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gelesen: Die Dame mit der bemalten Hand von Christine Wunnicke

Um das große Rätsel vorweg zu lösen: Bei der Dame mit der bemalten Hand handelt es sich um ein Sternbild (Kassiopeia gibt davon die gespreizten Finger).
Die poetische oder vielleicht besser poetisierende Umschreibung gibt den Erzählstil wieder, der mich manchmal ein wenig an Karl Mays Orientzyklus erinnert. Eine leicht kitschige, clichébehaftete Annäherung an orientalische Erzählkunst scheint hierzulande immer noch notwendig. Natürlich ist es auch schwierig, eine wirklich großartige Erzählerin, die im Orient geboren wurde, wie Dina Nayeri zu erreichen. Es ist natürlich Zufall, daß ich nach einem fantastischen Roman einer Iranerin, die in den USA aufgewachsen ist und in Europa lebt und wirkt nun den Roman einer Deutschen zu lesen, die einen Deutschen mit einem Perser im Hindustan des 18.Jahrhunderts zusammenbringt. 


Ich vermute, nicht jedermann wird das augenzwinkernde Fabulieren der Autorin genießen können. Auch wirkt die Sprache dem Cliché angepaßt. Dabei übertreibt sie nicht und es bleibt in für mich erträglichem Rahmen. Diese Sprache hilft, die Stimmung zu setzen. Was ich besonders mag ist das Lob der Fantasie, der sich in diesem Roman ausdrückt. Die Ereignisse sind auch, was man daraus macht, man kann das Sternbild des Kopernikus als Teil des Sternbilds Krebs verstehen — das findet Musa, der persische Astronom wohl ziemlich nüchtern. Wenn sie Carsten Niebuhr, dem angedichtet wird, diese Geschichte erlebt zu haben und Musa sich unterhalten treffen auf den ersten Blick die Clichés von Orient und Okzident aufeinander, doch man kann das Büchlein auch so lesen, daß Niebuhr die Welt nüchtern und linear versteht, als ein Puzzle, dessen Teile man zusammenfügen kann und muß, um die Welt zu verstehen. Das wird als Weltbild eines norddeutschen Bauern verstanden. Während Musa die Wirklichkeit als Möglichkeit sieht, seine Fantasie zu befeuern und mit jedem entdeckten Detail wird seine Geschichte farbenreicher. Das macht den chaotischen Musa sympathisch. Überhaupt ist sympathisch, daß dieses Chaos, wie alle Personen in diesem Büchlein (knapp 160 Seiten) die Welt unterschiedlich sehen. Dabei versteht es die Autorin, jeder Sicht Berechtigung zu verleihen und wie in Platons Höhlengleichnis erkennt man die nüchterne Wirklichkeit in den Schatten.
Wunderbares Fabulieren auf höchstem Niveau — 4,5 von 5 Sternen. Den halben Stern Abzug gebe ich dafür, daß doch recht holzschnittartig gearbeitet wurde und eine Geschichte wie diese mehr Raum verdient hätte. 


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