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Es wäre Zeit für einen Aufbruch

Wenn man sich derzeit anschaut, was die Menschen im Lande am meisten zu beschäftigen scheint, kommt man in's Grübeln: Demonstrationen dafür, daß man wieder in Clubs Party machen kann, der Malle-Urlaub (oder sonst Ferien) und generell das, was man in der Schweiz Ausgang nennt. 

Wie ist eine Gesellschaft verfasst, die das in den Mittelpunkt stellt. Spontan wollte ich sie wertefrei nennen. Das wäre falsch, denn selbst die Schwachmaten, die für Bleifuß und die deutsche Autoindustrie demonstrieren oder die finden, Impfungen seien gefährlicher als die Krankheiten, die sie verhindern oder diejenigen, die an Bill Gates als Unmenschen glauben, der die Welt unterjochen und die Weltbevölkerung reduzieren will (dem sie also unterstellen, Massenmörder zu sein) — all diese Menschen mit ihren diffusen Ängsten und befremdlichen Vorstellungen von der Welt haben doch ein paar Werte, die ihr Leben steuern. 

Sicher ist die Angst, die sie vor Veränderungen haben, dieses Philistertum, eine deutsche Unart. Typischer deutsch als das Reinheitsgebot, Mercedes oder die tempolimitfreie Autobahn. Heinrich Manns Untertan findet sich auch in der heutigen Gesellschaft wieder, in allen politischen Lagern wohlgemerkt.  

„Wenn die Katastrophe, der sie auszuweichen denken, vorüber sein wird, sei gewiss, die Menschheit wird das, worauf die erste Revolution folgte, nicht scham- und vernunftloser nennen, als die Zustände, die die unseren waren.“

Doch eine Revolution steht derzeit nicht an — Bünzlitum ist Konsens in dieser Gesellschaft.

Was hat nun Führer/Kaiser, Volk und Vaterland ersetzt? Der Winkelried ist in Hollywood noch ein beliebtes Cliché und wird über unzählige Filme auch in unsere Breiten exportiert. Doch selbst, wenn wir die Helden Hollywoods — heldenhaft? finden sollten, so erscheint die Selbstaufopferung für andere oder ein Ideal den meisten Deutschen wohl wenig erstrebenswert. So sieht auch der Philister/Bünzli lieber andere sich für Ideale aufopfern als sich selbst.
Die Ideale hierzulande sind diffus und werden häufig negativ als Abwehr von Feinden bestimmt, nicht mehr positiv als Ideal. Solche Feinde werden von allen möglichen Gruppen generiert. Die wenigsten davon sind real, so daß ich von einem negativen Ideal sprechen möchte.  Ob der weiße, alte Mann (nichtweiße Deutsche gibt es etwa 500.000, was einem Anteil von  ca. 0,6% entspricht), Muslime  (ca. 5,5%) , Flüchtlinge oder was auch immer — die Abgrenzung ist meistens lächerlich und bezieht sich auf Minderheiten. Vernünftig zu begründen erscheint nichts davon. Doch Bücher wie Sarrazins "Deutschland  schafft sich ab" werden Bestseller. Warum? Die Presse verlangt den Skandal und völkische Theorien sind in der Bevölkerung immer noch verbreitet bzw. werden leicht angenommen? Ersteres erklärt, warum so ein Bohei um das Buch gemacht wurde (welches ich hier exemplarisch für andere steile Thesen nehme).  Warum völkisches Gedankengut immer noch so verbreitet ist, ist einerseits offensichtlich — die Bildung hinkt der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher. Und reaktionäre Presse wie bspw. die Hetzblätter von Springer fungieren wie Verstärker von obskuren Ängsten und Ressentiments. Sarrazins Buch wurde zusätzlich durch vormals ernst zu nehmende Blätter bekannter als nötig gemacht. Warum aber fiel dieses Pamphlet ohne irgendein ernst zu nehmendes Fundament auf fruchtbaren Boden? Meine Vermutung hierzu ist: Gier und Angst sind die Fundamente des Kapitalismus. Und der deutschen Gesellschaft seit Gründung des zweiten Reichs. Dagegen würde Solidarität und Gemeinsinn helfen. Pikanterweise ist es das, was die Neo-Faschisten der AfD als Ziel ihrer Partei vorgaukeln. Die obskure Volksgemeinschaft (ein Begriff der Nazis, den die AfD — noch — nicht offensiv benutzt, wenn ich das recht mitbekommen habe). Das Erfolgsmodell ist "Wir gegen die Anderen" — beides obskur, aber darum umso erfolgreicher. Der Muslim (Asylan, Flüchtling, Grüner, ... ), der blonde deutsche Frauen fickt und sie uns wegnimmt, ist ein Feind. Man ist bünslihaft ängstlich und sieht den Widerspruch zu der Überlegenheit, die man der eigenen Position unterstellt, nicht. Das gleiche gilt für die Feministinnen, die vorgeben, sich gegen Diskriminierung zu wehren und genau das fordern: Diskriminierung — halt von Männern, ihrem Feindbild. Und funktionieren tut das sowieso nur, wenn man das abstrakt faßt. Der Muslim zeugt Unmengen an Kindern, ist bildungsfern etc. — Ali von nebenan ist Diplomingenieur, hochgebildet, mit aktivem Sozial- und Familienleben und spricht besser deutsch als Bünzli Karl. Clichés finden sich selten in der Wirklichkeit. Die werden dann umso mehr von Gruppen in Facebook und Hetzblättern wie der BILD hochgejazzt, so daß Einzelfälle wie die Regel erscheinen.
Diese  obskure Welt, in der Bünzli Karl lebt wird ständig bedroht. Sie muß es werden, damit Bünzli Karl aktiv wird und konsumiert. Das erledigt die Werbung. Kurz — sozialpsychologische Elemente verstärken die spießbürgerlichen Tendenzen in unserer Gesellschaft. Das bereits erklärt die Wahlerfolge der CDU. 

Vodka intimate, an affair with isolation in a Blackheath cell
Extinguishing the fires in a private hell
Provoking the heartache to renew the licence
Of a bleeding heart poet in a fragile capsule
Propping up the crust of the glitter conscience
Wrapped in the christening shawl of a hangover
Baptised in the tears from the real
Drowning in the liquid seize on the Piccadilly line, rat race
Scuttling through the damp electric labyrinth
Caress Ophelia's hand with breathstroke ambition
An albatross in the marrytime tradition
Sheathed within the Walkman wear the halo of distortion
Aural contraceptive aborting pregnant conversation
She turned the harpoon and it pierced my heart
She hung herself around my neck
From the Time-Life-Guardians in their conscience bubbles
Safe and dry in my sea of troubles
Nine to five with suitable ties
Cast adrift as their side-show, peepshow, stereo hero
Becalm bestill, bewitch, drowning in the real
The thief of Baghdad hides in Islington now
Praying deportation for his sacred cow
A legacy of romance from a twilight world
The dowry of a relative mystery girl
A Vietnamese flower, a Dockland union
A mistress of release from a magazine's thighs
Magdalenes contracts more than favours
The feeding hands of western promise hold her by the throat
A son of a swastika of '45 parading a peroxide standard
Graffiti conjure disciples testaments of hatred
Aerosol wands whisper where the searchlights trim the barbed wire hedges
This is Brixton chess
A knight for Embankment folds his newspaper castle
A creature of habit, begs the boatman's coin
He'll fade with old soldiers in the grease stained roll call
And linger with the heartburn of Good Friday's last supper
Son watches father scan obituary columns in search of absent school friends
While his generation digests high fibre ignorance
Cowering behind curtains and the taped up painted windows
Decriminalised genocide, provided door to door Belsens
Pandora's box of holocausts gracefully cruising satellite infested heavens
Waiting, the season of the button, the penultimate migration
Radioactive perfumes, for the fashionably, for the terminally insane, insane
Do you realise? Do you realise?
Do you realise, this world is totally fugazi
Where are the prophets, where are the visionaries, where are the poets
To breach the dawn of the sentimental mercenary

(Marillion
— Fugazi)

Es wäre Zeit für einen Aufbruch! 

Die Ziele sind dabei aber zu wertvoll, um sie von Politikern formulieren zu lassen. Das ist der Job von Philosophen — sicher sollten möglichst viele gesellschaftliche Gruppen beteiligt werden. Umzusetzen sind sie dann von Politikern. Aber es muß jedem klar sein, daß unsere Gesellschaft sich ändern muß, um die Erde bewohnbar zu erhalten. Dabei darf man sich nicht von Ängsten leiten lassen, sondern sollte bereits in der Analyse reale von eingebildeten Bedrohungen zu unterscheiden lernen und die Probleme klar benennen. Daraus ergeben sich beliebig viele Handlungsoptionen und wir haben immer noch eine unvorstellbare Freiheit, was die Gestaltung unserer Gesellschaft anbelangt. Nur: Wirtschaften, das auf Ausbeutung basiert, zählt nicht darunter. Sondern wir müssen zwangsläufig zu einem gleichgewichtsbasierten Wirtschaften finden. Schwer daran ist nur, die heilige Kuh Wachstum muß dafür geschlachtet werden. Und in einer Demokratie dürfte keine Partei ernstzunehmende Erfolgsaussichten haben, wenn sie weniger Wohlstand in ihr Programm schreibt — das paralysiert die Politik. 

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