lautenist

Garten und Kulturzeit auf 3Sat

Momentan bin ich viel unterwegs für meine Mutter, die nach einem Schlaganfall an den Rollstuhl gefesselt ist. Dabei lerne ich die deutsche Bürokratie auf unangenehme Weise kennen. Als Beispiel kann ich den heutigen Spaß nennen: Meine Mutter hat einen Termin beim Arzt. Um dahin zu kommen ist sie auf einen Transport angewiesen. Dafür braucht man einen Transportschein, der vom Arzt ausgestellt wird — soweit okay. Nun will die Krankenkasse aber den Transportschein vorab sehen, um ihn zu genehmigen. Tja — nur wie nur soll meine Mutter den der Krankenkasse zur Vorlage bringen. Meine Idee war, einen Transportschein zum Transport des Transportscheins zur Genehmigung an die Krankenkasse anzufordern. Und für die Genehmigung desselben braucht man, um ihn vorzulegen natürlich wieder einen Transportschein (ad infinitum ...)
Das ist ermüdend, da war diese Woche der Garten willkommen — für größere Touren mit dem Roller war keine Zeit (und auch nicht das Wetter). Ich hoffe, bald wieder auf Tour gehen zu können — Pläne sind vorhanden! Die Mehrtagestouren habe ich aber zunächst noch gestrichen. 

Meine Wildwiese jedenfalls ist ein schier unermesslicher Fundus an Fotomotiven und eine große Freude


Bevor ich wegen des gesprochenen Gender-I die Sendung verlassen hatte, habe ich eine Reportage auf Kulturzeit geschaut, die mich auf einen Gedanken brachte, was an modernen Feministinnen auch noch schädlich ist.
Die Reportage ging um den Anstieg der häuslichen Gewalt in Mexiko und das Fehlen juristischer Verfolgung. Besonderes Gewicht wurde darauf gelegt, daß in Zeiten von Corona Fluchtmöglichkeiten in Form von Frauenhäusern fehlen würden. 

An dem Bericht hat mich gestört, daß nichts zur Einordnung der Gewalt gebracht wurde — Mexiko ist schließlich auch bekannt als Hort von Bandenkriegen und Gewalt im Umfeld von Drogenproduktion und -handel. Auch findet ein reger Menschenhandel in Richtung USA statt, wo Mexiko Station ist. Da hätte mich doch interessiert, wie sich die Femizid bezeichneten Morde an Frauen dort einordnen. 10 ermordete Frauen täglich, ein Drittel davon als "Femizid" eingestuft, in diesem Zusammenhang als Mord einer Frau, weil sie eine Frau ist. Davon abgesehen, daß mir der Begriff arg schwammig bestimmt und wie ein weiteres Buzzword vorkommt, um ein Thema zu erfinden, welches es ansonsten nicht gäbe, gibt es natürlich immer noch gesellschaftliche Elemente wie Machismo und Ehrenmorde, die grade, wenn sie dazu führen, juristische Handhabung zu unterbinden, problematisch sind.
Es ist ein schmaler Grad zwischen "bei uns sind Frauen/Männer nun mal so" und unserem westlichen Beharren auf unserem aus unserer Kultur heraus entwickelten Rechtsverständnis und allgemein akzeptierten Menschenrechten, wie sie fast alle Nationen in der Menschenrechtserklärung der UNO anerkannt haben. Allerdings ist diese Erklärung nicht bindend und alleine das Folterverbot würde die USA bereits ausschließen (die haben den Menschenrechtsrat allerdings 2018 verlassen), so daß fast alle Aussagen, inklusive derer zu Gleichberechtigung, Diskriminierung und Todesstrafe unter dem Verdacht des Kulturimperialismus stehen könnten. Die Morde in Mexiko müssen wir darum aus dem Land heraus verstehen, welches eine einerseits immer noch stark patriarchalisch organisiert ist, aber andererseits die westliche, gleichberechtigte Moderne Einzug gehalten hat. Natürlich ist auch der amerikanische Post-Feminismus nach Mexiko übergeschwappt. Das könnte alles einen Geschlechterkonflikt konstruieren oder verschärfen. Platt gesagt dazu führen, daß Polizei und Justiz bei häuslicher Gewalt und Morden wegschauen, weil sie aus ihrem kulturellen Verständnis heraus finden, das sei entschuldbares Handeln oder im Umfeld von Drogen- und Bandenkriminalität ein vernachlässigbares Problem. Das läßt sich von hier nicht entscheiden. Nicht anhand des Berichts in der Kulturzeit.
Der Bericht hat mich also wegen seines kaum vorhandenen Informationswertes geärgert. 

Als positiv empfand ich aber den Gedanken, der mir beim Gedanken an tatsächlich vorhandene Gewalt kam:

Moderner Feminismus lenkt den Blick auf die, die sich als Opfer fühlen statt auf die, die tatsächlich Opfer sind.

Ob das in Mexiko der Fall ist kann ich nicht sagen. Es gibt eine große Anzahl getöteter Frauen, ca. 3.800 im Jahr 2019. Nehmen wir die Gesamtzahl der Morde von 35.000  (zum Vergleich: In Deutschland waren es 245, davon 135 Frauen, soweit ich recherchieren konnte, USA ca. 17.000). Das könnte meiner oben geäußerten Vermutung Plausibilität geben, beim Vergleich zu Deutschland muß man mitdenken, daß Mexiko etwa 50% mehr Einwohner hat. Das spielt bei der gigantischen Anzahl an Morden aber kaum eine Rolle. 

Nun möchte ich natürlich nicht die Morde an Frauen relativieren. Das ist sicher ein Problem, das man darstellen kann. Und sicher sollte Mexiko Gewalt gegen Frauen ernst nehmen. Angesichts der Zahlen sehe ich aber auch, daß die generell ein Gewaltproblem dort haben. 

Durch die feministische Brille wird also auch dieses Problem konstruiert. Tatsächlich würde man es wohl besser als Teilproblem des großen Problems "Gewalt" betrachten. Hierdurch lenkt der Feministische Blick die Aufmerksamkeit ab vom wirklichen Problem hin zu einem Detail. Sagen wir mal "In einer Gesellschaft mit derart vielen Morden besteht offenbar grundlegender Reformbedarf"  

Die Kulturzeit auf 3Sat fand ich immer interessant wegen des ein bißchen anderen Blicks. Doch Gegender (nichts gegen gelegentliche Frauenthemen! Aber inzwischen reduziert sich das feministische Berichterstattung auf BILD-Niveau, also Kampagne) und eine stark nachlassende Qualität der Beiträge enttäuschen mich zunehmen. 


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