April 13th, 2018

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Marais du Viguereit

Leider verzögert sich offenbar das Entwickeln der Filme, so dass ich von meinen Ferien nicht ganz chronologisch berichte und heute bereits einen kleinen Vorgriff mache. Mittwochs war ich, ein echtes Highlight in der Camargue besuchen, das Marais du Viguereit. Weder die Website noch sonst ist dieses Reservat besonders hervorgehoben - doch in ihm verbirgt sich die ursprüngliche Camargue. Für mich unter vielen wunderschönen Plätzen dort einer der schönsten, wenn nicht der schönste überhaupt.

Er liegt etwas ab und mehr als einmal fragte ich mich beim Fahren der Schotterpiste und wenn ich zwischen dem Ausweichen von sehr tiefen Schlaglöchern und dem Versuch, dabei nicht in die tiefen Abwasserrinnen zu rutschen Zeit fand, einen Gedanken zu fassen, ob ich wohl auf dem richtigen Weg sei? Reis und Schilf auf der einen Seite, die unvermeidlichen Pferde und Stiere auf der anderen ging es mehrere Kilometer - gefühlt in's Nichts. Hinter mir eine dicke Staubfahne - ob man sich so auch in New Mexico fühlt? Wahrscheinlich wird dort wenigstens der Rücken mehr geschont.

Angekommen war das Empfangshäuschen mit kleinem Shop im Umbau. 3 € sollte ich zahlen. Auf einen 10er konnten die Mädels aber nicht herausgeben und hätten gerne Münzen gehabt, die ich aber nicht hatte. Also haben sie gekratzt und mir mein Wechselgeld in 10- und 20-Cent-Münzen gegeben. Mein Portemonnaie wurde deutlich schwerer, ich aber nicht reicher.
Wie heute scheinbar überall üblich wird Statistik erhoben und ich sollte  Auskunft geben, woher ich käme, wie ich von dem Platz erfahren habe und so weiter - weil die Mädchen wirklich zerknirscht wegen des Problems mit dem Wechselgeld schienen (in Frankreich scheint es die Bezahlung mit Kreditkarte eher die Regel als die Ausnahme zu sein) gab ich Auskunft - sogar wahrheitsgemäss. Prinzipiell ist diese Datensammelwut einfach nur noch lästig. Das mag den Anbieter einer Dienstleistung oder Gewerbes vielleicht interessieren, aber warum erheben sie diese Daten? Um Werbung zu schalten wohl - und daran soll ich mich beteiligen?


Kaum verlässt man das Häuschen und betritt die Bretter, die den Besucher über den Sumpf führen betritt man eine andere Welt. Die allgegenwärtigen Moskitos bleiben, klar, aber es herrscht Dschungelluft; feucht, noch feuchter als sonst schon in der Camargue! Vorsichtig schiebe ich mich durch das Schilf und erkunde die Wunderwelt der ursprünglichen Camargue.
An dieser Stelle könnte ein Exkurs über den Volkscharakter der Frenchies stehen - inklusive den vermuteten Ursachen. Ich lasse es lieber - jedenfalls kann man sich vorstellen, wie sehr mich eine Gruppe munterer Franzosen (also französisch sprechender Menschen) begeisterte, die lautstark jedes Tier be-"o lala" te und ebenso lautstark jedes Tierchen dem jeweils nächsten zeigen musste. Dass die (natürlich mit dicken Bestimmungsbüchern versehene) Truppe mir die eigentlich an Besucher gewohnten Tiere vertrieb und mich zu einer Zwangspause (mit Internet, Facebook etc) trieb.
Die Stille dieser ansonsten einsamen Orte schätze ich sehr. Man kann lauschen und hört auf einer ganz anderen Ebene - man meint, das Leben selbst zu hören. Der krasseste Gegensatz zu meinem Alltag, in dem ich viel höre, mit vielen Leuten reden muss, aber immer das Gefühl habe, mit sprechenden Zombis umzugehen.
Tja - auch die glorreiche französische Luftwaffe - alles andere als dem Leben zugewandt - muss mir den Gegenpol verdeutlichen, mir die lärmige Zerstörungskraft unserer Zivilisation vorführen.

gegen

oder



Es gab eine Zeit, da setzte ich unsere moderne Welt mit Kultur gleich, damit, dass die Menschheit etwas erschaffen hat. Heute kommt es mir vor als sei die moderne Menschheit nur da, um zu zerstören. Vielleicht ist das nur ein anderer Zugang zur gleichen Problematik. Die wunderbare Kunst der Vergangenheit, die unglaublichen Fortschritte der Wissenschaften waren in ihrer Zeit sicher auch zerstörerisch.
Muss der Mensch zerstören, um etwas zu schaffen? Per aspera ad astra? Mit solchen Gedanken beschäftigt, wanderte ich sundenlang durch das Gelände und genoss all die Wunder der Natur, die sich mir hier offenbarten. Kann eine Welt schlecht sein, die solche Wunder enthält? Was (oder genauer wer) ist das Problem?

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Lobo über eine Regulierung von Facebook - Gedanken

In seiner jüngsten Kolumne meint Sascha Lobo, die Besonderheit Facebooks herausstellen zu müssen und spricht sich für eine Regulation aus.
Einen Punkt macht er meiner Meinung nach, wenn er die Bedeutung von Facebook in und für Länder hervorhebt, in denen es die einzige oder wichtigste Nachrichtenquelle ist.
Wobei ich ergänzen möchte: sowohl positiv wie negativ!

Was Lobo aber verkennt ist, dass es sich um ein Unternehmen handelt, welches nationalen Gesetzen unterworfen ist. Ein Gesetz um Facebook zu regulieren müsste aber international greifen.
Ein allgemeines gesellschaftliches Problem zeigt sich nur im Fall von Facebook aber ganz deutlich: Und das ist das Problem der Werbung. Im nationalen Umfeld mag man sie noch ansatzweise kontrollieren und regulieren können. Werbung per se versucht aber, uns etwas zu verkaufen - anzudrehen. Ob das Waschmittel, ein Partner ("ich parshippe jetzt"), Zigaretten (der HB-, der Marlboro-Mann, eine Bank ("Mein Haus, Mein Auto, ...")  oder eine politische Partei sind ist dabei vollkommen unerheblich. Ja, Emotionen spielen eine Rolle - die Emoticons in Facebook geben uns die von der Werbung erwünschten Gefühle vor. Aber das ist, wie sie auf uns wirken soll. Sie soll ein Produkt mit Gefühlen verbinden. Würde Werbung den Verstand ansprechen wäre sie sinnlos, zumindest deutlich weniger effektiv. Absicht von Werbung ist aber, Produkte mit Gefühlen zu verbinden. Und die sollen in Verkäufe münden. Eine Abgrenzung von Werbung, Information und Manipulation halte ich für sehr schwierig. Das ist oft Gefühlssache und dementsprechend geht das schnell in Beliebigkeit.

Facebook bietet nun einen fast schrankenlosen Zugang, Werbung nahezu unreguliert zu verbreiten. Dazu kommt noch, dass noch über die Daten, die vom Nutzer geschnorchelt werden, Werbung sehr zielgerichtet und effektiv gestaltet werden kann. Das ist das Geschäftsmodell von Facebook und das macht die Regulierung schwer. Was soll bei Versuchen einer Regulation herauskommen? Das einzige vorstellbare könnte etwas wie ein politisches Werbeverbot sein - ähnlich dem Tittenverbot auf Seiten der Facebook-Familie. Genauso lächerlich würde das auch rauskommen. Als Gesetz formuliert müsste es, um formalen Ansprüchen zu genügen, allgemein sein. Da es ja kaum gerecht sein kann, in Zeitungen und im Fernsehen politische Werbung zu platzieren, es auf Facebook aber zu verbieten.

Ganz grundlegend geht es bei den durch Facebook verursachten Problemen um die Folgen eines Kampfes, der schon ausgefochten wurde und der verloren gegangen ist: den um die Kommerzialisierung des Internets.
Das Internet war in der Anfangszeit schon eine tolle Sache - und viele meinten, wie schön es sei, endlich mal eine friedliche Technologie zu haben! Etwas, was Menschen weltweit verbinden kann. Doch irgendwann ging es darum, wie man diese tolle Sache zu Geld machen kann. Und damit begann die Kommerzialisierung.
Nie hätte ich damals gedacht, eine auf Werbung aufgebaute Wirtschaft könne sich im Internet etablieren. Das ist doch ein vollkommen substanzloser Wirtschaftszweig! Da lag ich ziemlich daneben. Substanzlos ist er zwar, aber es wird viel Geld geschoben und Firmen wie Google und Facebook machen viel Geld. Alles, um eine um ein paar Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit zu haben, damit das bei einer Kaufentscheidung beworbene Produkt gewählt wird. Eigentlich lächerlich, wieviel Geld dafür verpulvert wird, oder?

Aber zurück zu Lobos Artikel:
Warum melden sich Leute denn bei Facebook an und warum geben sie ihre Daten preis? Der Zweck für die Nutzer ist ja, Kontakte zu halten und zu pflegen, und ja! Emotionen zu teilen. Das ist für sie das Wesentliche. Und ja! Genau hier treffen sich die Interessen der Werbenden (also der zahlenden Kunden Facebooks) mit denen der Nutzer. Aber nur im Begriff. Ein Unternehmen, das Produkte (oder "Events") verkaufen will versucht heute, die Produkte mit Emotionen zu verbinden (warum sie das tun - darüber könnte ich mich auch lange auslassen). Während ein Nutzer vermeindlich ja auch etwas tolles Erleben will, was er dann teilen kann. Der von Lobo vorgeschlagene Begriff der "sozialen Infrastruktur" verkennt dabei aber den Unterschied in der Motivation (private Nutzer wollen ein Gefühl teilen, Kommerzielle Nutzer wollen mithilfe eines Gefühls etwas verkaufen) und den krassen Unterschied zwischen dem Anbieter (Facebook), für den Werbung der Zweck des Unternehmens ist und dem Nutzer, der in Facebook entweder eine Werbeplattform sieht oder als das "Internet 2.0" - als eine Basis, um zu kommunizieren, zu spielen - das "Dorf Internet" in seinen Facetten. Nur für die Letztgenannten stehen Emotionen im Zentrum.