March 22nd, 2018

Yesterday

Vermischtes

Mein Held dieser Tage ist ein Vogel - ein kleines Vögelchen, der Schlagschwirl, hat geschafft, wozu die Gesellschaft auf anderem Wege nicht fähig zu sein scheint.
Dank des Schlagschwirls darf ein Open Air rechtsradikaler Gruppen in Thüringen nicht stattfinden. Danke! Danke! Danke!



Ich war ja so ein Typ, der nach dem Abi nicht wusste, das er eigentlich machen soll. Ich war politisch und gesellschaftlich interessiert, hatte mir ein gradezu romantisches Verhältnis zur Natur bewahrt, war Leseratte - vor allem von Zeugs, das andere kaum mit der Beisszange anpackten (man nennt es Weltliteratur) und Musik prägte mein Dasein anders als es für einen Teenager meiner Zeit üblich war nicht nur passiv, sondern ich war auch aktiv dabei. Nicht grade die Interessenlage für eine erfolgversprechende Karriere, newa?
Zuhause war die Situation auch - nennen wir es "heikel". Dass ich überhaupt Abitur machen durfte war wohl nicht unumstritten. "Wir sind eine Arbeiterfamilie" hörte ich nicht nur einmal. So hatte ich dort einen gewissen Kampf, meine Weiterbildung überhaupt durchzusetzen. Da meine Interessen nicht auf etwas zeigten, was unmittelbar in einen Beruf münden würde war ich in den Diskussionen nicht in der besten Position. Meine Eltern sahen eine Handwerkerlehre für mich vor.
Damals kamen die umliegenden Unis (Marburg, Giessen, Mainz, Frankfurt) an die Schulen, um für ihre Lehranstalten zu werben und ich besuchte verschiedene Vorlesungen, um einen Eindruck zu bekommen, was denn für mich geeignet sein könnte. Jura fand ich interessant - bis ich eine Vorlesung besucht hatte! Besonders interessierte mich Sinologie - ich fand es auch nicht ganz uninteressant, dass das damals in Trier angeboten wurde. Einer Stadt, die ich interessant und "hübsch" fand - und weit genug von zuhause weg war. Damals war mir nicht bewusst, dass Sinologie vor allem von Anhängern Maos gewählt wurde. Das war ich nämlich keinesfalls. China, DDR und die Sowjetunion waren interessante, alternative Gesellschaftsmodelle, von denen wir aber eher die negativen Seiten wahrnahmen, also: Worin scheitern sie, kaum, worin sie gut waren. Die Hippies, die 68er wurden tendenziell viel positiver rezipiert. Wobei die RAF verdammt wurde. Dass Ulrike Meinhoff alles andere als doof war und ihr Gang in den "bewaffneten Widerstand" begründet (wenn auch falsch) war - das war damals kaum mehrheitsfähig.
Und natürlich konkurrierte dieses Interesse mit der Selbstbeschäftigung, die für Teenager nun mal wesentlich ist. Ich finde auch heute noch diese Menschen, vor allem auch ganz junge, die sich auf ein paar Gebiete reduzieren widernatürlich. Gilt es als junger Mensch nicht, vor allem die Farbigkeit der Welt zu erfahren?
Im Ergebnis konnte ich mich nicht entscheiden, auch weil meine Eltern mir ein Studium nicht bezahlt hätten und ich aufgrund der finanziellen Situation meiner Eltern kaum mit öffentlicher Förderung (Bafög) zu rechnen gehabt hätte. Den Schritt, mir diese Förderung zu erstreiten (ich hätte rechtlich ja Anspruch darauf gehabt) war mir letzten Endes doch zu extrem.
Durch diese Diskussionen war ich zu beschäftigt - und aus falsch verstandener Ehrlichkeit ("natürlich könnte ich jemanden töten" - den Unterschied zwischen dem Abschlachten auf Befehl und einer menschlichen Notlage konnte ich damals argumentativ nicht fassen) landete ich dann auch für 15 Monate bei der Army. Und anschliessend in einer kaufmännischen Ausbildung - ich! Kaufmannsgehilfe! Ich bin vollkommen untauglich für diese Tätigkeit!
Die C64 und Amigas waren Spielzeug. Nun kam ich mit der Welt der IBM Grossrechner in Berührung und damals war man noch ein kleiner König, wenn man sich mit so etwas wie APL auskannte. So wechselte ich in die EDV (wie man damals noch sagte: die Abteilung hiess "Referat Datenverarbeitung im PSW" (Personal- und Sozialwesen/Werksverwaltung) und *hastenichgesehen* habe ich Lohn- und Gehaltsabrechnung programmiert. Damals schon fand ich, das sei einer der letzten Jobs, in denen man halbwegs kreativ sein konnte - wenn auch nur auf sehr reduzierte Art und Weise. Bald kam zur Programmierung von Grossrechnern mit Cobol auch die Arbeit am PC und in Netzwerken mit Turbo Pascal und dann Delphi dazu, irgendwann wurde Delphi zu meinem Bedauern durch C# ersetzt. SAP/ABAP war ein Thema, auch Jva, EJB etc. Die Firmen wechselten im Verlauf der Zeit - und mit den Jahren auch das Berufsbild. Von der Gehaltsabrechnung ging es zu Versicherungslösungen, der Polizei und nun in die Industrie.  Kreativität wurde immer mehr in eine immer schmallere Ecke gedrängt bis zum Schluss nur noch "Problemlösungskompetenz" übrig blieb. Was schön war ist, dass sich immer noch ein Rest an Leuten findet, die wie ich in diesen Job gekommen sind. Nachgewachsen sind oft stromlinienförmige Akademiker, die vor Professionalität nur so strotzen, das sich bei ihnen aber vor allem durch ihr Managergehabe negativ äussert. Nachteil, wenn man älter wird: Mit solchen Leuten habe ich nun immer mehr zu tun. Und mein berufliches Umfeld macht immer weniger Spass.

Den akademischen Teil habe ich übrigens dann später nachgeholt. Mit Philosophie lag ich bei meinen Interessen goldrichtig, Deutsche Literaturwissenschaft war ein Traum! Lesen, dass man kaum hinterherkommt - kann es eine angenehmere Art von Stress geben? Psychologie war eher eine Spassbremse (ausser Festingers Theorie der kognitiven Dissonanz und seiner Nachfolger - generell ist Psycho zu bemüht darum, Naturwissenschaft zu sein und muss sich mMn arg verbiegen, um diesen Anspruch einzulösen) und Soziologie überraschend tiefgründig. Ich hatte das Gefühl, wirklich etwas für das Leben gelernt zu haben. Dass ich mich dann "zum Spass" anschliessend noch entschied, fundiert das Spiel von Laute und Gitarre zu erlernen war für mein Leben dann prägend.
Ernähren tut mich aber nach wie vor die olle Kaufmannslehre mit den Zusatzausbildungen aus dem Bereich der Informatik.



Die Kälte, das Grau hängt an. Ich muss raus - wir haben da so einen Projektleiter. Die Kompetenz im Person. Reihenweise kündigen die Leute. Ich bleibe noch als einer der wenigen, die sich auskennen. Da hatte ich ein Gespräch mit ihm, welches Kommunikationsstrategien dieser Projektmanager entlarven kann

Er: "Willst Du mitgestalten oder nur Ausführen?"
Die ehrliche Antwort wäre: "Nein, will ich nicht, da Du unter Mitgestalten verstehst, ich Deine Defizite kompensieren - und falls etwas falsch läuft darf ich den Buh-Mann spielen"
Die Antwort war dann aber (da ich in der IT bin und nicht direkt dem Projekt unterstehe): "Das kann ich nicht entscheiden. Da wende Dich mal an meinen Chef"

Die Kommunikation ist hier ja suggestiv und manipulativ. Tatsächlich ist die Frage auch gar nicht als Frage gemeint. Sondern eigentlich unterstellt mir der Projektleiter hier, ich würde die Mitgestaltung verweigern. Dagegen habe ich mich natürlich verwahrt und darauf hingewiesen, dass das nicht der Fall ist.
Solche Pseudokommunikation, die nicht auf einen offenen Austausch und gegenseitiges Lernen aus ist sondern sich der Höflichkeit, der guten Kinderstube als Machtmittel bedient mag ich nicht. Denn die eigentlich und ehrliche Antwort wäre natürlich unhöflich, gradezu beleidigend gewesen. Darum gibt man eine andere - evtl. lügt man sogar. Diesmal hatte ich Glück und musste nicht lügen. Eine solche Kommunikation bringt aber nichts - vielleicht kann der Projektleiter seinen Willen durchsetzen, hat sich dabei aber als unhöflich und inkompetent offenbart. Warum unhöflich, fragt Ihr? Die Frage impliziert, ich wolle blockieren, ich sei ein Mensch, der sich nicht einbringt in die Arbeit. Und dadurch zeigt sich auch die Inkompetenz. Diesem Projekt unterstellte Mitarbeiter müssen mit einer solchen Kommunikation umgehen. Ein konstruktives Arbeiten bedeutet in einer solchen Umgebung einiges an Selbstverachtung.

Genug geschimpft!

Solche Gespräche führen dazu, dass ich der Kälte, dem Grau des Wetters und der Kälte und dem Grau des Umfelds mit grosser Freude die Sonne Süd-Frankreichs entgegensetzen werde und nach einigen Jahren wieder einmal Ferien mache.
Nicht sehr fantasievoll, weil ich schon in der Camargue war. Tatsächlich hatte ich auch Ziele in Italien ins Auge gefasst. Vor allem zuerst nach England! Da will ich nochmal hin vor dem Brexit! Oder auf den Balkan. Aber Preise und Verfügbarkeit führten dazu, dass ich wieder nach Südfrankreich fahre - obwohl mein Französisch nur sehr rudimentär vorhanden ist.
Und angesichts Schneegestöber und Nebel und 2-stelligen Minustemperaturen hier freue ich mich wie Bolle darauf
Yesterday

Und wieder mal ...

Cambridge-Analytica wird zum Skandal erhoben.

Prinzipiell gibt es zwei verschiedene (fundiert begründete) Meinungen zum Thema, die beide eine gewisse Berechtigung und Stärken und Schwächen im Gedankengang haben:
Sascha Lobo schliesst auf SPON

Das ist das Vergehen von Facebook: dem Umsatz jede Vorsicht bei der gesellschaftlichen Wirkung sozialer Medien zu opfern. Von Fake News über Hetze bis zu Propaganda - Facebook hat es über Jahre nicht ernsthaft interessiert, was auf seiner Plattform geschah, solange ausreichend Werbung geschaltet wurde.

Dagegen äusser Fefe in einem Interview für Meedia:
Die Vorstellung halte ich für hochgradig naiv, dass Facebook quasi versehentlich den größten Datenhaufen in der Geschichte der Menschheit aufgehäuft hat, und gar nicht weiß, was sie da tun. Nichts davon war Zufall, alles war Absicht. Die Software ist nicht vom Himmel gefallen. Die hat jemand geschrieben, mit dem beauftragten Funktionsumfang, und der ist dafür fürstlich entlohnt worden.

Wenn Facebook jetzt so tut, als seien irgendwas an der Situation nicht klar oder ein Versehen gewesen, erinnert mich das an die Beteuerungen der Tabaklobby, dass der Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs noch nicht klar belegt sei. Es ist schlimm genug, dass der Trick damals funktioniert hat (und beim Klimawandel wieder zu funktionieren scheint). Wir sollten auf so einen plumpen Trick nicht wieder reinfallen.

Gemeinsam ist beiden die Feststellung, dass Facebooks Geschäftsmodell Werbung ist. Beide unterscheiden sich in der Bewertung des Tatbestandes, Die von Sascha Lobo halte ich zumindest für zu mild. Generell hat Lobo oft eine Sichtweise, welche das zugrunde liegende Problem ausblendet. Das ist etwas, was ich an Fefe sehr schätze. Wer das Interview mit ihm liest wird feststellen, dass er sehr genau erkennt, wie schädlich Werbung ist.

Was man in diesem Zusammenhang allerdings auch sehen muss, wie abhängig viele Geschäftsbereiche - und in Folge viele Menschen - von Werbung sind. Nach Regulation zu verlangen macht es notwendig, eine scharfe Trennung zwischen Information und Werbung zu ziehen. Werbung sind eben nicht nur irreführende Versprechungen, sie kann genauso das Apothekenschild sein, das mir hilft mich zu orientieren oder der Flyer der Band, die auf ihr Konzert aufmerksam machen will. Oder der Hinweis der örtlichen Restaurants, welche über Weihnachten wann geöffnet haben ... alles Werbung! Aber nicht notwendigerweise irreführend - natürlich positiv-wertend. Will ich Interesse für eines meiner Konzerte wecken werde ich sicher nicht die negativsten Abschnitte aus Rezensionen früherer Auftritte wählen!
Werbung wie die auf Facebook unterscheidet sich von Werbung, die wir gewöhnlich dulden würden dadurch, dass sie nicht notwendigerweise als solche gekennzeichnet ist. Sie hat keinen Informationsgehalt, sondern verbreitet tatsächlich irreführende Versprechungen (Die berühmte Zahnarztfrau, Autowerbung ....). OCEAN als Basis zu verwenden, wen man wie erreicht ist letzten Endes eine Verfeinerung bekannter Methoden, die - und nun kommen Facebook als Dealer ins Gespräch - aufgrund der Sammelungen der Datenkraken sehr fein die Zielgruppen und Botschaften abstimmen, mit denen diese Zielgruppen angesprochen werden können. Das findet nicht nur auf den Plattformen selbst statt sondern mit den von uns gesammelten Daten wird gehandelt. Die Masse bedeutet hier zunächst einmal einfach, dass man beeindruckt wird von der grossen Zahl. So um die 2 Milliarden Profile - Plus all dem, was über die Buttons abgesaugt wird. Da kommt einiges zusammen. Unter anderem auch Messfehler. Denn während beispielsweise im aufgeklärten Mitteleuropa eine schwule Partnerschaft tendenziell positiv bewertet werden könnte sieht die Situation im amerikanischen Mittelwesten wahrscheinlich anders aus. (Natürlich hinkt das Beispiel - es soll nur das Problem illustrieren, innerhalb der Datenmasse die Bezugsgrössen jeweils fein genug zu kalibrieren). Recht unterhaltsam über die sich ergebenden Probleme schreibt übrigens Trevanian bereits Ende der 70er Jahre in seinem - nennen wir es mal Thriller - "Shibumi", wenn er von dem Supercomputer der Muttergesellschaft ("big thought") spricht. Dass sie nicht unrealistisch sind zeigt das im Link beschriebene Problem mit der Farbkodierung von Terroristen. Um das System intuitiver zu machen werden auf dem Computer der Muttergesellschaft linke Terroristen rot markiert, IRA Kämpfer grün etc - in dieser Logik wurden dann Black Panther-Aktivisten schwarz dargestellt. Schwarze Schrift auf schwarzem Grund ist allerdings schwer lesbar und in Folge blieben die Aktionen der Black Panther-Aktivisten monatelang nicht beobachtet.


Gleichzeitig stört uns die Vorstellung, manipuliert zu werden. Wir erliegen zu gerne dem Irrglauben, wir seien werberesistent. Das ist allerdings niemand - Wie man Werbung sinnvoll regulieren könnte muss ich mir allerdings erst noch überlegen. (ich habe den Eindruck, so schnell gehen mir hier nicht die Themen aus)