July 11th, 2012

Thomas

Marktkonforme Freundschaft

In den Blogs, die ich regelmässig lese wird „der Markt“ (oder auch „die Märkte“)  gerne als neuer Leviathan gezeichnet.
Leviathan steht seit Thomas Hobbes gleichnamigem Werk für einen angebeteten übermächtigen, alles richtenden, gottgleichen Dämon. Diese Beurteilung kann ich nur teilen. Besonders finde ich es schade, dass diese ökonomisch gefärbte Denkweise sich auch im Privatleben einnistet.

Tatsächlich scheint die Ökonomie sehr viel zu erklären. Doch in mir regt sich der Verdacht, dass es sich dabei um eine Art selbsterfüllende Prophezeiung handelt. Wenn wir unsere Gesellschaft „marktkonform“ gestalten wird sie früher oder später die Gesetzmässigkeiten des Marktes wiederspiegeln. Doch wollen wir eine solche Gesellschaft? Grade konservative Kreise könnten doch auch andere Werte in den Vordergrund stellen, zum Beispiel Traditionen und Werte wie Soziale Verantwortung, die dem Kosten-Nutzen Gedanken nicht entsprechen. Tatsächlich scheint es mir so, dass, nachdem der versprochene materielle Wohlstand immer weniger realisiert wird, sich Widerstand regt und immer mehr Menschen sich auf andere Werte besinnen. Hier verbirgt sich auch Konfliktpotential: das Migrationsthema ist eines davon. Dem ökonomischen Nutzen der Migration wird eine diffuse „Leitkultur“ gegenübergestellt, der Bereicherung durch neue ökonomische und kulturelle Angebote wird eine genauso diffuse „Überfremdung“ gegenübergestellt. Kritiker dieser nationalistischen Sicht argumentieren dagegen mit „liberaler Tradition“. Argumentativ ist das ein Chaos!
Mir erscheint die ganze Diskussion um „marktkonforme Demokratie“ paradox. In letzter Konsequenz bedeutet sie, ganz marktwirtschaftlich betrachtet, dass uns als Bürgern diese Gesellschaftsgestaltung nicht mehr nutzt und wir sie deswegen über Bord werfen können (und auch sollten) – und uns stattdessen ein anderes Paradigma suchen, an dem wir die Gestaltung unserer Gesellschaft orientieren. Dazu aber sicher ein anderes Mal mehr.

Mir geht es heute um die persönliche Einstellung, um dieses Denken im „Was bringt mir das?“.
Skandalös fand ich damals, als in einem Gespräch im Verwandtenkreis sogar Partnerschaften auf diese Ebene heruntergebrochen wurden. „Diese Frau war das Beste, was er erreichen konnte“ – mit Blick auf Aussehen und gesellschaftliche Reputation des Paares. Da sträuben sich mir die Nackenhaare! Der scheinbar boomende Partnervermittlungsmarkt bedient sich wohl ähnlicher Mittel. Ich habe mir das mal angeschaut und war entsetzt, wie billig und banal das abläuft. Ich fühlte mich an „Herzblatt“-Sendungen (gibt’s die Sendung noch?) erinnert, in denen ein Kandidat möglichen Partnern Fragen stellte, die von diesen versucht wurde, möglichst witzig zu beantworten. Was dort ein Spiel mit der Flirterei war soll heute Basis für Partnerschaften sein? Bloss nicht in die Tiefe gehen! Im Prinzip kann man die möglichen Pärchen vorab nach Aussehen, sozialem Status und Vorlieben sortieren und zuordnen – Unterhält man sich noch gut mit dem jeweils anderen? Perfekt! Angebot trifft Nachfrage.
Freundschaften werden heute auch nach dem Nutzen geschlossen, den man aus dem jeweils anderen zieht. Ich erinnere mich an die Cliquen meiner Jugend, wo es schlicht selbstverständlich war, etwas zusammen zu unternehmen. Das war Bereicherung, da immer auch mal etwas Neues dabei war und Sachen, die man sonst nicht kennengelernt hätte. Heute wird offenbar nur noch in die Filme gegangen, die man selbst mag. Damit man nicht alleine geht nimmt man den entsprechenden „Freund“ mit, der die gleichen Filme mag. Nicht mehr, dass man einfach mal mit ins Theater geht, weil der Freund eben hingeht. Und manchmal, meiner Erfahrung nach sogar oft, lässt man sich anstecken und hat etwas neues kennengelernt, was einem gefällt.

Nicht, dass es das heute nicht mehr gibt! Aber meine Beobachtung sagt mir, dass es weniger wird. Hin zu diesem „marktkonformen Verhalten“, das dann auch noch „Individualität“ genannt wird. Tatsächlich führt das eher in eine eigene Art der Vereinsamung. Aber halt! Dafür hat man ja seinen „Kummerkasten-Freund“! Doch mal ehrlich: Das ist eine andere Art Freundschaft als wenn man sich mit jemandem schon oft und intensiv ausgetauscht hat, von der Zuneigung weiss, die der Freund empfindet, obwohl er einen sehr gut kennt. Im Facebook-Zeitalter wird stattdessen „gefriended“ und „entfriended“ – oft ganz nach Belieben. „Oh – da habe ich Mist gebaut. Peinlichpeinlich!“ und um der Peinlichkeit zu entgehen „entfriended“ man den Betreffenden eben auf Facebook, weicht persönlichen Kontakten aus und hofft, so der Peinlichkeit zu entgehen. Was auf Facebook noch funktionieren mag wird im RL (echten Leben) dann leicht zur Farce. Nichtsdestotrotz wird es gemacht.
Doch wie sollte man sich in einem solchen Umfeld verhalten?
Ich denke, „nicht mitspielen“ ist oft eine gute Sache – und zeugt von mehr Individualität als dem Trend zu folgen. Und letzten Endes fühlt man sich selbst auch besser, wenn man Menschen nicht in Schubladen legt und je nachdem, was sie einem grade bringen die Schublade aufmacht oder geschlossen hält. Auch wenn man gerne für „naiv“ gehalten wird, wenn man trotz gemachter schlechter Erfahrungen noch zu jemandem steht. Wenn also kein Nutzen ersichtlich ist.
Immerhin gilt auch noch Schopenhauers Diktum „Vergeben und vergessen heißt, gemachte kostbare Erfahrungen zum Fenster hinauswerfen