lautenist

Gedankensplitter beim Kaffee

Grade das Gegenteil tun ist auch eine Nachahmung, und die Definitionen der Nachahmung müßten von Rechts wegen beides unter sich begreifen.
(Georg Christoph Lichtenberg)

Viel an den derzeitigen Protesten von allen Seiten kommt mir so vor, als seien die Protestierenden einfach unzufrieden, hätten aber keinen positiven Entwurf dessen anzubieten, was sie wollen: Ob amerikanische Präsidentschaft, Energiewende, Mobilität, die Corona-Proteste — die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
Hier ist Lichtenberg natürlich noch erwachsen, denn was in der heutigen Gesellschaft passiert ist eher vergleichbar mit dem Fußaufstampfen eines kleinen Kindes, welches etwas nicht tun will — "Klimawandel ist doooohoooof" *motz*. Als Reaktion darauf wird beispielsweise ein Kohleausstieg beschlossen ohne konkrete Vorstellung davon, wie man die notwendige Energie gewinnen will. In Amerika baut Biden seinen Wahlkampf darauf auf, daß Trump eine desaströse Politik auf allen Ebenen betreibt etc. 


Ganz gute Ansätze in einem Artikel im Tagesspiegel. Nele Pollatschek betont hier eines der Argumente, die ich immer anbringe, verwirft allerdings andere, die genauso gültig sind und erwähnt das für meine Begriffe sehr bedeutende nicht, wonach durch Gendern aus ideologischen Gründen Sprache gewaltsam und ohne Not umgestaltet wird - wobei eine sprachliche Verarmung eintritt: Weiblichkeit wird nicht sichtbarer, indem man die männliche Sprachform eliminiert. Es wird nichts  gewonnen, aber für das diffuse Ziel werden sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten geopfert. 

Ich verstehe ja schon nicht, warum Gegner des Gegenders sich rechtfertigen sollen. Müßte es nicht so sein, daß überzeugende Gründe für Gendern vorgebracht werden müßten? Warum die Studentinnen als explizite Anrede der weiblichen Studenten und Studenten als Ansprache der Gesamtheit aller Studenten nicht ausreichen. Hier sind Frauen doch bevorzugt: während man männliche Studenten explizit mit dem Attribut "männlich" identifizieren muß, kann man bei einem weiblichen Studenten einfach die weibliche Form wählen. Da man das Wortgeschlecht mit dem biologischen Geschlecht gleichsetzen muß, um überhaupt auf die Idee zu kommen, Frauen seinen nicht angesprochen, ist ebenfalls nicht überzeugend. 

Ich erinnere mich an einen Kurs an der Oberstufe über "die Weiblichkeit Gottes" - ja: Gott ist im Deutschen männlich, und die Darstellung als Alter weißer Mann mit Bart wohl das Bild, das sich am überzeugendsten tradiert hat. In diesem Fall wohl, weil man Alter mit Weisheit und einen alten Mann mit Weisheit, Güte und vielleicht auch Macht verbunden hat. Aber faktisch ist es Unsinn, dem christlichen Gott überhaupt ein Geschlecht zuzuweisen. Damit stand ich damals recht alleine und stehe es wohl heute noch. Das Cliché kann man als Übersetzung von Inhalten verstehen: wie in Hollywoodfilmen, die auch davon wimmeln, Clichés zu visualisieren. Das Gendersternchen ist nichts anderes. Nur existiert dieses Chliché überhaupt? Wird es nicht grade durch die Betonung der Geschlechter erzeugt? Ich bin fest überzeugt: ja, erst durch die Umdeutung des generischen Geschlechts wird die Wahrnehmung verschoben und es etabliert sich eine neue Bedeutung. Ähnlich ist das übrigens beim Begriff Neger.


Beim Streamen bin ich über eine recht gute Serie gestolpert. Grade die erste Staffel (ich bin grade bei Staffel 2) hat mich überrascht, weil sich die Clichés in Grenzen halten. Menschen machen hier Fehler und Charaktere werden gezeigt und nicht holzschnittartig gezeichnete Chlichés — dieses Fehlen von eindeutig guten und eindeutig bösen Protagonisten zeichnet die Serie aus. Nett ist auch die Idee, die gleiche Geschichte aus der Perspektive unterschiedlicher Protagonisten zu zeigen, wobei oft der Eindruck komplett unterschiedlicher Handlungen entsteht. Das kann man als Illustration der eigentlichen Bedeutung des Begriffs Narrativ verstehen. Auch erscheinen mir die Schauspieler nicht ungeschickt gewählt und nicht lauter "schöne, junge, erfolgreiche" Menschen zu sein. Klar sind alle ansehnlich, aber eben etwas normaler als sonst üblich. Burks meint in seiner Kritik, er könne keinen der Schauspieler ausstehen (außer der Tochter und der Geliebten). Vielleicht ist es das, was ich normaler nenne.
Viel an der Beziehungsdynamik wird deutlich — und auch, warum Ehen heute leicht scheitern. Normalerweise stehe ich nicht so auf Beziehungskiste als Thema eines Films oder einer Serie: Hier haben wir aber einen Ansatz, der sogar mir zusagt. 


Wer Peter Blattys Buch kennt wird die Idee, eine Serie zum Buch zu machen, befürworten. Das Buch von 1971 ist sehr vielschichtig und konnte in einem Spielfilm nur ansatzweise umgesetzt werden. Die erste Staffel der Serie erzählt nun eine Variation der bekannten Geschichte. Das konnte ich mir noch anschauen, auch wenn ich schon schade fand, daß die Serie schnell in Stereotypen verkam. 

Ab der zweiten Staffel war es dann nur noch eine x-beliebige Serie. Schade um die vertane Chance. 


Eine weitere Laute ist verkauft. Die Reduzierung meines Bestandes ist damit fast abgeschlossen. Das Archi habe ich noch und finde die Idee nach wie vor reizvoll, es durch ein Liuto Attiorbato zu ersetzen. Das erhielte mir die Möglichkeit, Continuo zu spielen, wenn notwendig, und wäre zusätzlich ein bequemes Soloinstrument.  


Politisch rege ich mich immer noch auf — klar! Aber langsam komme ich meinem Ziel von mehr Gleichmut deutlich näher. Natürlich ist beruhigend zu sehen, daß unsere Politikereliten genauso dumm sind wie ich. Sie haben lediglich Legionen von Honorarschreiberlinen, die ihnen ihre Dummheit nett verpacken. In Pralinépapier verpackte Exkremente. 

Die SPD versucht immer noch, mit Sozialneid zu punkten, die Linke träumt von einer Regierungsbeteiligung und in ihrer Anbiederung machen sie sich unwählbar. FDP opfert das immerhin ansehnliche Blondchen und sieht nicht, daß Lindner personeller Ausdruck inhaltlichen Versagens ist. Die CDU dämmert vor sich hin und weiß nicht, wer Mutti Merkel ersetzen soll — eine Art vorgezogene Trauer? während sich CSU-Söder versucht zu produzieren und dabei Populismus und inhaltliche Armut offenbart. Die Grünen wachen langsam nach ihrer Corona-Agonie wieder auf, können aber zu wirklich keinem Thema etwas substantielles sagen. Alles irgenwie nicht falsch, aber eine Linie ist nicht erkennbar.
Bleibt die sehr gute Partei die Partei — die Forderung, Geschlechtergerechtigkeit herzustellen, indem Managergehälter an die BH-Größe gekoppelt werden sowie die Bierpreisbremse haben mich überzeugt.


Mir ist aufgefallen, daß ich viel mehr unterwegs war als sonst (klar — ich habe auch mehr Zeit), aber weniger Gedanken oder Beschäftigung mit Musik gepostet habe. Das mache ich ja alles und sicher wäre es das wert, festgehalten zu werden. 

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