lautenist

30 Jahre Einheit

Sie wollten Freiheit und bekamen Kapitalismus

1990 wurde noch eifrig diskutiert, ob und wie man die deutsche Einheit realisieren sollte.
Ich fand damals, man solle die Chance zur Einheit nutzen, auch wenn ich das Problem sah, die unterschiedlichen Systeme und Biographien zusammen zu bringen. Wir hatten damals (seit 89) eine Studie in Gera laufen, wo einige Familien beobachtet wurden: "Wann hat man schon mal die Chance, so etwas zu untersuchen?". Es war und ist interessant, was in welchem Tempo aus dem Westen übernommen wurde.
Generell war, was heute auffällt, aber eine positive Grundstimmung da. Wir hatten das Gefühl, an etwas teilzuhaben, was wirklich "historisch" ist (nicht wie all der Quatsch, den man heute so nennt und was am nächsten Tag vergessen ist). Die zweite Frage war, ob Beitritt oder Vereinigung. Ich hielt Beitritt für groben Unfug (war es auch) und fand, man solle endlich Schluß machen mit dem Provisorium und eine richtige Verfassung schreiben und gut ist. Die dann auch vom Volk abgesegnet wurde — wie in der Präambel des Grundgesetzes vorgesehen. Natürlich wurde es der Beitritt, wohl vor allem, weil die Musterdemokraten des Westens Angst davor hatten, eine Verfassung zur Abstimmung zu geben. Und natürlich, weil niemand es so recht glauben wollte und darum fand, man soll es schnell durchbringen, bevor die Chance vorbei sei. 

An wirtschaftliche Probleme dachte ich kaum. Wir gingen ja auch davon aus, die DDR sei die stärkste Volkswirtschaft im Ostblock. Ich meine auch heute noch, was dann in der Nachwendezeit passiert ist, war ein Raubbau und mutwillige Zerstörung. Die Gegenseite sagt zu recht, die Betriebe wären nicht lebensfähig gewesen. Das mag ja sein, aber versuchen hätte man sie es lassen sollen. Das aber nur am Rande. 

Maggie war dagegen und die NATO-Mitgliedschaft wurde durchgesetzt. Ich hätte mir ein neutrales, blockfreies Deutschland gewünscht — in die NATO gezwungen zu werden hielt ich für eine große verpasste Chance. Daß Bundeswehrsoldaten als Kanonenfutter in den diversen Kriegen aktiv mitmischen hätte ich damals aber noch nicht für möglich gehalten. Ich hätte mir eine Stärkung der deutschen Rolle als Vermittler und glaubwürdig an Frieden interessierter Macht davon versprochen, neutral zu sein. Gleichzeitig wäre es ein Block zwischen den Blöcken gewesen: Deutschland, Österreich und die Schweiz neutral zwischen Ost und West. 

Daß Nazis nennenswert politisch aktiv würden hielt ich hierzulande für völlig unwahrscheinlich.
Die SED hatte abgewirtschaftet. Ich sah aber die Chance, soziale Elemente auch in Westdeutschland zu stärken.
Ich hatte halt noch Träume. 

Und nun? 30 Jahre danach ist von Einheit nicht viel zu spüren. Es wird immer noch in Ost und West gedacht und irgendwie sind es zwei Ländergruppen in diesem Bund. Der Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus brachte dem Osten eine große Umstrukturierung, die wahrscheinlich durch ist. Der Westen ist stärker noch als der Osten weiter amerikanisiert worden.

Es wird heute immer gerne auf dem Unrechtsregime DDR herumgeritten — war es das? Natürlich war die DDR anders organisiert und einige Freiheitsrechte wurden vollkommen unnötig, finde ich, nicht gewährt. Was soll es, zum Beispiel, Bücher zu verbieten? Oder die Reisefreiheit — natürlich sind vor 61 viele qualifizierte Kräfte in den Westen abgehauen. Das hätte Ansporn sein können. Jedenfalls war die gewählte Problemlösung eine Schande für das System, das soziale Gerechtigkeit im Namen führte. Ich bilde mir auch ein, bei etwas mehr Offenheit der Führung würde es die DDR immer noch geben. Denn die Leute hauen mehrheitlich nicht einfach ab. Die wollen leben. Und wie die Verwaltung sich organisiert ist den meisten egal — solange sie funktioniert.
Man kann nun kein "was wäre wenn" spielen. Es ist so, wie es ist. 

Ich sehe großen Reformbedarf in der Gesellschaft, um eine wirkliche Einheit zu realisieren. Wir haben die BRD, und einen östlichen Apendix. So wie die Republik gestrickt ist, wird sich daran auch nichts ändern. Ich sehe, wir haben 1990 sehr viel falsch gemacht und seitdem nichts dazu gelernt. 


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