lautenist (lautenist) wrote,
lautenist
lautenist

  • Location:
  • Mood:
  • Music:

Fakenews .com

Wenn man mit dem Zug zur Arbeit pendelt geht einem in dem halbwachen Zustand, in dem man sich befindet einiges durch den Kopf.
In der Schweiz gibt es "Pendlerzeitungen" genannte Pamphlete, welche zweimal täglich die trivialsten und sensationsheischendsten Berichte bringen.
Da mich an diesen Pamphleten nur die Wettervorhersage und gelegentlich der Veranstaltungskalender interessiert überfliege ich die restlichen Meldungen sehr oberflächlich mit einem "Wen interessiert denn das?" als ständigen Begleiter.
Zieht man in Betracht, wie viele der Nachrichten in Zeitungen wie "20minuten" oder "Blick" als manipuliert oder sogar frei erfunden angesehen werden können (ein paar bekannte Fakes aus dem Bereich Bildmanipulation finden sich hier)
könnte man auf die Idee kommen, eine Zeitung mit frei erfundenen Nachrichten zu gestalten. Der Informationsgehalt sollte ähnlich den
etablierten Boulevardblättern sein (warum nennt man diesen Schrott eigentlich Boulevardzeitungen? Die Erklärung aus der Wikipedia)
Eine kurze Recherche ergibt allerdings, dass bereits jemand auf diese Idee kam: Fakenews.com
Die dort verarbeiteten Ideen sind stellenweise sehr ansprechend:

Nachdem eine solche Seite also nicht mehr sonderlich originell erscheint (wenn auch eine deutschsprachige Variante sicher ihren Reiz hätte) kommt der ernsthafte Gedanke, *warum* so viele Menschen so informationsgeil sind. Und *warum* spielen Wahrheitsgehalt und die Bedeutung einer Nachricht  so gar keine Rolle?
Fragen, die, wenn man sie ernsthaft verfolgt, tief in die düsteren Bereiche der menschlichen Psyche führen. 

Der Mensch ist mit der Gabe der Sprache gesegnet. Was soll man nun mit dieser Gabe anfangen? "Kommunikation" heisst das Zauberwort. Überall wird kommuniziert. Ob im Web, im Büro, in der Schule, der Uni, im Fernsehen, im Radio - man kann sich kaum entziehen. Diese Gabe wird überall benutzt, wenn man auch vieles als Missbrauch dieses Geschenks ansehen kann.

In einem Modell kann man stark vereinfacht unterschiedliche Arten der Kommunikation beschreiben. Entweder die Kommunikation ist einseitig, also einer spricht und der andere hört zu, wie zum Beispiel in einer Rede oder beidseitig wie zum Beispiel beim Smalltalk. Weiterhin kann man (ebenfalls stark vereinfacht) zwei Zustände der Kommunikation beschreiben.
Als geglückt, wenn die Rede
ihren Empfänger erreicht und "anspricht" oder als gescheitert, falls die Rede uninteressant ist oder man "aneinander vorbeiredet".
Wenn nun jemand kommerziell kommuniziert (und das tun wir in gewisser Weise alle) ist man natürlich bestrebt, möglichst erfolgreich zu kommunizieren. Schliesslich geht es um etwas. Sei es im privaten Bereich, in dem man sich in einem guten Licht darstellen will oder im professionellen Bereich, wo der wirtschaftliche Erfolg davon abhängt, dass meine Präsentation "ankommt".
Was macht nun eine erfolgreiche Präsentation aus? Dazu leifert die Kommunikationstheorie viele Ansätze. Ich vereinfache wieder stark und nenne nur 2 Faktoren: Präsentation und Inhalt
Die Präsentation kann die Bühnenshow einer Rockband sein, aber auch der gewählte Kleidungsstil, bei Fotographieen die Perspektive, bei Texten die Gestaltung (es fällt auf, dass selbst bei Büchern diejenigen mit einem "ansprechenderen" Einband eher gekauft werden), im Fall einer Rede die Wahl der Sprache. Benutzt man Trivialsprache, lässt man Dialekt einfliessen, unterstützt man die Rede mit Gesten etc. 
Unter Anderem in der Boulevardpresse findet man auch die simpelste Form der Präsentation: Sex. Ein Nacktfoto kommt oft gänzlich ohne Inhalt daher und ist somit Präsentation pur.
Der Inhalt nun ist der Gegenstand über den man spricht. Das ist der heikle Teil in der Kommunikation. Denn nicht jeder Inhalt erscheint dem Gegenüber an sich interessant. Wenn ich stundenlang über meine Instrumente spreche ist das ein Thema, das mich fasziniert. Dass diese Faszination von dem Empfänger meiner Rede geteilt wird ist nicht sicher. Sehr sicher kann ich nur dann sein, wenn es sich um jemand handelt, der die gleiche Faszination spürt.
Man sieht an diesem Ansatz, dass der Inhalt die heikle Komponente ist: Ein falsch gewählter Inhalt kann die Kommunikation scheitern lassen.

Wenn ich möglichst wenig Inhalt habe und eine starke Präsentation steigt meine Chance, erfolgreich zu kommunizieren stark an. Dummerweise kommuniziere ich dann über nichts (oder möglichst wenig), doch das erfolgreich. Das ist das Geheimnis des Erfolgs der Boulevardmedien. Um mehr geht es dort auch nicht: um (wirtschaftlichen) Erfolg.
Und gleichzeitig kann es als Muster für moderne Selbstdarstellung dienen.


Bereits in der Antike wurde das Fach Rethorik gelehrt, das sich mit der Präsentation von (gesprochenen) Texten beschäftigt. Im multimedialen Zeitalter müsste dieses Fach erweitert werden.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

"Die grosse Tragödie unserer Gesellschaft ist, dass wir quantitativ über - und qualitativ unterinformiert sind. Wir wissen bedeutend mehr als unsere Vorfahren, doch wir wissen es bedeutend weniger gut, Wir müssen besser informiert werden im wahren Sinne des Wortes: auf bessere Weise, nicht durch mehr Informationen. Zu oft geht das Spektakuläre dem Wesentlichen vor, das Wichtige wird von Unfällen und Verbrechen überlagert, das Bedeutsame vom Sensationellen verdrängt. Überbordende Quantität und unzureichende Qualität bewirken eine ernsthafte Desinformation der Information, die viele Leute daran hindert, klarzusehen und Zusammenhänge richtig zu erkennen." P.Lévy (Informationschef Europarat)



Tags: gedanken, trivia
Subscribe

  • "Eklige weiße Mehrheitsgesellschaft"

    Darf ich vorstellen? Die frisch gewählte neue Bundessprecherin der Grünen Jugend, Sarah-Lee Heinrich, der es auf die Nerven geht, dass so viele…

  • Sting zum 70.

    Herzlichen Glückwunsch an Sting zu seinem 70.Geburtstag Mir haben die eigenen Stücke, die er mit Laute gemacht hat, deutlich besser gefallen als…

  • Noch ein paar Gartenfotos zwischen Regenschauern

    Die aktuelle Regenzeit (dieses Jahr hangeln wir uns von Regenzeit zu Regenzeit) nutze ich, um Ausflüge zu planen. Sollte das…

  • Post a new comment

    Error

    default userpic

    Your reply will be screened

    Your IP address will be recorded 

    When you submit the form an invisible reCAPTCHA check will be performed.
    You must follow the Privacy Policy and Google Terms of use.
  • 0 comments