lautenist

Streiten

Ich habe festgestellt, daß es in Konfliktsituationen oft schwer ist abzuschätzen, ob ich mich wehren sollte oder nicht.
Also zu entscheiden, ob ich eine legitime Selbstverteidigung begehen oder meinen Gegner mit (stiller) Verachtung strafen soll. Wie immer ist man hinterher schlauer. 

Maßgabe dabei sei, daß man keinen erwachsenen Menschen erziehen kann und in Missionierung eher eine religiöse Aufgabe ist.
Wenn mir zum Beispiel ein Freund zu den derzeitigen Beschränkungen im Zusammenleben sagt "Menschen lassen sich nicht dauerhaft einsperren" ist das zunächst einmal ein Glaubenssatz, den ich anzweifeln kann oder auch nicht. Es ist eine unbstätigte Aussage, die eigentlich in dieser Allgemeingültigkeit schwer zu machen ist. Und eigentlich wird ja auch eher ein Zweifel daran geäußert, ob die Corona-bedingten Regelungen dauerhaft durchzuhalten sind. Sie sind also gar nicht so absolut gemeint, wie sie gemacht sind.
Wenn aber mein Bruder einen persönlichen Angriff auf mich startet, indem er mein Äußeres herabwürdigt ist das eine Beleidigung, gegen die ich mich legitim wehren darf. Im ersten Fall kann man ein Gespräch über die erwartete Entwicklung starten oder streiten (spontan lag mir "außer, man sperrt sie ein — das behaupten die Aluhut-Demonstranten doch"), im zweiten entweder auf den Konflikt eingehen oder es sein lassen.
Im ersten Fall habe ich mich natürlich auf ein Gespräch über die weitere Entwicklung eingelassen, im zweiten meinen Bruder ignoriert. Eigentlich gehe ich dem Jungen aus dem Weg — die Begegnung war nur zufällig, weil ich bei meiner Mutter war und er auch vorbei kam. Ich habe auch nichts gesagt, um meine Mutter zu schonen. Aber irgendwie ärgert es mich doch. Denn obwohl ein solcher Umgang wie der meines Bruders armselig ist und keine Beachtung verdient möchte ich andererseits auch den Eindruck vermeiden, als Punshing Ball benutzt werden zu können. 

Es geht mir aber natürlich nicht um mein Verhalten in dieser Situation, sondern um die Frage, was die angemessene oder "richtige" Reaktion in welcher Konfliktsituation ist. 

Wie oft habe ich mir Problemlösungen a la Tony Soprano gewünscht. Sehr effektiv ist das ja ... 

Allerdings ist nicht jeder Mafiaboss in NY und auch nicht jeder kennt einen solchen und in den seltensten Fällen ist anzuraten, denen etwas schuldig zu sein. 

Und in den meisten Fällen kommen solche Lösungen nicht ganz so gut, wenn man nicht Charakter und Hintergrund eines Tony Soprano hat.
Auch der Unsterbliche hat eine sehr deutliche, aber gesellschaftlich nicht allgemein akzeptierte Art der Problemlösung

Generell sind Konflikte nicht schlimm und gehören zum menschlichen Leben. Sie ergeben sich in aller Regel aus Konkurrenz (um Macht, ein seltenes Gut oder Rang im Rudel) und oft auch aus Geltungsdrang (wie ein Pfau nannte man das früher). Frauen putzen sich heraus, Männer spielen den Hugh Hefner, man tut groß und wenn man nichts hat zum groß tun macht man andere schlecht in der Hoffnung, selbst besser darzustehen. Im Prinzip wie in einem Rudel Wölfe, in dem die Rangordnung ausgekämpft wird. Das ist im menschlichen Wesen angelegt: je höher in der Rangordnung, desto besser das Weibchen, das man ficken darf (bei denen ist der Zickenkrieg genauso angelegt, denn auch das Weibchen versucht in der Rangordnung möglichst oben zu stehen). Trostficken gibt es nur in Hollywood — und selbst dort gilt: Esmeralda liebt Quasimodo vielleicht, aber sie läßt ihn nicht ran. Diesem Triebhaften können wir uns, grade in der Jugend, kaum verweigern. Selbst die "Trostpreise" versuchen aufzusteigen.
Kultur ist aber, dieses Schema zu erkennen und Triebkontrolle die menschliche Fähigkeit, die sie über das Tierreich stellt. Oder? 

Konflikte bedeuten aber auch Stress, weil man seinen Status, egal auf welchem Rang im Rudel verteidigen muß. Und das unterste Glied im Rudel bekommt es von allen ab und hat es auch nicht leichter. 

Von außen betrachtet erscheint das vollkommen lächerlich. Gruppendynamik verläuft nie, wie es die Wirtschaft verkauft: als Team, sondern sie besteht immer aus Konkurrenz und Konflikt. Grade darin, im Streben, das andere Gruppenmitglied auszustechen, besteht der Erfolg dieses Modells. Nicht darin, daß viele zusammenarbeiten und sich ergänzen. Dieses Modell wäre eher wissenschaftliches Arbeiten. Denn das geschieht besser in Ruhe ("Noli turbare circulos meos — störe meine Kreise nicht", sprach Archimedes zum Römer, der ihn ermordete. Und damit wird der Unterschied zwischen dem effektiven, aber zerstörerischen Lösen von Problemen im Konflikt und dem ruhigen Lösen von Problemen durch Nachdenken deutlich). 

Das Bild des einsamen Wolfes hatte mich früher angesprochen, weil man schließlich in der Regel weder ein Archimedes ist noch ein Alpharüde in einem Wolfsrudel. Außer den Frauen, die der Alpha hat sind beide Bilder wenig attraktiv. In Jethro Tulls Thick as a brick heißt es "the doer and the thinker, no allowance for the other" — ich hatte mich unter "other" eingeordnet. Natürlich romantisch verbrämt und ein bißchen eitel als einzigartig und damit etwas Besonderem. Tatsächlich dürfte es jedem mehr oder weniger so gehen. Niemand ist derart reduziert wie ein Charakter aus einem Stephen King-Buch. Und bei allem Kitsch, der hinter der clichébelasteten Aussage von der Einzigartigkeit jeden Menschens steckt ist sie doch unbestreitbar wahr. Jeder ist in diesem Sinne etwas Besonderes. Das darf man nur nicht mit Ansehen oder Wertigkeit verwechseln. Denn letztere sind von außen verliehene Attribute — besagter Rang in der Herde. Und da jeder anders ist ist es niemand. Das bedeutet nur, man ist ein Individuum. Und das ist einfach platt eine biologische Entität. Das teilt man mit jeder Ameise der Welt. Das Einhorn wird nicht durch die Einzigartigkeit zu etwas Besonderem, sondern weil wir ihm dieses Attribut zuerkennen und es wertschätzen. Denn auch der Teufel ist einzigartig und besonders. Aber den bekämpfen wir mit Weihwasser (es sei denn, wir sind Satanisten xD). Wert ist ein Attribut, das wir aus unterschiedlichen Gründen verleihen. Das gilt übrigens auch für Geld. 

Die Konfliktlösungen über Hormone, wie in den meisten Hollywood-Krachern oder der Ellenbogengesellschaft ist natürlich effektiv. Das Problem wird dabei allerdings nicht gelöst sondern aufgelöst bzw. zerstört. Die Energie, die man verwendet ist destruktiv. Darum versuche ich mich zu trainieren, anders auf Konflikte zu reagieren. Auch zu dem Preis, das Rudel zu verlassen. In den seltensten Fällen ist es den Stress wert. Vor allem, wenn man aus dem Alter heraus ist, sich unbedingt reproduzieren zu wollen. Sex bekommt man auch anderswo. 

Gestern habe ich mir grade wieder eine Folge von John Wick angeschaut. Eine einzige Gewaltorgie. Ich mag an den Filmen, daß sie ganz banal entstehen, weil ein paar Gangster John Wicks Hund töten.
Denn es ist vollkommen gleich, was solche Konflikte auslöst — sie entstehen durch Werte. Ob sie ehrenvoll sind, beliebt sind Patria, Gott und die Familie oder Rache für erlittenen Verlust von Gott, Vaterland oder Familie — oder was auch immer. Es geht um den Wert, den man ihm beimißt. "Dulce et decorum est pro patria mori — Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben" sagte Horaz. Wer würde das heute noch so sehen? Der Wert des Vaterlandes ist den wenigsten so hoch, dafür zu sterben.
Und je weniger man hat, dem man solchen Wert beimißt, desto weniger Konflikte hat man. Und desto weniger Stress hat man. Easy livin' is on 

(Gottsche, bin ich alt: An diese Folge der Disco mit Ilja Richter erinnere ich mich noch )



Error

default userpic

Your reply will be screened

Your IP address will be recorded 

When you submit the form an invisible reCAPTCHA check will be performed.
You must follow the Privacy Policy and Google Terms of use.