August 18th, 2019

Thomas

Motivation zum Lautenverkauf ...

Nachdem ich gestern gepostet hatte, ich würde meine Lauten verkaufen und das auch in der Gruppe der Lute Society auf Facebook gepostet hatte, gingen die Diskussionen los. Ich vermute, mein Englisch war schuld, denn irgendwie muß ich begründen, warum ich die verkaufe. Im Post mit dem Link schrieb ich "time for me to leave the lute. So I won't need this beautiful instruments anymore and offer them for sale". Das haben viele nun so verstanden, daß ich ganz und gar damit aufhören will, die Laute zu spielen und als ich das noch einmal gelesen hatte war mir auch klar, daß man das so verstehen muß, vor allem, wenn darunter eine ganze Ecke Instrumente zum Verkauf angeboten werden. Tatsächlich habe ich keine Lust mehr, mich um Konzerte zu bewerben, oder auch nur bei Pfarrers anzufragen, ob sie nicht im Gottesdienst ein bißchen Laute hören wollen und den ganzen Stress, denn die meisten empfinden schon die Anfrage als Ärgernis. Ich biete es an in der Überzeugung, denen bzw. ihrem Publikum eine Freude zu machen und dann muß man erst einmal für einen 5- oder 10-Minuten-Beitrag zum Gottesdienst oder für ein Konzert, für das ich nicht einmal Gage verlange verhandeln, als wolle man die Kirche (oder sonst eine Veranstaltung) kaufen (in der Schweiz erlangen sie dann tatsächlich noch Miete für Kirche und Abwart). Das macht einfach keinen Spaß mehr. Vor 15, 20 Jahren fand ich es noch okay, weil ich mich als Botschafter für die Laute sah - immer in der Überzeugung, man müsse das Instrument und die tolle Musik nur hören und schon müsse jeder, der nicht seinen Geschmack und sein Gehör im Lotto gewonnen hat, lieben oder zumindest schätzen (mein familiäres Umfeld ist so - ich weiß, ich beleidige Schweine: doch die haben ein ausgeprägteres Kulturverständnis, mehr Geschmack als meine Familie). Ist das nicht so, dann muß es an mir liegen (auch ein Hinweis darauf wurde mißverstanden). Also "ich lasse das Lautespielen sein" bedeutet vor allem, ich will mir nicht mehr den Stress zumuten, mich um Konzerte zu bemühen.
Natürlich kommt hinzu, daß ich nun in deutlich anderen Verhältnissen lebe als in der Schweiz, sprich: ich habe weniger Platz. Und proben ist auch nicht drin, was beispielsweise Ensemblearbeit unmöglich macht.

Das ist auch ein Problem. Ich spiele gerne in Ensembles. Darum habe ich lange überlegt, ob ich ein Begleitinstrument, das Archiliuto behalten soll oder nicht. Da ich aber die letzten 15 Jahre nur muckenmäßig in einem Ensemble tätig war finde ich das zwar schade, aber Mucken ist auch etwas, was ich nicht (mehr) machen will. Einen Continuopart so zu improvisieren, daß ich auch nur halbwegs zufrieden bin, fehlt mir die Erfahrung. Ich muß da überlegen, ich muß die anderen Stimmen hören und mir dann anhand dessen einen Zugang erarbeiten. Klar: Klavier oder Cembalo spielen das ausgesetzte Continuo und haben keine Probleme. Da kann man als Lautenist kaum dagegen anstinken.
Ich muß auch sagen, daß ich in den letzten Jahren kaum noch eine Laute in der Hand hatte - ich hatte es mir vorgenommen, doch ohne den Druck, für ein Programm üben zu müssen, mache ich zu wenig.
Natürlich kommt dazu auch ein wenig persönliche Disposition: wenn man übt muß man kritisch sein und es kann einfach nicht gut genug sein - lieber weiter üben! Bei einem Konzert gilt dann "Augen zu und durch". Das habe ich zwar gemacht, aber wahrgenommen habe ich auf Konzerten vor allem, wie mies ich war. Das bedeutet, dieses "Ich bin der Größte", was zum erfolgreichen Konzertieren (nur in der Konzertsituation und unmittelbar danach) dazu gehört habe ich nicht. Ein bißchen beruhigt natürlich das positive Echo, zumindest solange, bis man sich klar macht, daß kaum jemand einem direkt nach dem Konzert sagen würde, wie beschissen man gespielt hat. Als konzertierender Musiker gibt es, außer Zeitungskritiken (wobei die oft ins Konzert gestürmt kamen, sich ein Programm geschnappt, ein Foto geschossen haben und dann gleich verschwunden sind), als verlässliches Feedback nur, ob man wieder eingeladen wird. Bei besagter Ochsentour kommt so etwas natürlich nur dann zur Geltung, wenn der Veranstalter dann so gar nicht mehr bereit ist, Dir eine Auftrittsgelegenheit zu geben.

Den Begriff "bullying" (der auch mobbing bedeutet) habe ich etwas flappsig gewählt und dabei keine konkrete Person oder Situation im Sinn gehabt. Natürlich hat es etwas von Paranoia an sich, wenn ich selbst das Lob, das ich für mein Geklimper bekommen habe, ausblende und mir dafür die Kritik sehr zu Herzen nehme. Und die war oft sehr fundamental und deutlich. Da sammelt sich im Lauf der Zeit natürlich viel an. Sicher ging es jedem schon so, daß er sich gefragt hat "Warum tue ich mir das überhaupt an?". Tja - es gab nun in meinem Fall immer mehr solche Situationen. Und es ist sehr leicht, eine solche Situation zu vermeiden. Man muß sich immer überlegen: ich habe das gemacht, um Menschen eine Freude zu machen. Wenn ich das nicht kann - oder auch nur das Gefühl habe, es nicht zu tun, warum mache ich es dann überhaupt? Mädels nehmen ja doch immer den Drummer ...


Was will ich also?
Ich habe angefangen zu konzertieren*, als ich ein bekanntes englisches Orchester in einem Konzert erlebt hatte, welches grandios daneben ging. Daß mal eine Passage kracht und scheppert - geschenkt! Das passiert den meisten. Doch ein ganzes Konzert, bei dem nichts, aber auch gar nichts zusammen paßte, und das dann sowohl von Publikum als auch Presse bejubelt wurde? Da dachte ich: das kann ich auch. Das stimmt natürlich und tatsächlich bekam ich schließlich auf Konzerten überwiegend positive Rückmeldungen und viel Applaus. Aber schräg und falsch bleibt es ja doch. Und daran, daß ich eigentlich alles andere als ein extrovertierter Typ bin, ändert das auch nichts. Mich auszustellen ist mir unangenehm. Sich hinter einer Laute verstecken war grade noch erträglich. Da muß ich wieder zu einem
status quo ante zurück kommen. Also keine Konzerte und schon gar keine Mucken. Die kindliche Naivität, mit der ich damals (ich war allerdings schon Mitte 20!) meinte, so schlecht sei ich nicht und sowieso gibt es nur Erfolge und wenn es mal nicht klappt ist das nur ein Schritt zur Vervollkommnung wird sich allerdings nicht mehr einstellen. Das ist klar. Ich spiele zukünftig 11-chörige Laute - meine kleine Railich behalte ich, wie geplant und konzentriere mich auf Reusner, Losy und ähnliche Musik - mich deucht, diese Musik liegt mir. Und ich vermute, mit diesem Repertoire kann ich mich bis an mein Lebensende beschäftigen. Und gefallen muß das, was ich mache, ausschließlich mir

Ich bin aber schon ein wenig gerührt gewesen, daß viele versucht hatten, mich dazu zu bewegen, bei der Laute zu bleiben.


*auf der Laute. Mit Gitarre hatte ich meine Bühnendebüt mit 12, kurz darauf sogar im ZDF in einer Sendung namens "Grüße vom Bodensee"