May 25th, 2012

Thomas

Das Kürzel ESC steht auch für die Escape-Taste bei Computern!

Zum grand prix de l'eurovision de la chanson   (heute Eurovision Song Contest – ESC)

Ein Liederwettbewerb soll heute also sein, was vormals ein Grosser Preis war.
Dienstag und gestern (Donnerstag) waren die Halbfinale in diesem, vom österreichischen Moderator mit allerlei Analogien zur Fussballeuropameisterschaft versehenen, Wettbewerb. Vormals Formel 1, heute Fussballeuropameisterschaft. Wenn das nicht schon die Richtung vorgibt!

Eigentlich hatte ich mir die erste Halbfinalsendung nur angeschaut, um zu sehen, wie der Schweizer Beitrag wohl abschneiden würde. Schon seit Jahren glänzen die Beiträge bei dieser Europameisterschaft der Lieder für meinen Geschmack weder durch Qualität, sondern es hat sich eine eigene Tradition etabliert, die voll auf die Darbietung setzt, welche entweder skurril sein soll oder ein gerüttet Mass an Fleischbeschau bieten sollte, um den Erwartungen des Publikums zu entsprechen. Der dargebotene Song dient dabei nur als Vehikel, um die Show zu unterstützen (statt umgekehrt, wie man es angesichts der Tatsache, dass es sich um einen Liederwettberwerb handelt, erwarten sollte).
So war auch allzu klar, dass wir beim Anschauen dieser Parodie eines Musikwettbewerbs vor allem lästerten. Fast schon peinlich ist mir dabei, dass es mir riesigen Spass machte, über „Künstler“ herzuziehen, wo ich doch ansonsten versuche, für jeden, der sich kreativ betätigt zumindest Respekt zu zeigen. Doch auch hier hat sich wohl eine eigene Tradition des schlechten Geschmacks entwickelt, denn ich bin keinesfalls der Einzige, der die Beiträge grottenschlecht fand und dessen einzige Motivation, sich diese Show der Nulpen anzutun in dem Vergnügen am Lästern bestand.

Die Vermutung allerdings, dass durch die Reichweite der Show und den gigantischen Aufwand, der für sie betrieben wird im Verhältnis zur dargebotenen Qualität die Musikkreativen generell der Lächerlichkeit preisgegeben werden empfinde ich als schädlichen Nebeneffekt der an sich begrüssenswerten Idee einer supranationalen Musikshow.
Warum werden die Kreativen der Musikwelt der Lächerlichkeit preisgegeben? Der Ansatz eines Musikwettbewerbs und die Form mit nationalen Vorentscheiden, in denen sich Kandidaten dem Publikum stellen impliziert, „die Besten“ würden zum Wettbewerb geschickt. Für jede Nation, die sich beteiligt wäre es allerdings eine Schande, wenn die nationalen Teilnehmer tatsächlich „das Beste“ wären, was ihre Pop-Kultur zu bieten hätte. Tatsächlich beteiligen sich vor allem strebsame unbekannte Sänger, die sich von diesem Wettbewerb  eine internationale Plattform versprechen – wie verzweifelt muss man sein, wenn man als Künstler weiss, dass man sich vor allem der Lächerlichkeit preisgibt und dennoch diesen Weg wählt, um einmal auf einer internationalen Bühne aufzutreten? Dementsprechend sind die zu erwarteten Kandidaten.

Das Kürzel ESC steht auch für die Escape-Taste bei Computern!

Hier in der Schweiz kommt alljährlich nach dem unvermeidlichen Scheitern des Schweizer Kandidaten die Frage auf, ob sich die Schweiz an diesem Wettbewerb überhaupt beteiligen soll. Im Kern ist das meistgenannte Argument für ein Aussteigen die Erfolglosigkeit des jeweiligen Schweizer Kandidaten. Dieses Argument finde ich nicht haltbar. Wenn der Beitrag gut war kann „die Schweiz“ dazu stehen und stolz darauf sein. Wettbewerbe im Musikbereich bergen immer das Risiko, dass ein guter Beitrag nicht gewürdigt wird sondern Geschmacksfragen (Hörgewohnheiten) entscheiden.
Was sich aus diesem Argument wohl vor allem herauskristallisieren lässt ist der Zweifel an der Qualität der eigenen Wahl.
Unter den gegebenen (europaweiten) Umständen dürfte sich aber niemand „Gutes“ finden lassen, der sich zur Wahl steht, die Schweiz bei dieser Show der Peinlichkeiten zu vertreten.
Darum würde ich dem SRF empfehlen, sich nicht mehr zu beteiligen und zu hoffen, dass andere Länder folgen werden. Anders wird sich keine Änderung ergeben und die an sich begrüssenswerte Idee einer europaweiten Musikshow zumindest zu retten sein.

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