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Naturalistischer Fehlschluß

Ich habe ja schon lange nichts mehr zu philosophischen Themen gepostet. Es ist ein Bereich aus meiner Vergangenheit und die Anwendung des Gelernten findet man hier immer wieder.
Nun hat der Gert Scobel ein Video zum naturalistischen Fehlschluß gepostet, welches mich inhaltlich zwar nicht so ganz überzeugt, das Thema an sich aber gut in die Zeit paßt.

Scobel erklärt den Fehlschluß gut. Im Ergebnis besagt er, daß man nicht vom Sein auf das Sollen schließen darf, also etwas nicht Gegenstand moralischer Bewertung sein darf, weil es in der Natur vorkommt und Beschrieben werden kann. Jede Zuweisung von "gut" oder "schlecht" ist mehr oder weniger willkürlich. Das ist die Quintessenz des moralischen Fehlschlusses. 

Das ist wichtig zu wissen, auch in der Situation jetzt, wenn von einer Häufigkeit von 50 Fällen pro Woche auf 100.000 Einwohner als Grenzwert gesprochen wird. Natürlich ist der Wert begründet, aber wodurch? Diesem Wert liegt die Annahme zugrunde, daß bei einem höheren Wert die Gesundheitsämter nicht mehr in der Lage sind, die Einzelfälle zurückzuverfolgen. Und warum können sie das nicht? 

Maskenpflicht, derzeit aktuell, wird befunden, es müssen FFP2.Masken sein. Nun muß man fragen, warum helfen Masken denn (werden für "gut" befunden)? Sie würden helfen, die Ansteckung zu mindern. Und warum das? Weil die in Aerosolen gebundenen Viren die Angriffsflächen (Mund, Nase, aber auch Augen) nicht erreichen würden. Da gibt es schon abweichende Meinungen.
Doch tatsächlich wird immer wieder auf ein Ereignis verwiesen, als in einem Ort die Maskenpflicht eingeführt wurde und die Anzahl Infektionen nicht so stark anstieg wie in anderen. Seitdem wird nicht mehr die Kausalität geprüft sondern Korrelation.  Tatsächlich wissen wir heute nicht viel mehr als im März oder April. Wir haben gut begründete Anhaltspunkte, was wirkt — und das ist zunächst einmal Distanz halten. Alle Annahmen zum Schutz durch Masken haben sich als sehr relativ erwiesen. Selbst das klinische Personal, das über entsprechendes Wissen und die maximal mögliche Schutzausrüstung verfügt wird überdurchschnittlich häufig vom Virus betroffen (die komplette Studie findet sich hier).
Die Annahme, die Maske sei es, die uns zuverlässig schützt, entpuppt sich als Werbegag, wohl der Politiker, die das beliebte Spiel des schwarzen Peter zuschieben spielen — effektive Maßnahmen in den Gesundheitsämtern unterbleiben oder gehen extrem schleppend voran, die Untersuchungen, was wirklich hilft wird gar nicht erst gemacht. Nicht falsch verstehen! Masken helfen! Aber sie werden deutlich überschätzt — FFP2-Masken (oder besser) helfen natürlich mehr.

Warum sie wirken — wissen wir nicht. Würden sie effektiv schützen wäre der Anstieg im Herbst/Winter nicht so deutlich gewesen. Welche Maßnahmen wirken ist ein Ratespiel — was sich aus dem Versäumnis ergibt zu schauen, wie sich das Virus wirklich verbreitet und der verbreiteten Lüge, Masken würden zuverlässig schützen. 

Warum also dieses Bestehen auf der Maske? Natürlich auch, weil sie helfen, aber sich trägt die Hilflosigkeit dazu bei — die Wähler rufen die Politik an "macht doch etwas" und die Politik kann kaum mehr tun als verschiedene Varianten des Vorgehens bei der spanischen Grippe. Die Maske erfüllt also in etwa die Funktion, die ein Kreuz in der Hand bei einem zur Hinrichtung gehenden Menschen erfüllt. Sie spendet Trost und läßt uns weniger hilflos fühlen.
Maske also gut oder schlecht? Eben! Eine Bewertung läßt sich kaum zuverlässig vornehmen. Man muß fragen "wann?", "wer?", "wo?" und bei manchen Gelegenheiten auch "warum?". Eine allgemeine Maskenpflicht widerspricht jedenfalls den vorliegenden Informationen und trägt nichts dazu bei, die Seuche einzudämmen. 

Zuletzt habe ich mich über die Meldung, die ersten 500 Frankfurter seien geimpft worden, amüsiert. Auch das paßt in diese Masche.

Ausgangsverbote sind noch bescheuerter, nur von der 15-km-Regel überboten  ... ich spare mir weiteres Auseinanderpflücken

Denn so kann man jede Aussage zerpflücken und der Hühnerhaufen wird immer offensichtlicher. 

Was in Bezug zum Thema deutlich macht, daß wir immer und überall werten. Selbst das von mir so unendlich verabscheute "geht gar nicht" ist ein moralisches Urteil, welches sich nicht einmal im Ansatz Mühe gibt zu sagen, warum etwas "geht" oder "nicht geht". Denn darauf kommt es an. Ich sollte mir bewußt sein oder mir bewußt machen, warum ich etwas gut oder schlecht finde.

Der naturalistische Fehlschluß bedeutet, daß moralische Urteile immer normativ sind. Kants kategorischer Imperativ ist eine solche Maxime, die Kant aus dem Naturrecht ableitet (a priori — also eine vorgefundene Wahrheit).   
Die Bedeutung des naturalistischen Fehlschlusses liegt darin zu erkennen, daß "gut" und "böse" mehr oder weniger willkürlich gesetzt sind. Aber man sollte auch die Notwendigkeit moralischer Normen erkennen, weil homine homini lupus. Das kam hier jetzt vielleicht etwas kurz, denn grade auch in der aktuellen Situation bleibt der Mensch doch soziales Wesen, welches sich selbst regulieren muß, um sich nicht gegenseitig zu zerfleischen. Da können Presseartikel herhalten oder das Verhalten von Menschen, denen die Einschränkungen unverhältnismäßig erscheinen. Dabei handelt es sich nicht nur um Corona-Leugner (als schlecht eingestuft) sondern auch um ganz normale Familien (als gut bewertet), die ihre persönliche Position nicht ausreichend berücksichtigt sehen und die Politik als falsch priorisierend empfinden. 

Searle und Putnam formulieren darüber hinaus sprachphilosophisch fundierte Kritik an dem naturalistischen Fehlschluß, da es unmöglich ist, eine Beschreibung vorzunehmen, ohne normative Elemente zu benutzen.
Für die Orange waren sein Bankkonto und der  Shareholder Value wichtiger als die Gesundheit der US-Amerikaner. Eine Einschätzung, die naheliegenderweise nicht von vielen geteilt wurde. Doch ist sie darum "falsch"?

Selbst die Auswahl der Fragestellung und die Beschreibung eines zu lösenden Problems setzt einen Rahmen. Der allerdings dann falsifiziert werden kann.   Die Erkenntnis aus Humes Werk ist doch letzten Endes,  daß etwas, bloß weil es in der Natur vorkommt (beschrieben werden kann) auch gut ist. Dann wären Pest und Cholera auch gut. Denn die Zuweisung von "Gut" und "Schlecht" findet überall und ständig statt, muß es sogar, weil wir sonst apathisch in der Ecke hingen. Wichtig ist zu hinterfragen, warum wir etwas "gut" oder "schlecht" finden. Und dazu gibt Kant in seinem moralischen Imperativ Handreichung (einem Christen würden natürlich die 10 Gebote einfallen, etcetc.)

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