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Von der Vernunft und der Leidenschaft

Eure Seele ist oft ein Schlachtfeld, auf dem Eure Vernunft und euer Verstand Krieg gegen Eure Leidenschaft und eure Gelüste führen.
Könnte ich der Friedensstifter in Eurer Seele sein und den Missklang und die Zwietracht eurer Wesen in Einklang und Harmonie verwandeln!
Aber wie kann ich das sein, wenn ihr nicht selber auch
Friedensstifter seid, nein, mehr noch, euer ganzes Wesen liebt?
Eure Vernunft und Eure Leidenschaft sind das Ruder und die Segel eurer seefahrenden Seele.
Wenn eure Segel oder Ruder brechen, könnt Ihr nur noch schlingern und treiben oder auf hoher See festgehalten werden.

Denn Vernunft ist, wenn allein sie waltet,
eine einengende Kraft;
und unbewacht ist die Leidenschaft eine Flamme,
die bis zur Selbstzerstörung brennt.

Daher lasst die Seele eure Vernunft auf den Gipfel der Leidenschaft eben, damit sie singt;
Und lasst sie Eure Leidenschaft mit Vernunft lenken, damit eure Leidenschaft ihre tägliche Auferstehung erlebt und sich wie der Phönix aus der Asche erhebt.
Ich wollte Ihr betrachtet Euren Verstand und Eure Gelüste wie zwei geliebte Gäste in eurem Haus.
Sicher würdet Ihr einen Gast nicht mehr ehren als den anderen; denn wer den einen mehr beachtet,
verliert die Liebe und das Vertrauen beider.
Wenn ihr zwischen den Hügeln im kühlen Schatten der weissen Pappeln sitzt und am Frieden und der Heiterkeit der Felder und Wiesen teilhabt-dann lasst euer Herz schweigend sagen:"Gott ruht in der Vernunft".
Und wenn der Sturm kommt und der mächtige Wind den Wald erschüttert und Donner und Blitz die Erhabenheit des Himmels verkünden - dann lasst Euer Herz in Ehrfurcht sagen:
Gott bewegt sich in der Leidenschaft.
Und da ihr ein Atemzug in Gottes Sphäre seid und ein Blatt in Gottes Wald, sollt auch ihr in der Vernunft ruhen und in der Leidenschaft euch regen.

(Khalil Gibran)

Die Hervorhebung ist von mir. Sie sagt im Kern aus, was Gibran so schön poetisch ausdrückt. Ich hatte diese Stelle aus gegebenem Anlass gesucht und präsentiere sie hier komplett.

Ebenfalls aus gegebenem Anlass vom gleichen Autor:

Ihr wurdet zusammen geboren,
und ihr werdet auf immer zusammen sein.
Ihr werdet zusammen sein, wenn die weissen Flügel des Todes eure Tage scheiden.
Ja, ihr werdet selbst im stummen Gedenken Gottes zusammen sein.
Aber lasst Raum zwischen Euch.
Und lasst die Winde des Himmels zwischen Euch tanzen.
Liebt einander,aber macht die Liebe nicht zur Fessel;
lasst sie eher ein wogendes Meer zwischen den Ufern eurer Seelen sein.
Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher.
Gebt einander von eurem Brot, aber esst nicht vom selben Laib.
Singt und tanzt zusammen und seid fröhlich, aber lasst jeden von Euch allein sein,
so wie die Saiten einer Laute allein sind und doch von derselben Musik erzittern.
Gebt eure Herzen, aber nicht in des anderen Obhut.
Denn nur die Hand des Lebens kann Eure Herzen umfassen.
Und steht zusammen, doch nicht zu nah:
Denn die Säulen des Tempels stehen für sich,
und die Eiche und die Zypresse wachsen nicht im Schatten der anderen.

Tags: gedanken, meinung, philo
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