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gelesen: Winterbienen von Norbert Scheuer

Alleine die vollkommen auseinander gehenden Besprechungen, die der Perlentaucher listet, hatten mich für "Winterbienen" von Norbert Scheuer interessiert.

Es geht um einen wegen seiner Erkrankung vom Dienst befreiten Mann, der in Form von Notizen, die an Tagebucheintragungen erinnern, das letzte Kriegsjahr beschreibt. Seine Welt kreist um die Imkerei, der er sich widmet, seitdem er nicht mehr als Lehrer arbeiten darf, die Flüchtlinge, die er über die Grenze bringt, Lust und Liebe— und natürlich auch das Kriegsgeschehen, das die Menschen in der Region trifft, also vor allem die Bombenangriffe der Briten und Amerikaner. 

Das Buch ist sprachlich hochwertig — Beck schreibt gutes Deutsch, ohne zu künsteln und ohne die Fehler, die sich gerne bei jüngeren Schreibern einschleichen. Dabei bleibt die Sprache elegant und wirkt natürlich. Das hilft, das Buch fließend lesbar zu halten.

Ich mag ja bekanntlich Bücher, die emotionale Tiefe besitzen und sich dabei nicht in Kitsch verlieren. Die Form des Tagebucheintrages erzeugt einen persönlichen Ton, der aber Kitsch immer vermeidet. Als Leser muß man sich auf seinen Helden einlassen, um mitzufühlen. Das tut man gerne, ist der Held doch gebildet und selbst seine Ausführungen über Bienen und die Imkerei sind auch für den Nicht-Imker keinesfalls langweilig, denn es tun sich unbewußt Analogien zu den Grundlagen des Zusammenlebens in einer Gemeinschaft auf, grade auch in Konfliktsituationen. Dabei bleibt Scheuer zurückhaltend und beschreibt akkurat den Bienenstaat. Die Verbindung herzustellen und auch, Abweichungen zu bemerken, bleibt dem Leser überlassen. 

Den Plot des Naziregimes und Menschen damit zu konfrontieren hatte mich zunächst skeptisch gemacht. Die Versuchung ist groß, ein Rührstück zu generieren oder das Buch politisch zu überfrachten, Analogien zur heutigen Situation — also den Zeigefinger — einzubauen und damit eine andere Art von Kitsch zu produzieren, der heute im Wahn politischer Korrektheit die Unterhaltung bestimmt. Das Buch hat mich wohltuend überrascht, indem es die Zeit darstellt, die Schrecken nicht ausspart, dabei aber auf extreme Darstellungen verzichtet, um Effekt zu erzielen. Das hat Scheuer auch nicht nötig. Seine Geschichte erzeugt menschlich tiefe Emotionen auch ohne den Dampfhammer zu bemühen. Wer Kitschiges erwartet wird enttäuscht sein — die Sprache ist lakonisch — und der Leser muß selbst die Bilder schaffen, zu denen das Buch die Stichworte liefert. Dadurch erreicht Scheuer sehr große Authentizität, denn über vieles von dem, was berichtet wird, versagen die Worte — das entspricht auch dem, was Zeitzeugen mir erzählt haben. Kaum einer sprach anders als in der von Scheuer gewählten Sprache von dieser Zeit. 

Zusammengefaßt ein sehr gut gelungenes Buch, welches mir sehr großes Vergnügen bereitet hat. 5 von 5 Sternchen 

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