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Eine Weihnachtsgeschichte

Leise schlich Hannah durch die dunklen Strassen der Stadt. Auch wenn es nicht verboten war, eine weise Frau aufzusuchen, so galt es als Zeichen, dass man etwas zu verbergen hatte. Und Getuschel und Gerüchte konnte Hannah nicht gebrauchen. So hatte sie sich auf eine Zeit nach  Sonnenuntergang mit der weisen Frau verabredet. Maria würde ihr sicher helfen können.
David, ihr Mann lag ihr schon lange in den Ohren, Maria aufzusuchen. Schon lange wünschten sich beide ein Kind, doch sie wollte nicht schwanger werden. Die Besuche bei Ärzten und dem Rabbi waren keine grosse Hilfe gewesen. Die Ärzte empfahlen ihr, jede Woche einen Hasen zu opfern und sich den Unterleib mit den Eingeweiden des geopferten Tiers einzureiben. Eine Prozedur vor der sie sich ekelte. Die Aufforderung der Ärzte, dabei Gebete zu rezitieren half wenig, die Prozedur erträglicher zu gestalten. Doch David zuliebe ertrug sie diese Prozedur, doch da der Erfolg ausblieb suchte sie nach anderen Wegen, ihre Fruchtbarkeit zu erlangen. Und
von Marias Weisheit und Können bei allen schwierigen Fragen wurde viel gesprochen. Erstaunlich der Ruhm einer jungen Frau, die grade erst das heiratsfähige Alter erreicht hatte. Die Alten munkelten, dass sie ihr Wissen und Geschick einem Pakt mit einem Dschinn verdanke, der sie für unzüchtige Dienste mit diesen Gaben belohnt hatte. Sie würde sie sicher verlieren, sobald sie
sich zum ersten Mal einem Mann hingeben würde. Hannah fand diese Geschichten der alten Weiber schlimm. Sicher waren sie nur neidisch auf Maria, die trotz ihrer Jugend schon einen legendären Ruf erlangt hatte. Und sie half Bedürftigen auch ohne Bezahlung, was zu noch mehr Geschwätz Anlass gab. Hannah erreichte die Hütte der Wunderheilerin. Sie stockte einen Moment und lauschte. Alles war still. Aus der schlichten Hütte drangen die leisen Geräusche von klapperndem Geschirr und ein leise singendes Summen.
"Hallo?", rief Hannah leise in Richtung des Hütteninneren.
"Hannah, bist Du es?", antwortete eine angenehme Stimme, "Komm doch herein!"
Hannah betrat den Raum, der durch einige Kerzen und ein Feuer angenehm erleuchtet und heimelig warm war. Die Flammen erzeugten flackernde Schatten auf dem Gesicht von Maria, die Hannah unverwand ansah, während Hannah Maria musterte. "Ein wunderschönes Mädchen", musste Hannah zugeben. DIe langen schwarzen lockigen Haare umrahmten ein angenehm gebräuntes Gesicht, in dem die strahlenden dunklen Augen wie Kohlen funkelten. "Was kann ich für Dich tun?", fragte Maria und Hannah musste sich von der Musterung ihres Gegenübers lösen. Sie schilderte Maria, die aufmerksam zuhörte, ihr Problem. Ab und zu nickte Maria und schien sich in Gedanken Notizen zu machen.
Maria stellte anschliessend noch einige Fragen zu dem Befinden der jungen Frau und bat Hannah, sich auszuziehen. Eingehend untersuchte sie den Unterleib. Erstaunt registrierte Hanna, welch warme Hände Maria hatte. Nach der Untersuchung sprach Maria: "ich werde Dir eine Salbe und einige Kräuter für einen Tee geben, den sowohl du als auch dein Mann David trinken sollt bevor ihr zusammen schlaft. Ich verspreche Euch, dass Du in wenigen Wochen schwanger werden wirst." Sie gab Hannah eine wohlriechende Salbe und ein Kräutermixtur, als deren Bestandteile sie anhand des Geruchs Keuschlamm und Haschisch identifizierte. Maria wies sie an, einen Tee daraus zu brauen und jeden Abend davon zu trnken. Erstaunt fragte Hannah "Unterdrückt dieses Kraut denn nicht den Liebesdrang?". Maria lachte. "Bei unsachgemässer Anwendung schon, doch in der richtigen Anwendung wird nicht nur der Liebesdrang sondern auch die Fruchtbarkeit gefördert. Wichtig ist, dass sowohl Du als auch
David es trinkt. Nur so kann es wirken." wiederholte sie ihre Ermahnung.  

"Unfassbar, dass man immer den Frauen die Schuld für Unfruchtbarkeit in die Schuhe schiebt", schimpfte Hannah, als Joseph aus dem Nebenzimmer eintrat. "Hannah ist vollkommen in Ordnung. Ihr Mann braucht die Behandlung. Hoffentlich trinkt er den Tee, der ihn von seiner Unfruchtbarkeit befreien wird"
Joseph nahm sie zärtich in den Arm. "Deine Ausbildung war sehr gut. Du bist die Erbin des alten Wissens. Und nicht verblendet wie die Ärzte, die nur wissen können, was man ihnen an der Akademie beigebracht hat." Maria schnaubte verächtlich. "Die Akademie ignoriert alles, was nicht in ihr Bild von der Welt passt. Wir sind alle eins mit der Natur. An der Akademie wird über den Grund debattiert. Das ist gut und schön, doch der Grund ist niemals nur einer, sondern es gibt viele Ursachen, die zu einem Ergebnis führen. Das ist die Natur der Welt. Schau dir Hannah an - in ihrer Verblendung erkennen weder Ärzte noch Priester, dass Hannah
verkrampft, dass der Wunsch nach einem Kind so übermächtig in ihr ist, dass sie an gar nichts anderes mehr zu denken vermag. Und dadurch, dass man wie selbstverständlich ihr die Schuld gibt wird das Gefühl noch verstärkt. Ich gab ihr das Haschisch, um sie zu befreien. Ausserdem wirkt es in der Dosierung wie ein Aphrodisiakum. Und David wird durch den Keuschlamm von
seiner Unfruchtbarkeit befreit." "Nicht zuletzt wird ihnen dein Zuspruch und das Vertrauen in deine Fähigkeiten helfen", ergänzte Joseph und streichelte Maria, die sich langsam beruhigte. Seit einigen Monaten schon waren Joseph und Maria ein Paar. Heimlich, denn Joseph war ein Handwerker aus gutem und angesehenem Haus, dessen Eltern eine Beziehung zu der weisen Frau
niemals geduldet hätten. Doch Joseph liebte Maria aufrichtig. Ihre Intelligenz, Weiheit und ihr Können genauso wie ihr zartes Äusseres. Über die Zukunft dachten sie häufig nach und schmiedeten Pläne, die Stadt Nazareth zu verlassen und in einer anderen Stadt ihr Glück zu versuchen. Irgendwo, wo die Abstammung keine Bedeutung hätte. 

Hannah versuchte David zu überzeugen, den Tee zu trinken. "Widerwärtig riecht das", meinte David. "Du bist doch sonst auch nicht so empfindlich!" entgegnete Hannah und nahm einen Schluck des bitteren Tees zu sich. "Vielleicht schmeckt er besser, wen Du ihn süsst?". Hannah reichte David den Honig. Widerwillig nahm David den Honig, gab einen grossen Löffel in den Tee und trank einen grossen Schluck. Eigentlich schmeckte das Gebräu gar nicht so übel, fand er. Der eigentliche Grund seines Widerstands war, wie er sich eingestehen musste, dass er nicht mochte, wenn Hannah das Kommando übernahm und ihm Vorschriften machte. Immerhin war er der Herr im Haus! Und die Frau hatte zu gehorchen. Doch auch auf ihm lastete der Spott und die Häme der Anderen, in den nunmehr 2 Jahren ihrer Ehe kein Kind gezeugt zu haben. Ob er überhaupt wisse, wie man mit einer Frau umzugehen habe? wurde er oft gefragt. Was man hinter seinem Rücken behauptete wollte er sich lieber gar nicht vorstellen. Er nahm einen weiteren grossen Schluck. Er spürte kaum, wie seine Gedanken unwillkürlich in eine andere Richtung gingen. Sah Hannah nicht wunderschön aus, wie sie ihn  aus grossen Augen anschaute? Seine Augen wanderten ihren Köper entlang. Wie begehrenswert sie doch war! Wenige Augenblicke später lagen sie sich in den Armen und liebten sich, zärtlich und leidenschaftlich wie schon seit langem nicht mehr.

Es dauerte tatsächlich nicht lange und Hannah wurde schwanger. Das Glück der beiden war unbeschreiblich. "Und alles haben wir nur dem Tee der weisen Frau zu verdanken", gestand David beim Wein den Freunden. "Hexenwerk!", rief Joel, der ein streng an den Sitten festhielt und heidnische Traditionen verdammte. "Euer Kind habt ihr dem Satan zu verdanken", rief er und verliess den Tisch. "Was soll Böses daran sein, wenn eine weise Frau hilft, den Stamm zu erhalten?" fragte David zurück, doch Joel hörte ihn nicht mehr. "Lass ihn", rief ihm Emanuel zu, "Joel ist so verknöchert und hölzern, dass so mancher Zimmermann ihn mit einem Stück Holz verwechselt hätte, wenn er nicht aus seinen Körperöffnungen Gift und Galle spucken würde".
Alles lachte. Man trank weiter und feierte fröhlich das noch ungeborene Kind.

Maria erwachte durch ein lautes Klopfen an ihrer Tür. "Aufmachen! Oder wir treten die Tür ein" tönte eine herrische Stimme von draussen. Schnell kleidete sich Maria notdürftig an und zischte Joseph zu, schnell zu verschwinden. Sie öffnete die Tür. "Bist Du Maria von Nazareth, die sie die weise Frau nennen?", fragte eine Gestalt in der Uniform der Tempelwächter von Jerusalem. Maria antwortete auf eine derart blödsinnige Frage nicht und fragte stattdessen "Was wollt ihr von mir?". "Hast Du Hannah von Nazareth einen Tee gebraut, um in ihr eine satanische Leidenschaft zu entfachen?". Maria lachte auf "Hannah kam zu mir und fragte um Rat.
Hätte ich ihn ihr verweigern sollen?" "Komm mit" herrschte sie der Soldat an.

Wenige Tage später sollte Maria der Prozess gemacht werden. Man bezichtigte sie, heidnischen Zauber ausgeübt zu haben. In ihrer kalten und feuchten Zelle hatte Maria viel Zeit nachzudenken. Doch ihre Gedanken weilten vor allem bei Joseph. Ihr Schicksal erschien ihr bedeutungslos gegen das, was Joseph blühte, wenn seine Beziehung zu ihr herauskommen sollte. War es schwierig, eine Beziehung zu einer weisen Frau zu haben so wäre es eine Katastrophe, wenn er eine Beziehung zu einer verurteilten Hexe haben sollte. Sein weiteres Leben wäre die Hölle. Zu allem Überfluss waren ihre Tage überfällig und insgeheim war sie sich sicher, schwanger zu sein. Von Joseph. Doch das durfte niemand erfahren. Sie lächtelte beim Gedanken an ihre letzte Nacht zusammen. Joseph war ein fantastischer Liebhaber. Ihre Haut prickelte bei der Erinnerung an seine Berührungen, als hätte sie ein eigenes Gedächtnis.

   
Wenige Stunden später stand sie vor dem Gericht. Drei Priester in festlichem Ornat schauten sie grimmig an. Man sah an ihren Gesichtern, dass sie ihr Urteil längst gefällt hatten und der Prozess nur als Schau gedacht war, um den Formen zu genügen. Viel Publikum verfolgte den Prozess der weithin bekannten weisen Frau. "Maria von Nazareth, Du weisst, warum du hier bist und wessen du angeklagt bist. Du hast gegenüber der Tempelwache deine Tat gestanden. Wiederhole dein Geständnis und wir werden ein mildes Urteil sprechen". Maria überlegte fieberhaft. Das "milde Urteil", von dem der Vorsitzende Priester sprach bedeutete den Tod am Strand während ihr sonst die Steinigug drohte. Es gab nur eine Möglichkeit, dem sicheren Tod zu entgehen, auch wenn die Aussicht auf Erfolg hauchdünn war. Sie musste kämpfen. Auch um des Kindes willen, das sie in ihrem Leib trug. So hob sie den Kopf und schaute dem vorsitzenden Priester lange und fest in die Augen, bis dieser den Blick senkte. "Nein, ich gestehe nichts. Ich habe einem Paar in Not geholfen, wie es meiner Ausbildung und meinem Wesen entspricht und wie es die selbstverständlich sein sollte. Wofür also wollt ihr mich bestrafen?" setzte sie zu ihrer Rede an. "Du bestreitest also, David und Hannah von Nazareth einen Trank gebraut zu haben, der sie zu einem Veitstanz führte und zu abartigem und widerlichem Verhalten verführe?". "Was soll daran abartig oder widerlich sein, wenn zwei Menschen Gefallen aneinander finden und diesem körperlichen Ausdruck verleihen?". "Schweig still, Du Hexe" herschte sie der Priester an. "Da! Trinke von Deinem eigenen Gebräu und sieh an die selbst, was es anrichtet". "gerne" erwiderte Maria, die die Wirkung des Trankes nur zu gut kannte und wusste, dass er harmlos war. Doch als man ihr einen grossen Krug reichte roch sie bereits, dass die Dosierung viel zu stark war und man die
Kräuter in Wein eingelegt hatte, was zu einer Trance führen würde, wie sie wusste. Sie überlegte fieberhaft. Und erkannte ihre Chance.
 
Sie lehrte den Krug und mit glühenden Augen sprach sie:
"Es wird ein Kind geboren werden aus meinem Leib - der Messiah aus der Weissagung des Buches der Bücher. Er wird kommen um Gerechtigkeit zu bringen, ein Prophet der Vergebung und des Trostes. Er wird die Weisheit der Alten mit den Lehren des Talmut verbinden und viele Anhänger werden ihm folgen. Empfangen habe ich ihn durch einen Dschinn, der Djibril hiess. Eure Kerkermauern waren nicht stark genug, ihn von mir fern zu halten. Er blies in die Öffnung meiner Kleidung. Der Engelsatem stieg, bis er in meine Vagina eindrang und ich mit dem göttlichen Atem das göttliche Kind empfing. Wollt ihr euren Messiah töten so sprecht euer Urteil!"

Marias Rede blieb nicht ohne Eindruck auf die Richter und das zahlreich anwesende Publikum. Die Richter zogen sich zur Beratung zurück. "Was sollen wir mit ihr tun?" sprach der vositzende Priester. "Den Messiah töten kommt nicht in Frage, doch wer sagt, dass sie die Wahrheit spricht". "Hast du sie nicht gesehen?" fragte der zweite Priester. "Ich halte es für unmöglich, dass sie lügt". "Diese Hexen haben unbeschreibliche Macht sagt man. Vielleicht hat sie uns verhext?". "Ich sehe, wir kommen zu keinem eigenen klaren und gerechten Urteil", sprach der vorsitzende Priester. "Doch hört mir zu: Ich habe eine Idee. Warum sollen wir uns mit diesem Fall befassen? Schicken wir sie fort und überlassen wir sie den Römern. Deren Justiz wird sie für uns schon bald erledigen. Dann
droht ihr das Kreuz. Und wir müssen uns nicht rechtfertigen.". Die anderen beiden Richter erhoben einige Einwände, die der vorsitzende Richter beiseite fegte.  Und so wurde unter erstauntem Raunen das Urteil gesprochen, dass Maria aus Nazareth verbannt würde und nicht mehr zurückkommen dürfe.
Eine Sensation! Noch nie hatte es gegeben, dass ein religiöses Gericht gegenüber heidnischem Zauber soviel Gnade gezeigt hatte. In der Folge stieg der Ruhm und die Bekanntheit Marias ins unermessliche. Jeder in der Stadt wusste von Wundertaten der Maria zu berichten, niemand gab es, der nicht schon mit ihr zu tun hatte und auf magische Weise von ihr geheilt wurde. Dass
sie unverheiratet schwanger war führte nur bei einigen alten Frauen zu dem gezischelten Vorwurf, Maria sei eine Hure, die sich der Fleischeslust verschrieben hätte. Doch dieses Geschwätz fand nur bei wenigen Gehör. Mehrheitlich war man sicher, ihre Geschichte wäre wahr. Wer so viele Wunder zu vollbringen vermochte konnte doch nur von Engeln gesegnet sein? 

Doch das Urteil blieb: Maria musste die Stadt verlassen und irrte lange umher, bevor sie in einer Oase mitten in der Wüste einen Jungen gebahr, der als Jesus von Nazareth von Christen und Muslimen bis in die heutige Zeit verehrt werden sollte. Maria wurde ebenso unsterblich nicht nur als Mutter des Religionsstifters des Christentums und Prophet des Islam, sondern auch als eine starke, sebstbewusste und intelligente Frau.

(Geschrieben am 222./23.12.2008 von mir) 
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