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Küchenpsychologische Morgengedanken

Heute in den frühesten Morgenstunden, viel zu früh, um auch nur an Kaffee zu denken, meinte mein Hirn, arbeiten zu müssen und drängte mir den Gedanken auf, warum unsere Demokratie nicht funktioniert und warum dieses Wirtschaftssystem uns kaputt macht.
Warum die Demokratie nicht funktioniert ist recht einfach festgestellt. Die Leute wollen wiedergewählt werden und müssen eine "Leistungsbilanz" vorlegen. Tatsächlich müßte ein Parlament ja nichts tun, wenn alles läuft. Die säßen da und könnten gemütlich Eier schaukeln — und oft ist das sogar das Beste. Wir erinnern uns an die Periode vor dem erneuten Aufguß einer Großen Koalition, als es perfekt lief, obwohl wir nur eine geschäftsführende Regierung hatten. Kaum hatten wir wieder eine Regierung ging der Unsinn wieder los. Denn außer sicher sinnvollen Maßnahmen, die in so einer Regierung beschlossen werden und die oft eher still und leise gemacht werden gibt es die Geschäfte, die gemacht werden, um im Gespräch zu bleiben (auch Einzelpersonen wollen Karriere machen oder einfach nur wiedergewählt werden) oder, um beim Wähler zu punkten. Außer beim Wähler zu punkten gibt es natürlich noch eine große Gruppe von Leuten, die ihre Wünsche und Anregungen ins Parlament tragen möchten. Dazu schreien sie laut oder versuchen es mit finanziellen Anreizen — gleichzeitig sitzen dort Politiker, die theoretisch keine Ahnung von dem haben müssen, was sie beschließen (sie sollen ja das Volk und deren Interessen vertreten und dazu müssen sie keine Fachleute in allen möglichen Gebieten sein. Das geht auch gar nicht). Darum fragen sie Fachleute von innerhalb und außerhalb des Parlaments, die sie beraten und helfen sollen zu entscheiden, was nun die angemessene oder richtige Lösung auf ein Problem sein könnte. Auch die Regierung als Exekutive kann natürlich Vorschläge machen, die Abläufe verbessern oder neu ordnen sollen. Tatsächlich ist das die größte Anzahl — entgegen der Theorie wird unsere Gesellschaft von der Regierung gestaltet und nicht dem Parlament. Theoretisch soll das Parlament die Regierung kontrollieren. Diese Aufgabe wird faktisch aber vom Bundesverfassungsgericht wahrgenommen. Die Figuren der Regierung werden uns darum auch wie Popstars oder Waschmittel präsentiert, wenn mal wieder Wahlen anstehen. Das bedeutet im Endeffekt, die Idee, wir würden von den Parlamentariern vertreten (repräsentiert — darum nennt sich das repräsentative Demokratie) ist Banane, was noch verschärft wird dadurch, daß die "an der Willensbildung beteiligten" Parteien faktisch einen Fraktionszwang installiert haben, der, um legal zu sein, Fraktionsdisziplin genannt wird. Der demokratische Normalfall wird zur Ausnahme — wenn man dann in der Presse hört, eine Abstimmung sei "freigegeben worden". Also kann man feststellen, Volkes Wille interessiert nur zu Wahlen, bei denen man eigentlich seine Repräsentanten wählt, aber faktisch nur entscheidet, welche Nasen man gerne in der Regierung sitzen haben will. Eine Art zeitlich befristete Wahlmonarchie. Somit kann man schon mit einem gewissen Recht sagen, wir lebten in einer Demokratiesimulation. Denn "Alle Staatsgewalt geht" sicher nicht "vom Volke aus". Die Frage, ob eine Volksherrschaft überhaupt wünschenswert ist, muß ich verschieben. Denn Monarchie, Technokratie, Anarchie, Theokratie ... alle Systeme, wie man sich gesellschaftlich organisieren kann haben Stärken und Schwächen. Das System der Bundesrepublik war ursprünglich einmal, durch die Erfahrungen von Weimar und dem Dritten Reich bedingt als eine Art Kompromiss angelegt. Die schwache Exekutive der Weimarer Republik verbunden mit dem "Ersatzkaiser" des Präsidenten, der, durchaus sinnvoll, als Notnagel diente, falls sich Regierung und Parlament nicht einig sind und dann per Dekret (wie der amerikanische Präsi) regieren konnte und mußte, sollte verhindert werden. Aber auch eine Zersplitterung des Parlaments, die dazu beigetragen hatte, Hitler an die Macht zu bringen, war (und ist) installiert. Theoretisch ist eine 5%-Hürde nicht nachzuvollziehen. Dieses System sollte eine Balance zwischen den Gewalten sicherstellen: Parlament und Regierung und Judikative — insbesondere das Bundesverfassungsgericht. Die Föderation wäre eine Gelegenheit, näher an den Bürger zu gehen. In preußischer Tradition verweigert sich die Zentrale — gerne mit dem Totschlagargument der Kosten. Nun sind wir seit längerem mit der besonders kritisch zu sehenden großen Koalition gestraft, die aus der Regierung heraus das Grundgesetz (die Verfassung) ändern kann (und das auch fleißig und selten glücklich — also zu nachvollziehbarem Nutzen der Gemeinschaft) gemacht hat und sich damit selbst der Kontrolle durch die Judikative entziehen kann. Das ist tatsächlich nicht grade eine demokratische Konstellation und von der Genese der letzten Auflage her gesehen ist das, was wir nun haben, exakt die Konstellation, die der Wähler sicher nicht wollte. Was er wollte war nicht klar, aber was klar war und ist: eine große Koalition wollte der Wähler nicht (mehr).
Was ist also das Problem? Wir fühlen uns (zurecht) nicht vom Parlament repräsentiert. Wenn wir uns Fragen wie Todesstrafe oder Folterverbot etc. anschauen, die von Hetzmedien so gerne hochgebracht werden ("Kuscheljustiz") ist eine uneingeschränkte Volksherrschaft auch nicht wünschenswert. Eine repräsentative Demokratie, in der der Bürger nicht repräsentiert wird ist es aber auch nicht. Meinen Gegenvorschlag habe ich ja schon präsentiert, denke ich (so dezentral und direkt wie möglich).

Weiter am Morgen habe ich mir überlegt, wieso wir denn so gierig sind? Das ganze Wirtschaftssystem baut darauf auf und die meisten Menschen leben das — ständig unglücklich, weil sie meinen, ihnen werde etwas vorenthalten, worauf sie Anspruch hätten oder was sie unbedingt zum Glück bräuchten. Dabei wollen wir, unter uns gesagt: fressen, saufen, ficken — am besten nicht denken. Dazu kann man sich die Birne wegballern, wenn man Zeit dazu findet.
Wieso brauchen die Leute also x Flugreisen nach möglichst exotischen Zielen, eine Karre, die die meiste Zeit still vor sich hinrostet, eine riesige Wohnung.
Natürlich wäre doch, daß wir als Herdentier die Geborgenschaft einer Gemeinschaft suchen, daß wir ansonsten Essen und Trinken müssen und die Mühsal in Grenzen halten wollen. Was treibt uns zu diesem selbstzerstörerischen Blödsinn?
Status ist natürlich ein Selektionsvorteil: Der Prinz oder der Häuptling kriegt die geilste Braut — okay. Das erklärt schon viel. Will ich eine geile Braut muß ich eben eine größere Anzahl Kamele bieten — das schaukelt sich dann mit der Zeit hoch. Also: Wer ficken will muß reich sein?
Mein Haus, mein Auto, ... ? Untersuchungen geben dem recht. Frauen bevorzugen kulturübergreifend Männer mit höherem Status. Biologische Vorteile können Männer durch Status (teilweise) kompensieren.
Männer können auch Nein sagen — darum versuchen umgekehrt Frauen, attraktiv auf Männer zu wirken.
Dazu kommt dann der Bereich der Party — letzten Endes die ganze Unterhaltungsindustrie von Geschichten erzählen, Theater, Musik, Malerei, Skulpturen und Architektur sind kultivierter Ausdruck von Triebunterdrückung und -substitution. Ich finde es angesichts der sonstigen menschlichen Entwicklung erstaunlich, daß der Mensch ums Kacken keinen Kult geschaffen hat. Ansonsten ist es typisch für den Menschen, Triebe außer verschämt in Reinkultur öffentlich in kultivierter Form auszuleben. Birne Wegballern? Ist vollkommen okay, wenn man das in der Kirche mit Meßwein oder bei einer Weinprobe macht — selbst das unwürdige Schauspiel vom Oktoberfest wird gradezu kultisch erhöht. Aber braucht man das? Sicher ist es ein schönes Erlebnis, einmal in Australien gewesen zu sein oder in Thailand in den Puff zu gehen (oder was immer man in Thailand so macht). Doch worin besteht der persönliche Gewinn? Das ist doch letzten Endes nur eine Variante von Hirn wegballern — oder vielleicht vornehmer ausgedrückt — der Mühsal des Alltags zu Entfliehen. Und die besteht darin, was zum Ficken und zum Fressen zu bekommen?

Das ist im Prinzip Basic Freud:  

Das Über-Ich entsteht dann dadurch, daß der Mensch ein Herdentier ist und man sich irgendwie arrangieren muß. Das wilde Herumvögeln ginge ja noch, aber jeder will halt die Hübscheste vögeln — die wiederum will nicht jeden und immer (sie will ja auch nur den best erreichbaren Partner haben). Das sorgt für Stammesregeln und Arbeitsteilung und gemeinsamer Aufwand helfen, Futter zu organisieren. Das sorgt für das stetige Gefühl des Mangels — den Hunger nach mehr. 

Die Aufweichung und kommerzielle Umdeutung dieses Über-Ich sorgt nun effektiv dafür, daß die Kontrolle, die über Jahrhunderte und Jahrtausende die Gier des Menschen im Zaum hielt, nicht mehr greift (Du kannst alles werden, was Du willst. Du lebst nur einmal. Genieße Dein Leben).  Wollen wir also die Gier begrenzen brauchen wir Triebkontrolle — die kritische Selbstreflexion, die das leisten sollte, funktioniert bei den wenigsten Individuen und gesamtgesellschaftlich gleich gar nicht. 

Wenn wir nun aber die Wirtschaft von der gesellschaftlichen Kontrolle ausnehmen bedeutet das, wir werden mit Reizen vollgeschissen, ohne daß es eine begrenzende Instanz gäbe. Eine unkontrolliert freie Wirtschaft ist darum nicht wünschenswert.


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