August 28th, 2019

Thomas

gelesen: Milena oder der schönste Oberschenkelknochen der Welt von Jorge Zepeda Patterson

Mit Spannung habe ich das Buch des preisgekrönten mexikanischen Autors Patterson gelesen: das Thema Frauenhandel ist hochaktuell und brisant und Patterson hat offenbar sehr gut recherchiert. Eine Osteuropäerin in das Zentrum des Buches zu stellen ist sicher angebracht, Marbella hätte ich weniger als Dreh- und Angelpunkt des Handels erwartet, eher Berlin oder Zürich. Doch zu den bemerkenswerten Eigenschaften des durchweg spannenden Romans gehört, daß der Rahmen, in dem die Handlung spielt, durchaus real ist.
Patterson als gewesener Journalist beschreibt die Rolle der Presse einerseits sehr realistisch, andererseits bin ich mir nicht sicher, ob sich so viel Idealismus bei mexikanischen Pressevertretern finden würde, wie in dem Roman angedeutet. Aber es ist ein Roman, formal wahrscheinlich im Genre "Krimi" eingeordnet und da darf und muß der Autor die Wirklichkeit in einigen Bereichen seiner Geschichte anpassen und nicht umgekehrt. Das ist vollkommen okay, solange die Glaubwürdigkeit als Ganzes nicht leidet und die Wirklichkeit nicht zu sehr gebeugt wird.
Die Sprache Pattersons hat mich, vor allem zu Beginn des Buches, sehr eingenommen. Poetische Anflüge, ohne aber in Kitsch zu verfallen, Beschreibungen, die über die reine Geschichte hinausgehen und einen in die Welt Milenas hineinziehen machen neugierig und verraten, daß uns der Autor etwas zu erzählen hat. Leider kann der Autor dieses sehr hohe sprachliche Niveau nicht durchhalten und im Laufe des Buches geht er immer weiter zu dem über, was man oft als "Fahrt aufnehmen" bezeichnet. Er läßt sich weniger Zeit, seine Personen zu entwickeln, wodurch ihre Gedanken und Handlungen wenig nachvollziehbar, manchmal sogar konfus erscheinen. Er wechselt im Verlauf des Buches immer öfter die Perspektive, manchmal mehrfach innerhalb einen Absatzes.  Cliffhanger setzt er effektiv ein.
Wieder einmal betone ich hier natürlich das, was mir negativ aufgefallen ist, das Buch bekäme von mir aber locker 4 bis 4,5 von 5 Sternen. Ein sehr gutes Buch, das ich verschlungen habe



SWR2 lesenswert

Besonders loben möchte ich hier die Übersetzung von Nadine Mutz.