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Weihnachtsmusik

Außer, das Einbinden eines Vimeo-Videos zu versuchen, geht es heute darum, einen Kontrast zu dem Satz von Es ist ein Ros entsprungen zu präsentieren.  Der Ältere Reusner (es gibt auch einen jüngeren Reusner, den ich die Tage aufnehmen will) komponierte im Stil des beginnenden 17. Jahrhunderts, wobei die Ausschmückung der bekannten Melodie den Stil einerseits kennzeichnet als auch bereits in die frühbarocke Praxis verweist. 

Das bekannte Weihnachtslied ist noch klar erkennbar, aber stark verziert. 

Man wird sich vielleicht fragen, wann und wozu diese Musik gespielt wurde. Klar bei Hofe — doch der Alte wie auch der Junge Reusner wollten ja leben und das bedeutet, die Musik mußte auch verkauft werden. Typische Käufer waren junge adelige Fräulein und wie auch heute noch wurde auch damals eifrig raubmordkopiert und die Musik fand sich dann in Abschriften auch in Klöstern und auf der Grand Tour angelegten Büchern. Das meiste davon ist leider verloren gegangen, aber einige sind erhalten geblieben. Die kommentierte Veröffentlichung der Musik aus einem dieser Bücher habe ich hier besprochen.

Gespielt wurde die Musik bei häuslichen Andachten, die in evangelischen Haushalten weit verbreitet waren.
Genauso verbreitet war die Laute zu dieser Zeit, so daß ein großer Markt für Reusners Buch vorhanden war. Nahezu in jedem Haushalt, der sich ein Buch leisten konnte, dürfte auch eine Laute vorhanden gewesen sein. Mitsamt Spieler — bis in den Sturm und Drang hinein gehörte es zur studentischen und adeligen Ausbildung, Laute zu lernen. 


Wie so eine häusliche Andacht ablief kann man anhand heutiger Anregungen erahnen. Oder man schaut in zeitgenössischen Büchern nach.
Auf der Seite der Evangelischen Kirche fand ich diese Beschreibung, die mit den mir bekannten historischen Zeugnissen konform ist:

Die Großfamilie findet sich darum morgens und abends zur täglichen Andacht ein, mit allen Hausbewohnern, auch den Knechten und Mägden. Unter der Leitung des Familienvorstands beginnen sie stets mit der Erinnerung an ihre Taufe, die ihnen Anteil gibt an der Erlösung durch Christi Sterben und Auferstehen. Sie beten gemeinsam, es werden biblische Texte oder Abschnitte aus Erbauungsbüchern gelesen, der Hausvater legt Katechismusstücke in einer christlichen Vermahnung aus. Gemeinsam singen sie die Choräle und Lieder aus dem Gesangbuch, die Texte können sie meist auswendig. Außerdem wacht der Hausvater als "Haus-Bischof" über den regelmäßigen Gottesdienstbesuch und den regelmäßigen Abendmahlsempfang. In diesem allen ist die entscheidende Mitte die Christusbotschaft, die Zusicherung des Kreuzestodes und der Auferweckung Christi "uns zugute", auf die sich alle Zuversicht im Leben gründet. Aus dieser Mitte heraus leben die Menschen ihren "vernünftigen Gottesdienst" (Röm 12,1) im Alltag.

Die Musikauswahl orientiert sich am populären Genfer Psalter. Zu dieser Zeit war das textlich und musikalisch top notch. Oft wurden Gassenhauer (die deutsche Version von Hit, was wieder ein Anglizismus von Schlager ist) mit religiösen Texten versehen — so konnte sie jeder mitsingen. 

Eigentlich wären in tempora corona solche Hausandachten in christlichen Haushalten als temporärer Ersatz von Gottesdiensten angesagt. Schade, daß das nicht mehr genutzt wird und man die Chance verpaßt, diese Tradition wiederaufleben zu lassen. 

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