June 11th, 2010

Thomas

Mein Leben in der Anstalt, Erklärungsversuche

wer im Berufsleben steht ist einer eigenen Art psychischen Drucks ausgesetzt, der sich hier und da entladen muss. Der eine wird aggressiv, der andere beginnt einen Blog. Ich habe mich zu letzterem entschieden, vielleicht auch, weil keine Frau und keine Kinder zuhause auf mich warten.

Die Situation hier in der Anstalt (war meine Firma wirklich mal, doch inzwischen ist sie, dem internationalen Privatisierungswahnsinn folgend, eine Aktiengesellschaft) gleicht durch die Unfähigkeit und den Zynismus der Führungskräfte und dem Sarkasmus der normalen Mitarbeitenden einem "best of" der komprimierten absurden und lustigen Momente aus 25 Jahre Berufsleben.
So hoffe ich, den geneigten Lesern unterhaltenden Lesestoff zu bieten und insbesondere denjenigen, die den Gang in die Teilzeitsklaverei noch vor sich haben einen lebendigen Einblick ins Berufsleben zu gewähren

Ich verspreche, mein Leben in der Anstalt so wahrheitsgetreu wie es geht zu beschreiben - und berufe mich zu meinem Schutz auf die Satirefreiheit. Auch wenn es sich um Realsatire handelt.

In den ersten Folgen werde ich den Rahmen der derzeitigen Personalpolitik beschreiben. Auch die Anstalt folgt dem Wahn, Mitarbeiter zu enlassen, um Kosten zu sparen - das Mitarbeiter offenbar nichts erwirtschaften, sondern in erster Linie Kosten verursachen erscheint den heutigen Managern mit dem Mensafutter eingetrichtert worden zu sein. Logischerweise ist ein Firma ohne Mitarbeiter die am effektivsten arbeitende Wirtschaftseinheit. (100 Franken Gewinn, die von einem Mitarbeiter erwirtschaftet werden sind pro Mitarbeiter gerechnet mehr als 300 Franken von 5 Mitarbeitern. Ausserdem kostet ein Mitarbeiter im Wirtschaftsschnitt von 100 Franken etwa 15 Franken, so dass sich bei den 300 Franken, de 5 Mitarbeiter erwirtschaften ein Anteil von 75 Franken ergäbe. Keine Einwände! Ich weiss, dass diese Argumentation schwachsinnig ist, aber sage das einer Managern!)
In dieser Firma wird das Programm, Mitarbeiter zu entlassen, um den inzwischen selbst an den Finanzmärkten nicht mehr geltenden Reflex auf Entlassungen mit einem Anstieg des Börsenkurses zu reagieren  (die interne Propaganda spricht nicht nur von zu entlassenden Mitarbeiterm - auch die Anschaffung wasserloser Urinale wurde als Bestandteil des Programms gefeiert) "Milestone" genannt.
Dummerweise nutzt sich selbst ein pawlow'scher Reflex nach einigen Jahren ab und die Finanzmärkte reagierten auf die Entlassungswelle nicht in der erwarteten Art und Weise, sondern durchschauten das Spiel. Die Aktienkurse purzelten nach unten. Dem Drittel Mitarbeitende in der IT der Anstalt, die diesem Spielchen geopfert wurden half das natürlich nicht mehr.
In typischer Managerlogik wurde anschliessend analysiert, die Sparanstrengungen (Euphemistisch im managerdeutsch für eine Reihe von Massnahmen zur Sanktionierung ihrer Mitarbeiter von Gehaltskürzungen bis hin zu Entlassungen)  gingen noch nicht weit genug und es wurden neue Wege zum Sparen gesucht. Wie angesichts des limitierten Intellekts und der Fantasielosigkeit der neuen Managergeneration kaum anders zu erwarten kam man selbst auf keine Lösung - bzw. war zu feige, diese Lösung zu formulieren und holte sich die Alibi-Fachleute von Unternehmsberatern ins Haus, deren Analyse ein durchschnittlich begabter Hauptschüler nach dem 2.Lehrjahr fertigbrächte  (wovon 1,5 Jahre daraus bestanden, ansprechende Powerpoint-Folien ohne Inhalt zu designen). Diese Analysen sind bekanntlich immer gleich und immer genauso grenzdebil. Dass ein ganzer Berufsstand davon leben kann. Entscheidungen für Leute zu treffen, die dafür bezahlt werden, Entscheidungen zu treffen ist ein Thema für sich. Ein Management, das Unternehmensberater ins Haus holt müsste wegen Unfähigkeit fristlos entlassen werden da es offenbar nicht in der Lage ist, das zu erledigen, wofür es so horrend gut entlohnt wird: Entscheidungen zu treffen. 
Ich brauche wahrscheinlich nicht zu sagen, worin die Empfehlungen dieser Unternehmensberatungen bestanden.
Okay - natürlich waren Entlassungen angesagt, doch diemal sollte es maximal werden ... aber ich greife vor!

dies als erster Einstieg, um den Rahmen meines Lebens in der Anstalt zu beschreiben.