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gelesen: Der Zementgarten von Ian McEwan

"Abbitte" des Autors fand ich überwältigend und gut, der "Zementgarten" hinterlässt mich ratlos.
Das Buch zieht mich in den Bann, denn die Szenerie, daß erst Vater und dann noch Mutter sterben und die Kinder alleine zurückbleiben und in Folge versuchen, einen Alltag ohne Eltern zu gestalten ist nicht ganz unplausibel konstruiert.
Doch was will McEwan sagen? 

Den Inzest, der in Kritiken und Beschreibungen hervorgehoben wird, lese ich eher als Folge des Versuchs, Familie zu sein und des daraus resultierenden emotionalen Drucks, der sich schlußendlich sexuell ausdrückt. Das ist einfach eine Pointe am Ende des Buchs, der die außergewöhnliche Situation auf die Spitze treibt. Realistisch ist das nicht und erinnert an die von Feministinnen verbreitete Legende, Männer wären komplett schwanzgetrieben und würden ficken, was ihnen vor denselben kommt, auch mit Gewalt.
Generell ist das Buch sehr intensiv und dicht geschrieben. Wer sich mit dem Stoff auseinandersetzen mag, dem sei das Buch wärmstens empfohlen.
Doch die Szene, in die die Kinder und Jugendlichen gesetzt werden ist nicht nachvollziehbar umgesetzt. Die Kinder sind plötzlich wie auf einer Insel. Das erinnert an den "Herr der Fliegen" — doch was dort ein Abenteuer ist und die Entstehung einer Gesellschaft illustriert funktioniert im Zementgarten nicht. Die Jugendlichen sind bereits eine Familie und die Rollen innerhalb der Familie werden nach dem Tod der Eltern grade nicht neu besetzt. Die ältere Schwester übernimmt zwar das Kommando, aber so, wie McEwan das beschreibt, kann man es kaum mütterlich nennen. Die Vaterrolle bleibt vakant.
Die Gesellschaft bleibt außen vor — sie ist Bedrohung (Mitschüler mobben und schlagen den kleinsten Bruder, in der Auflösung zerstört die hereinbrechende Familie die sich grade bildende Paarbeziehung der ältesten Geschwister, sozusagen den Abschluß der Familiengenese — die Inzestszene würde ich so lesen. Und Julies Freund Derek ist der spießbürgerliche Beobachter, der die Szene voyeuristisch begleitet, sie aber zerstört als ihm bewußt wird, daß er niemals teilhaben wird).
Man sieht vielleicht an dieser kurzen Beschreibung, wie viel angelegt ist und interpretiert werden kann. Zu einer Deutung der Geschichte komme ich allerdings nicht. 

Stilistisch sehr gut und auch gut übersetzt. Die Konstruktion der Geschichte ist interessant und ich schätze Geschichten, die Raum für Deutung lassen. Hier habe ich aber den Eindruck, der Raum ist letzten Endes leer — ist das vielleicht McEwans Absicht? 

3,5 von 5 Sternen würde ich geben — toll zu lesen! Aber am Ende kommt es dem Leser wie ein banales Familiendrama vor.

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