September 5th, 2019

Thomas

Händels Messias zum 100. Geburtstag der Kantorei in Sulzbach

Selten gibt es in Sulzbach Konzerte, die mich wirklich reizen und auf die ich mich ausgesprochen freue. Die aktive Kantorin der evangelischen Kirchengemeinde, Capucine Payan, hat zum Geburtstag der evangelischen Kantorei ein solches Konzert auf die Beine gestellt und eine gekürzte Version von Händels Messias zur Aufführung gebracht. Außer dem bekannten "Hallelujah" bietet dieses Werk ein Feuerwerk an sakraler Kompositionskunst des späten Barock. Sehr lobenswert hatte Frau Payan das Orchester mit historischen Instrumenten besetzt, mit 11 Instrumentalisten gegen einen Chor von über 40 Sängern recht schwach, vor allem im Continuo, das mit Cello, Fagott, Baß und Truhenorgel (sehr souverän und lobenswert: Barbara Adamczyk) historisch viel zu dünn und schwach besetzt war. Der Klang kam mir denn auch unausgewogen vor, da vor allem die Orgel die reiche Harmonik darstellen mußte, was sowohl den Farbenreichtum als auch das reine Volumen negativ beeinflußte. Die Instrumente einzeln zu besetzen war zu Händels Zeiten schon nicht mehr Standard, aber das läßt sich noch vertreten. Daß keine Theorbe, und auch keine Barockgitarre, bei der Aufführung dabei war fand ich natürlich besonders schade, setzen sie doch immer Akzente, sehen gut aus - und ich bin nun mal Fan der Instrumente. Historisch kann man diese Besetzungsentscheidung allerdings vertreten, weil es 1742 und erst recht bei späteren Aufführungen bereits schwierig gewesen sein dürfte, entsprechend qualifizierte Lautenisten zu finden. Wir wissen, daß Händel selbst bei mindestens einer Aufführung 14 Violinen, 6 Violen, 3 Celli, 2 Bässe, 4 Oboen, 4 Fagotte, 2 Hörner, 2 Trompeten und 2 Pauken eingesetzt hat.

Eine recht sichere Bank für diese Art der Aufführung ist, daß wesentliche Teile des Oratoriums von Solisten vorgetragen werden. In der dargebotenen Auswahl von 52 Teilen waren lediglich 11 vom Chor. Das versprach unabhängig vom Chor gute Unterhaltung.

Die Stärke eines Chors in einer Laienaufführung kann man nicht bewerten. Die über 40 Sänger bestanden aus Mitgliedern der Kantorei, welche durch Mitglieder anderer Chöre verstärkt wurden. Das ermöglicht, individuelle Schwächen auszugleichen und ist sicher eine angemesse Größe des Chores für eine Aufführung des Messias.

Es wäre unfair, die Darbietung eines Laienchores an professionellen Darbietungen zu messen. Dennoch waren Profis beteiligt und die müssen sich schon der Kritik stellen. Zunächst darum ein Wort zum Chor. Ob es in der Hitze des Gefechts aus dem Ruder lief oder schon bei der Einstudierung problematisch war, kann ich nicht sagen. Ich hatte versucht, Hinweise bei der Dirigentin zu entdecken, doch von meiner Position aus konnte ich sie nur sehen, wenn ich mich über die Ballustrade vorbeugte. Da war es Glücksache, Signale an den Chor wahrzunehmen. Die Balance zwischen Chor und Orchester stimmte nicht. Der in der Regel 4-stimmige Chorsatz wurde von den Sängerinnen und Sängern eher gebrüllt als gesungen. Das ist schade, weil dadurch die filigrane Struktur der Musik flöten ging. Auch wäre etwas mehr Schliff in der Phrasierung angebracht gewesen. Mir kam es vor, als wären die Sänger bereits ausreichend damit gefordert gewesen, ihre Töne zu treffen, was sie denn bei Erfolg in entsprechender Lautstärke taten. Ob nun Versäumnis bei der Einstudierung oder dem Lampenfieber geschuldet ließ sich, wie gesagt, nicht ausmachen. Den Bibeltext musikalisch zu vertiefen, worum es im ganzen Messias geht, wird durch fehlende Phrasierung und Dynamik allerdings unmöglich.
Sehr positiv war die Textverständlichkeit des in deutsch vorgetragenen Werkes. Sowohl Chor als auch Solisten artikulierten sauber und verständlich. Überakzentuierung war nur im Chor manchmal bemerkbar (und der Tenor wirkte durch Dauertremolo nuschelig).

Es war einer der schwül-heißen Tage und somit gab es im Orchester das ein oder andere Problem mit der Stimmung der Instrumente. Daß die Probleme des Orchesters nicht von den Instrumenten und der Stimmung alleine ausging wurde aber bereits in der einleitenden Sinfonia deutlich. Das Orchester brauchte einige Takte, um zusammenzufinden, etwas, was sich durch die ganze Aufführung zog. Und auch dann wirkte das Spiel eher routiniert als inspiriert. Manchmal hilft üben ...
Von den Solisten überzeugte mich lediglich der Tenor nicht. Eine vibratoschwangere Interpretation sollte wohl mangelndes Verständnis überdecken. Sehr gefallen hat mir die Tonbildung der Altistin (Ekaterina Alexandrova), deren Artikulierung mir gelegentlich etwas zu nachlässig vorkam, die Sopranistin (Baiba Urka) hat auch eine sehr schöne Stimme und wirkte nur am Anfang etwas unsicher in der Phrasierung. Ansonsten gestaltete sie ihren Teil sehr souverän. Das gleiche gilt für den Baß (Immanuel Klein).

Verlassen habe ich die Aufführung mit gemischten Gefühlen. Natürlich kenne ich den Messias sehr gut und schaue zudem noch durch die Brille eines Vertreters der Alten Musik. Die beteiligten Profis waren scheinbar größtenteils Studenten, für die der Auftritt Muckencharakter gehabt haben wird. Das ergibt in Folge das wenig homogene Bild, das sie boten. In einer solchen Situation sind die wenigen Probestunden kaum genug, um eine gute Aufführung zustande zu bringen.

Auf jeden Fall ist es sehr lobenswert, was Capucine Payan auf die Beine gestellt hat. Man darf den Aufwand für eine solche Aufführung nicht unterschätzen und für Kantorin und vor allem die Mitglieder des Chors bedeutet das eine erfolgreich bestandene Herausforderung, die sich gar nicht den Ansprüchen an eine professionelle Aufführung stellen muß. Und eine große Bereicherung der Musik im Ort war dieses Geburtstagskonzert auf jeden Fall.

Persönlich werde ich wohl den Konzerten in der evangelischen Kirche mehr Aufmerksamkeit schenken als ich das bisher tat.

Eine sehr gelungene Aufführung des Messias wäre beispielsweise die hier: