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Grenzen des Vertrauens

Wie angekündigt mache ich mir Gedanken zu dem Thema Vertrauen und den Grenzen des Vertrauens

Arthur Schopenhauer beschreibt das Dilemma, um das es geht, anhand seines bekannten Stachelschweingleichnisses:

Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich en einem kalten Winterrage recht nah zusammen, um sich durch die gegenseitige Wärme vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so dass sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.

So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: keep your distance! - Vermöge derselben wird zwar das Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden.

Wer jedoch viel eigene, innere Wärme hat, bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben, noch zu empfangen.

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Gut – Schopenhauer spricht von Nähe und nicht von Vertrauen. Aber letzten Endes geht es hier genau um mein Thema heute: Wie nah sollen wir uns auf jemanden einlassen. Kommen wir ihm zu nah, machen wir uns verletzlich und bleiben wir ihm fern fehlt uns die Wärme, die Nähe gibt.

Vertrauen ist der Wille, sich verletzlich zu zeigen.

Zweierlei unterstellt Schopenhauer in seinem Stachelschweingleichnis:

  • Der andere verletzt uns, wenn wir ihm zu nah kommen (ob absichtlich oder unabsichtlich)
  • Wir brauchen und suchen die Wärme unserer Mitmenschen

Die Alternative heisst: Einsamkeit

Im Gegensatz zu Schopenhauer, der offenbar der Ansicht ist, ein reiches Innenleben könne vor dem Bedürfnis schützen (es zumindest mildern), sich mit anderen Menschen zu umgeben, mit ihnen zu kommunizieren und gesellschaftlich zu verkehren halte ich dieses Bedürfnis für im Menschen fest verankert und noch so viel eigene Wärme kann vor dem Bedürfnis, Wärme zu geben und zu empfangen schützen (der Mensch ist ein Herdentier).
Grundlage für eine Annäherung ist Vertrauen, weil wir uns je verletzlicher zeigen, desto näher wir einander kommen. Schopenhauer zufolge kommt es sogar unausweichlich zu einer Verletzung, wenn wir jemandem „zu nahe treten“.

Was ist aber diese Grenze, bis zu der wir uns vorwagen dürfen, ohne Gefahr zu laufen, verletzt zu werden oder zu verletzen?

„Die Höflichkeit und feine Sitte“ sind doch recht inhaltsleere Begriffe und müssten im Kontext der jeweiligen Situation gefüllt werden (tatsächlich wird diese Aussage Schopenhauers auch überwiegend so verstanden). Die Richtigkeit der Behauptung kann wahrscheinlich jeder an sich selbst bestätigen: auf einen Kollegen geht man anders zu als auf einen guten Freund, einen langjährigen Freund behandelt man anders als einen neuen, flüchtigen Bekannten etc.
Wir haben jeweils eine andere Vertrauensbasis, die einmal auf dem konkret und zum zweiten auf analog Erlebtem gründen.

Worauf gründet unser Vertrauen? Letzten Endes leiten wir in den meisten Fällen aus konkret Erlebtem ab, dass sich unser Gegenüber in einer ähnlichen Situation analog verhalten wird.
Oder aber wir leiten, wie zum Beispiel bei einem Arztbesuch, aus den vorhandenen Informationen eine Kompetenz ab. Wir glauben zu wissen, dass ein Arzt befähigt ist, unser Problem zu lösen, weil ein Arzt die notwendige Ausbildung hat, um es zu tun. Wenn wir von jemandem, dem wir vertrauen hören, ein Arzt sei gut tendieren wir dazu, diesen Arzt zu konsultieren. Genauso umgekehrt. Und genauso neigen wir dazu, wenn unsere eigene Erfahrung mit dieser Empfehlung nicht gut war, dem Freund ein Stückchen weit weniger zu vertrauen.

Ähnlich kann man das auch im privaten Umfeld formulieren: Wir erwarten aufgrund uns vorliegender Informationen bestimmte Kompetenzen. Misstrauen wir den Informationen oder machen schlechte Erfahrungen geht das Vertrauen verloren – wir gehen auf Abstand. Das erklärt auch, warum einmal verlorenes Vertrauen schwer wieder aufzubauen ist.

Somit wäre die Grenze des Vertrauens individuell genau der Punkt, bevor dem es zu einer Verletzung des Vertrauens kommt. Schopenhauer impliziert zu Recht, dass wir diesen Punkt nur durch (leidvolle) Erfahrung ermitteln können, also indem wir zu weit gehen.

Und wir sollten nicht vertrauen? Wir!, die wir täglich Beweise der herrlichen, auch uns belebenden Natur haben, die uns nur Liebe zeigt, wir sollten Kampf und Uneinigkeit in unserer Brust hegen, wenn alles uns zur Ruhe und Schönheit ruft?
(
Susette Gontard, Brief an Friedrich Hölderlin vom Dezember 1798)

Der Widerspruch, in dem sich Susette hier zu dem oben Gesagten zu befinden scheint ist nur scheinbar. Man kann ihn auch als Aufruf dazu verstehen, den Blick auf das Positive zu richten. Sicher wusste Susette, dass es in der Natur unendlich viel Grausamkeit, Vergänglichkeit und Gefahr lauert. Doch wenn wir in unseren Erwartungen negativ sind und nur das Schlimme erwarten, enden wir wie Schopenhauer, der als Optimum ansieht, seine Tage nur in Gesellschaft des eigenen Innen zu verbringen.

Für unser tägliches Leben bedeutet das, die Grenze unseres Vertrauens hängt von unserem (selbstbestimmten) Ziel im Leben ab. Wollen wir Leiden mindern (das eigene und das von anderen) folgen wir Schopenhauer und sehen den anderen als potentielle Quelle des Leids, dem wir uns nur vorsichtig annähern sollten. Wollen wir glücklich leben lenken wir unseren Blick auf das Schöne und Gute und vertrauen. Bis uns ein Stich trifft …

Tags: gedanken, sam-oth, schweinschen schlaus weisheiten
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