lautenist

Geduld, nur Geduld

Wie ich ja schon erwähnt habe ist meine Mutter wieder aus der Reha nachhause gekommen. Da ich irgendwarum eine der Fachkräfte bin, die der Arbeitsmarkt vorgibt dringend zu brauchen, aber doch bitte nicht in meiner Person erledige ich einige Aufgaben und Gänge, die meine nun an den Rollstuhl gefesselte Mutter nicht erledigen kann. Dabei ist mir allgemein aufgefallen, wie duldsam diese Generation ist. Wenn ich bei einem Arzt über eine Stunde warte, damit er ein Gerät ausliest, weise mit dem Kopf nickt und mir dann einige Anweisungen mitgibt und einen neuen Termin ist das wohl für die Generation vollkommen normal, aber ich könnte an die Decke gehen. Die Generation meiner Mutter macht Respekt noch an Förmlichkeiten fest: Ein Arzt beispielsweise ist eine Respektperson — daß ich mit meinem Arzt in der Schweiz per-Du war und einen lockeren Umgang pflegte kommentierte sie mit "Wie soll man da vor ihm Respekt haben?" — was ich nicht verstand, denn Respekt ist für mich etwas, was man sich verdient. Wobei es einen Sockel gibt, den ich prinzipiell jedem entgegen bringe. Das ist für mich ein wesentlicher Bestandteil von Höflichkeit. Aber ein Arzt oder Pfarrer oder ... verdient der wirklich qua Amt meinen Respekt? 

Ich fand es immer lustig, wie sich bei den Älteren die Stimme ändert, wenn sie mit einer "Respektperson" sprechen. Das Hessisch verschwindet und man ist gradezu unterwürfig. War oder bin ich auch so? Ich hoffe nicht. Was mir aber aufgefallen ist ist, daß ich die Wartezeit beim Arzt kommentarlos erduldet habe. Ginge es um mich wäre ich wahrscheinlich plötzlich genesen — auf den Versuch, mich zu etwas zu zwingen reagiere ich im Allgemeinen sehr allergisch.
Auch eben bei der Postbank wieder — um unnötige Sozialkontakte zu vermeiden habe ich es gestern außerhalb der Öffnungszeiten versucht. Geldautomat ist natürlich futsch und der SB-Bereich geschlossen. Also heute nochmal hin. Geldautomat immer noch futsch, im SB-Bereich keiner vorhanden. Ich also die Aufgaben, die mir meine Mutter aufgetragen hat, soweit möglich erledigt. Und schon geht das Gemotze los:
"Sinnse bald feddisch?"
"ich kann die Geräte auch nicht schneller machen als sie sind"
"dann erledische se des doch am Telefon"
"Sie haben mich nicht zu belehren"

— Schnappatmung.
Ich weiß, warum ich bei der Postbank kein Kunde bin. Da ich auch Geld für meine Mutter holen sollte muß ich nun noch einen funktionierenden Geldautomaten suchen. Wieviele tote Dinos wohl für diesen Quatsch endgültig gehimmelt werden? Denn das nächste Postamt, nochmal einen Ort weiter (im eigenen wurde das schon lange wegrationalisiert) muß man wohl kennen, damit man es benutzen kann. Nirgendwo war etwas angeschrieben oder die sonst allgegenwärtige Leuchtreklame sichtbar. Also erst einmal nachhause und im Internet die Adresse herausgesucht und die Karte studiert. Dabei eine Karte von der Post vorgefunden, daß ich leider nicht anzutreffen sei und mir eine Sendung bei der Post abholen soll. Oh! Diese Ironie! 

(Im Endeffekt waren es 3 Besuche in den Kolonien und 2 in der Nachbarstadt, um eine Überweisung zu tätigen, Kontoauszüge und Geld aus dem Automaten zu ziehen)

Wir sollen heutzutage ja alles managen, auch die Zeit. Damit wird natürlich auf die effektive Nutzung der Zeit gezielt, denn wir leben ja nur einmal und noch viel wichtiger: Zeit ist Geld! Vor allem, wenn es wir anderen zu Diensten sein sollen selbstverständlich. Denn dann ist verschwendete Zeit Kostenfaktor. Kommt es von diesem Wunsch, möglichst wenig Zeit zu verschwenden, daß so viel Zeit unproduktiv im Hamsterrad verbracht wird? Natürlich finde ich die Hektik, die uns auferlegt wird, verbunden mit full stopps, wenn wir auf die Leistungsträger warten müssen (Vorgesetzte oder andere, deren Zeit kostbarer als unsere ist), Unsinn. Es ist selten sinnvoll, sich eine Frist zu setzen und in die hineinzustopfen, was geht. Damit bestimmt die Zeit den Inhalt. Und darum versagt das Projektmanagement in vielen Firmen so oft. Und — so ziemlich jedem ist schon aufgefallen — die Projekte gehen dadurch auch nicht schneller, erst recht nicht besser. Es wird nur hektischer. Die Manager finden, Zeit benötige einen Rahmen — ein Rahmen grenzt etwas von etwas anderem ab, was dann aus dem Rahmen fällt. Darum wird dann auch fokussiert. Die Zeit und wie wir sie - von Geburt und Tod begrenzt — verbringen wird dort als eine lineare Abfolge von Ereignissen verstanden, abgrenzbar und in übersichtliche Häppchen aufgeteilt. Tatsächlich aber können die wenigsten von uns Ereignisse in ihrer Biographie korrekt in einer linear verstandenen Zeit einordnen. Einige Ereignisse bauen aufeinander auf — das hilft manchmal, manchmal helfen Fotos oder Dokumente. Viel passiert parallel, was wir in einem linearen Modell nicht richtig einordnen können. Doch ist es eigentlich sinnvoll, Ereignisse zeitlich zu sortieren? Ist Bedeutung nicht das besser geeignete Kriterium? Doch auch die Bedeutung kommt kaum ohne einen Zeitbegriff aus: was uns heute wichtig ist war es vielleicht früher nicht und umgekehrt. Und was ist die Bedeutung von Bedeutung

Irgendetwas könnte irgendetwas anderes sein und genauso viel Sinn haben
— ich weiß nicht, wo ich das herhabe. Es ist ein Zitat

Ich hatte mir als Thema heute Zeit und Geduld gesetzt — und lande bei der Bedeutung, die wir solchen Begriffen geben — und wie abhängig wir davon sind, mit welchem Inhalt wir diese Begriffe füllen. 

Zeit ist weder linear, wie Manager und die Kirche uns Glauben machen wollen. Wir können sie so sehen, aber es gibt auch sehr plausible andere Methoden, sich dem Wesen der Zeit zu nähern.
Unsere Erfahrung von Zeit wird von Einstein in einer Veranschaulichung der Relativitätstheorie schön beschrieben 

Wenn man zwei Stunden lang mit einem Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heißen Ofen, meint man, es wären zwei Stunden. Das ist Relativität.

Ein anderer Ansatz ist die Retrospektive

Ich habe gerochen alle Gerüche
In dieser holden Erdenküche;
Was man genießen kann in der Welt,
Das hab ich genossen wie je ein Held!
Hab Kaffee getrunken, hab Kuchen gegessen,
Hab manche schöne Puppe besessen;
Trug seidne Westen, den feinsten Frack,
Mir klingelten auch Dukaten im Sack.
Wie Gellert ritt ich auf hohem Roß;
Ich hatte ein Haus, ich hatte ein Schloß.
Ich lag auf der grünen Wiese des Glücks,
Die Sonne grüßte goldigsten Blicks;
Ein Lorbeerkranz umschloß die Stirn,
Er duftete Träume mir ins Gehirn,
Träume von Rosen und ewigem Mai -
Es ward mir so selig zu Sinne dabei,
So dämmersüchtig, so sterbefaul -
Mir flogen gebratne Tauben ins Maul,
Und Englein kamen, und aus den Taschen
Sie zogen hervor Champagnerflaschen -
Das waren Visionen, Seifenblasen -
Sie platzten - Jetzt lieg ich auf feuchtem Rasen,
Die Glieder sind mir rheumatisch gelähmt,
Und meine Seele ist tief beschämt.
Ach, jede Lust, ach, jeden Genuß
Hab ich erkauft durch herben Verdruß;
Ich ward getränkt mit Bitternissen
Und grausam von den Wanzen gebissen;
Ich ward bedrängt von schwarzen Sorgen,
Ich mußte lügen, ich mußte borgen
Bei reichen Buben und alten Vetteln -
Ich glaube sogar, ich mußte betteln.
Jetzt bin ich müd' vom Rennen und Laufen,
Jetzt will ich mich im Grabe verschnaufen.
Lebt wohl! Dort oben, ihr christlichen Brüder,
Ja, das versteht sich, dort sehn wir uns wieder.

(Heinrich Heine, Lazarus, 1851)

Und wieder ein anderer ist ein zyklischer. 

Laßt vergehn, was vergeht!
Es vergeht, um wiederzukehren,
es altert, um sich zu verjüngen,
es trennt sich, um sich inniger zu vereinigen,
es stirbt, um lebendiger zu werden.

Johann Christian Friedrich Hölderlin (1770 – 1843)

Und man kann  auch versuchen, die Zeit vollkommen außerhalb menschlicher Erfahrung/Wahrnehmung zu beschreiben. Darum halte ich den Begriff für untauglich — einen einzigen Zeitbegriff gibt es nicht. 

Kann man Zeit als eine Qualität, also als etwas nicht Quantifizierbares bezeichnen? Wenn wir einmal den Managerbegriff von Zeit außen vor lassen erscheint mir der Gedanke reizvoll.
Dann hätten wir eine kalendarische Zeit als einen mathematisch fassbaren, meßbaren Begriff und das Abstraktum der Zeit, eine Qualität wie in "das war eine schöne Zeit", wo die Dauer keine Rolle spielt, aber sehr wohl das schön

Woher kommt unsere Ungeduld? Ich denke noch etwas drüber nach, aber ich meine, der Gedanke, wir seien nur im Jetzt und müßten viel Inhalt in unser Jetzt pressen, sei bestimmend für diese Ungeduld, die häufig mit Rastlosigkeit einher geht. Naturgegeben ist das nicht: Mönche, Buddhisten und andere Menschen mit einer Einstellung, die das menschliche Leben nur als eine Epoche im Gesamten sehen, mithin die Determiniertheit ignorieren, weil sie eingebettet ist in einen Kreislauf, sind viel gelassener als der durchschnittliche Mitteleuropäer.

Ich selbst sehe das alles als gewaltige Umwälzerei an — nehmen wir als Hilfsgröße die Erhaltung der Energie. Die ist ewig. Schopenhauer hat eine Sanskritformel 

Tat-twam-asi : Das bist Du!

benutzt, welche alles als Bestandteil eines großen Organismus betrachtete. 

Ich möchte nun nicht unbedingt für den Buddhismus werben. Auch wenn ich zur Zeit ein großer Anhänger einer Weltsicht bin, die weniger auf das Individuum ausgerichtet ist. Die Gemeinschaft aller Existenz, des Multiversums gar, scheint eine spannendere Größe zu sein. Zu groß? Nicht mehr faßbar? Mag sein, aber ich bekomme in ihr die Menschheit unter ohne daß ich Mensch und Tier auseinanderdividieren muß. Nationen und Geschlechter spielen genausowenig eine Rolle wie Alter oder Gebrechen. Paßt! — übrigens auch das, was wir von alten Religionen wie dem Glauben an die Asen wissen ist in dieser Beziehung mehr mein Ding. Ich kann Wotan und Donar verehren ohne Christen auszugrenzen. Umgekehrt steht schon das erste Gebot dagegen, neben Jahwe auch andere Götter zu verehren.
Die alten Germanen hatten auch einen anderen Zeitbegriff als die christlichen Teutonen. Met an Wotans Tafel zu trinken ist etwas anderes als das Fegefeuer zu erleiden. 

Aber ein neues Verhältnis zur Zeit, zu unserer schrägen Religion, die wir nicht Religion nennen, finde ich für mich persönlich bedenkenswert.  

Viele Gründe, Geduld zu haben — aber nun muß ich schließen. Der nächste Termin steht an.


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