilweise anderer Ansicht. Schliesslich kann es auch wunderschön sein, etwas, das wir erreicht haben, zu geniessen. Diese Momente des Innehaltens empfinde ich als sehr wichtig. Aber natürlich gehört auch Leidenschaft zum Leben. Ohne sie hätten wir keine Bezugspunkte im Leben, an denen es sich innezuhalten lohnen würde. Bildlich gesprochen: Wenn ich einen Berg hochsteige halte ich immer einmal wieder an, um die Aussicht zu geniessen. Natürlich ist das Ziel der Gipfel, doch mir würde viel Spass fehlen, wenn ich die Schönheiten, die ich auf dem Weg entdecke, links liegen lasse und nur an mein Ziel denke. Damit komme ich vielleicht langsamer an das Ziel, aber ich habe auf dem Weg sicher mehr Spass als diejenigen, die nur das Ziel vor Augen haben und den Weg nur als notwendiges Übel ansehen, um es zu erreichen.
Vernunft ist es nun, die uns von unrealistischen Zielen abhält, die uns mahnt, unsere Kräfte richtig einzuschätzen.
Wenn ich mich nun für eine Frau begeisterte, so ist es die Vernunft, die mir gebietet zu schauen, ob diese Frau denn zu mir passt, ob sie überhaupt zu haben ist; die mich fragen lässt, ob sie überhaupt Interesse an mir haben könnte.

Oder um im Bild vom Berg zu bleiben: ob ich mir den richtigen Hügel oder Berg ausgesucht habe, den ich erklimmen will.
Gibran bezeichnet das Stillstehen, also die Momente, in denen wir Innehalten als Momente der Vernunft. Das stimmt schon, da wir, wenn wir uns bewegen, uns weniger mit Vernünfteleien beschäftigen. Wir müssen also innehalten, um das Ruder gegebenenfalls neu zu justieren. Aber diese Momente sind nicht nur dazu da, neu zu justieren – sondern auch, um das Erreichte zu geniessen.

Offen bleibt, wonach wir streben sollten und wie und wie und warum wir es erreichen wollen. Diese Fragen zu beantworten hilft uns die (praktische) Philosophie.

Tags: meinung, philo, thomas mental chaos
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