lautenist

Frauen und Kinder zuerst!, Lanz und gibt es die Revolution?

Wer wird nun gerettet? Alle rufen sie nach Hilfe — manche bekommen sie, manche nicht. Daß man der Lufthansa Milliarden in den Arsch schiebt während Künstler nichts bekommen, Theater, Friseure und Kneipiers kaum ernsthaft arbeiten können drückt eine Wertigkeit aus, die mich in ihrer Lobbylastigkeit und moralischen Wertigkeit ankotzt. 

Schon alleine die Wortschöpfung systemrelevant zu Beginn des Notstandes ist übelst diskriminierend — der Versuch, einen Begriff ungleich einem Anglizismus (Lockdown) oder des Begriffs der Krise (wer oder was ist hat die Krise? das wäre natürlich auch entlarvend, denn benannt wird sie nach dem Verursacher, üblich würde man aber den Betroffenen nennen. Und das wären wohl das Gesundheitssystem oder die Bevölkerung) ist schwierig. Die Maßnahmen gründen wohl auf dem Notstandsbegriff


Gestern bei Lanz der Onkel der SPD, Ralf Stegner, seines Zeichens Fraktionsvorsitzender seiner Partei in Schleswig-Holstein, machte deutlich, warum ich wohl zeitlebens keine SPD mehr wählen werde. Über die olle Sozialneidmasche versuchen, Punkte zu sammeln zieht nicht mehr und wer jetzt noch vom Sparen und "wie sollen wir das bezahlen?"  spricht zeigt deutlich, daß er absolut nichts verstanden hat. Passend wurde er auch vom Stelter zerlegt, der einfach nur aufzählen muß, was bislang schon passiert ist. Es bleibt gar kein anderer Weg mehr, als die Gelddruckerei weiter zu betreiben und die Schulden über die nächsten paar Hundert Jahre zu verteilen. Mich nervt besonders der Griff der SPD auf das Ersparte der kleinen Leute in der Hoffnung, die würden nicht merken, daß es genau um sie geht. Gerechter wird dadurch nichts, aber auch gar nichts. Die meisten "Vermögenden" in Deutschland haben sich 30, 40 Jahre ein Häuschen abgespart, keinen Urlaub gegönnt, kein dickes Auto, damit sie es im Alter schön haben und nun will so ein Schwachmat von Sozis denen den Wert des Häuschens (und Grundstücks) versteuern. Das sollen die dann vom 500 Euro Rente bezahlen oder wie?
Die Ungerechtigkeit sollte doch grade Sozis auffallen.

Daß Verdienste ungerecht besteuert werden, ist dagegen eine ganz andere Kiste. Und wir sollten inzwischen gelernt haben, daß die Entgeltfindung daneben ist. All die Klatscher können nun ein wenig mehr tun und dafür sorgen, daß die Top-Manager nicht 20 oder 30.000 Euro (oder auch noch viel mehr — pro Monat) bekommen, sondern man die Schere mal wieder etwas schließt. Das ist  eine anspruchsvolle Aufgaben für Gewerkschaften und Politik. Denn es kann gesellschaftlich kaum wünschenswert sein, die sozialen Unterschiede immer weiter zu verschärfen — aber die Unternehmen tun das seit Jahren und die Politik fördert das sogar. Wie erinnern uns an FDP und CDU: "Leistung soll sich wieder lohnen" — 

genau das war damit gemeint. Diese Umverteilung von unten nach oben, diese ständige Verarmung (wenn auch auf hohem Niveau, noch) muß doch irgendwann mal gebremst werden, besser noch umgekehrt. 

Was absolute Binsenweisheit ist, aber aus unerfindlichen Gründen so unendlich schwierig umzusetzen ist 

Der Betrag der verrichteten Arbeit W entspricht dem Betrag ΔE, um den sich die Energie eines Systems bei einem Vorgang verändert. Allgemein gilt für die Arbeit W=Enachher−Evorher. Wenn eine konstante Kraft mit dem Betrag Fs längs eines Weges s wirkt, so wird die Arbeit W=Fs⋅s verrichtet.

Leistung ist Arbeit pro Zeit

Das hat nichts mit Wertschätzung zu tun.

Dagegen

Die Personalentlohnung ist eine der Grundfunktionen des Personalwesens, die sich mit der Bereitstellung geldlicher Leistungen des Unternehmens an seine Arbeitnehmer in Form des Arbeitsentgelts auseinandersetzt. ... Als Instrument im betrieblichen Anreizsystem nimmt die Personalentlohnung eine zentrale Rolle ein.

(Zitate aus der Wiki)

Generell ist es recht einfach. Einfach genug, daß es sogar ein Jens Spahn verstehen könnte: Du bekommst kein Personal, weil Du die Leute nicht anständig bezahlst. Art der Tätigkeit und die in Geld ausgedrückte Wertschätzung passen nicht. Fertig. Zahle mehr und das sicher, biete eine Perspektive und Du wirst Anreize schaffen, in der Pflege zu arbeiten.  

Als Staat befindet man sich als Arbeitgeber in Konkurrenz zu privaten Anbietern. Wenn die mehr bieten mußt Du entweder nachziehen oder die Bedingungen verbessern. Der olle Kaiser bot Beamtenstatus und Pension — heute bietet der Staat immer schlechtere Bezahlung unter immer schlechteren Bedingungen. Wie reagiert Spahn darauf? Mit Rationalisierung und Privatisierung — die Särge in Bergamo und New York zeigen, wohin das führt. 

So — nun aber genug ausgekotzt über den aktuellen Zustand. Eigentlich finde ich es viel produktiver, Perspektiven zu entwickeln. Hatte ich schon Scobel verlinkt, der auf die Chancen, die sich ergeben, aufmerksam macht? 

Schon eine Woche her, aber Scobel bietet erst einmal Ansätze zum Diskurs. Zu anspruchsvoll sei der Monolog, haben mich Leute angemotzt, mit denen ich da anknüpfend diskutieren wollte.
Natürlich bin ich nicht in jedem Punkt einverstanden mit Scobel — vom Rückblick auf die Krise und das Krisenmanagement über die Fragen, die sich ergeben und auch einige Antworten. Die "Komplexität der Aufgabe" kann man als Entschuldigung für einige Elemente des Versagens hernehmen, doch muß man auch erkennen, daß viele Probleme durch Fehler in der Zeit vor der Krise verschärft wurden, in einigen Ländern zu sehr vielen Toten geführt haben, zum Beispiel Privatisierung und Tod-sparen des Gesundheitssystems.
Hier in Deutschland hat man schon viel vertan indem man so tut, als gäbe es ein "zurück zur Normalität" und tatsächlich kümmern sich die Leute um den Biergarten und die Ferien mehr als um den Rest. Daß die zwei Monate und die Reaktion darauf eine solche Rückkehr unmöglich mache und der Versuch mit extremer Armut bezahlt werden müßte - das wird verschwiegen.
Gleichzeitig sehen wir globale Verwerfungen. Die USA verschwinden als Weltmacht - wie sich der Staat in der Agonie verhalten wird ist schwer abzuschätzen. Dafür tritt China nun offensiv als Weltmacht in Erscheinung. Europa igelt sich ein und hofft, nach dem Gewitter sei wieder Sonnenschein. Aufwachen tun sie aber und stellen fest, daß Europa inzwischen China gehört. Schaut genau nach Hongkong! Das könnte Europa ähnlich bevorstehen. Russland geht vor die Hunde. Auch eine besorgniserregende Situation. Afrika und Südamerika? Noch ist dort noch nicht der Fuchtgedanke angekommen. Aber Klima, Corona und die allgemeine Lebenswirklichkeit könnten die Idee keimen lassen, es an einem anderen Ort zu versuchen ...
Scobel beschreibt Chancen, wie man den Wandel positiv gestalten könnte. Werden sie nicht ergriffen und träumt man (um das "wir" zu vermeiden) weiter von Normalität wird es auf jeden Fall schlimm. Ob man das berechtigt "Aufklärung 4.0" oder "Revolution" nennen kann weiß ich nicht. Die gesellschaftliche Umwälzung sehe ich (noch) nicht. Die wird sich vor allem aus dem Konflikt ergeben, wie der sich abzeichnende Konflikt der niedergehenden USA gegen die Welt, sowie Chinas und der dritten Welt Reaktion darauf sich gestalten werden. Was wir diskutieren können sind ethische und staats- und sozialphilosophische Elemente einer Welt, die die bekannten Probleme lösen könnte. Vorteilhaft an einer solchen Diskussion wäre, daß sie zwingend eine Kontrolle der großen Mächte USA, Chinas und auch der EU beinhalten müßte — sowohl militärisch als auch ökologisch und ökonomisch. Die Idee, Informationstechnologie würde eine wesentliche Veränderung herbeiführen, halte ich für übertrieben. Es geht bei der Digitalisierung grundlegend und im Wesentlichen um Rationalisierungen, die natürlich auch gesellschaftliche Änderungen nahelegen (s. "Die Weber").
Scobel verrennt sich, finde ich, wenn er die Komplexität der Gesellschaft betont, in der wir leben. Komplexe Systeme neigen zur Entropie — Corona bietet die Chance, hier neu ordnend einzugreifen. Scobel sagt, wir befänden uns in einem nicht-deterministischen System, also einem System, welches sich nicht vorhersagbar verhält, da a nicht zwingend b folgt. Dabei spricht er wortreich aus, was in der Wissenschaft schon übliches Fundament ist: Signifikanz (also Wahrscheinlichkeit des Eintretens) und Falsifizierbarkeit (also wissenschaftliche Erkenntnisse so zu formulieren, daß sie prinzipiell widerlegbar sind) sind die wertvollen Methoden, die anwendbar sind, um Determinismus nicht voraussetzen zu müssen. Das Verhalten des aktuellen Systems kann uns bei einer Ist-Analyse helfen, bei einer Bestandsaufnahme, sollte aber nicht Grundlage der Gestaltung eines neuen oder zumindest verbesserten Rahmens sein, den wir basteln.


Wenn Scobel im Schluß von einer Corona-Krise spricht benutzt er einen Terminus, den ich persönlich nicht mag, da das Virus Anstoß einer Ereigniskette war, die teilweise sehr wohl deterministisch war. Alles folgte logisch aufeinander. Und vieles hätte man vorher wissen können. Recht hat er natürlich damit, daß die Vorstellung von verlässlichen Prognosen sehr heikel ist und sich das auch in der aktuellen Lage gezeigt hat. Das kann man als Binse an die Politiker weitergeben, die sie aber in dem allgegenwärtigen Drang, Verantwortung abzuschieben, ignorieren wird oder neue Wege suchen wird, Probleme zu entsorgen statt Verantwortung zu übernehmen. Problematisch schon der Begriff systemrelevant, der eine unangemessene Wertigkeit impliziert. Tatsächlich könnten wir doch gelernt haben, daß es diese Wertigkeit ist, die vollkommen inkongruent und inkonsistent ist. Früher gab es den Begriff hoheitliche Aufgabe — und Leute, die in diesen Bereichen arbeiteten, wurden durch Status und Privilegien honoriert. Relevant ist dagegen jeder Beruf — sonst bräuchte man ihn nicht. Und System Deutschland — naja: ernsthaft? Problematisch ist in diesem Zusammenhang das gesamte Gebiet der Privatisierung ehedem staatlicher Aufgaben. Dabei möchte ich den Kulturbetrieb noch einmal ganz besonders hervorheben. Auch wenn man derzeit den Eindruck hat, es ginge nur um Ferien in der Sonne und den Biergarten: Kultur ist es, was unser Land ausmacht! Und die Bildung! Ich könnte kotzen, wenn ich mir vor Augen halte, daß ein Banker bestimmt, was mein Kind lernen soll. Diese ganze Ausrichtung von Bildung auf wirtschaftlich Verwertbarkeit. Wollen wir unsere Kinder zu Menschen erzogen wissen, die sich eine eigene kritische Meinung bilden können oder zu Menschen, die möglichst viel Kohle beim Sesselpfurzen machen?

tl;dr: Was nun spannend ist wäre ein Diskurs über dringend notwendige Änderungen an dem Rahmen, der Verfasstheit unserer Gesellschaft. Sonst kommen wir wieder zurück zu den neoliberalen Schwachmaten und einer Austeritätspolitik, die angesichts der in den letzten 2 Monate getätigten oder versprochenen Ausgaben zur Verelendung führen muß (s.o.). Wie wollen wir in Zukunft wirtschaften? ist aber nur eine der Fragen, die sich dringend stellen. 

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