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gelesen: New York Ghost von Ling Ma

New York Ghost (Originaltitel: Severance) ist ein Debütroman. Das hat meine Erwartungen zunächst herunter geschraubt. "Wahrscheinlich nur ein Roman, den man nun 2021 als Pandemieroman lesen kann und der deshalb hochgejubelt wird". Sicher hat Ling Ma ihren Roman nicht an Corona ausgerichtet. 2018, als der Roman im originalen Englisch veröffentlicht wurde, hat noch niemand an die Seuche gedacht. Vielmehr dürfte das (erfundene) Shen-Fieber, das den Hintergrund zum Roman bildet, eine Überhöhung des aktuellen (inhaltsleeren — bei näherer Betrachtung sinnentleerten)  Lebensgefühls vor allem in den Städten sein. Die vom Fieber Befallenen wiederholen stumpf immer wieder die gleichen Tätigkeiten, zu denen sie eine besondere Beziehung hatten, ohne ein Anzeichen von Hinwendung. Sie sind also keine Zombies im gewohnten Sinn, aber doch lebende Tote. Das "wirkliche Leben" der Überlebenden — unterscheidet es sich von dem der Kranken? 

Eine Horrorgeschichte im üblichen Sinn ist das Buch nicht, denn der Horror findet hier im Alltag statt und ist unsere Gesellschaft. Das alleine käme mir wahrscheinlich zu konstruiert vor, um mich zu überzeugen. Doch Ling Ma erzählt gut, aus vielen Lebensbereichen, wenn auch nur eine Person, die Ich-Erzählerin Candace Chen, näher charakterisiert wird. 

Die Lebensbedingungen innerhalb einer Pandemie sind wunderbar vorweggenommen, wobei die Pandemie tatsächlich ja die bereits vorhandene Lebenswirklichkeit nur (teilweise bis zur Absurdität) verstärkt hat.

»Ein intelligenter und witziger Roman, der das Ennui des modernen Großstadtmenschen mit einer dezenten Zombie-Apokalypse kombiniert und dabei einen aus China eingeschleppten Virus als Metapher der Kritik am Spätkapitalismus, der Globalisierung und der kulturellen Nostalgie nutzt.«
Matt Stowe, Brooklyn Paper

Das Buch ist gut von Zoë Beck übersetzt, auch wenn ein paar Fehler und sprachliche Unfeinheiten mich hier und da beim Lesen zum Stolpern brachten. Die gebundene Fassung, die ich gelesen habe, ist stabil mit Lesezeichen. Der Druck gut und übersichtlich auf brauchbarem Papier.
Zusammengefasst bekommt das Buch von mir 4/5 Sternchen. Den Punkt Abzug gibt es wegen der allzu offensichtlichen Absicht, mir eine Interpretation der Geschichte mit dem Dampfhammer einzudreschen.

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