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Zur Zeit geistert durch die sozialen Medien, wie erfolgreich Schweden doch mit seinem Sonderweg durch die Seuche gekommen sei. Auch Japan wird als erfolgreiches Beispiel angeführt.
Problem dabei ist, daß die unterschiedlichen Methoden, mit der Seuche umzugehen, notwendig andere Verläufe nach sich ziehen. Es ist darum sehr schwierig zu sagen, ob Schweden gut gefahren ist oder nicht. Die mathematischen Darstellungen widersprechen den Lobpreisungen des schwedischen Wegs allerdings deutlich. Allerdings darf man natürlich auch andere Effekte wie die erreichte Immunisierung nicht vernachlässigen. Und die 29 Toten auf 1 Million Einwohner verglichen zu den 7 in Deutschland können auch dem steileren Kurvenverlauf geschuldet sein, der sich ergibt, wenn man auf schnelle Durchseuchung setzt. Wirklich entscheidend aber ist die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems. Schweden wurde offenbar nur wenige Tage über Last belastet. In anderen europäischen Ländern ist das nicht zu erwarten gewesen. Japan habe ich nicht so verfolgt. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, daß es in einem Land, das sich einen Rest von Kultur bewahrt hat, genügend Disziplin gibt — und ein vernünftiges Gesundheitssystem. Das prüfe ich noch.
Generell kann man schon aus dem Verlauf der spanischen Grippe vor allem ableiten, daß sie dort besonders heftig verlief, wo das Gesundheitssystem schwächelte. Und im geldgeilen Westen ist das natürlich der Fall. Da wurde das Gesundheitssystem nahezu tot gespart. Von Skandinavien abgesehen, die sich ein anderes Verständnis vom Sozialstaat bewahrt hatten. Das hat sich in der Krise offenbar bewährt. 

Generell bewundere ich Länder, die nicht stur dem Pandemieplan von 1919/20 gefolgt sind. Man kann und mußte sich an ihm orientieren, weil man nun mal nichts anderes hat. Und die zu beachtenden Parameter sind vorhanden.
Hier und da das Hirn einschalten und zu fragen, warum Maßnahmen 1919/20 erfolgreich waren  wäre allerdings hilfreich gewesen. Und vielleicht hätte das auch geholfen zu beurteilen, ob und wie sehr sie helfen würden. Die Politik hat sich in dieser Lage als fantasielos und starr erwiesen. Mir fällt der Schlieffen-Plan ein, dem 1914 auch blind gefolgt wurde. Auch wenn man wußte, daß er überholt war.

Weiterhin ist die Presse sehr schwierig — wie in den amerikanischen Kriegen wir auf Durchhalteparolen geschaltet und ein Panikmodus aufrecht erhalten, den die Zahlen nur hergeben, wenn man sie, wie geschehen, entsprechend "frisiert" — genauer gesagt entsprechend aufbereitet. Hier in Hessen wird insgesamt derzeit von etwa 0,01% der Bevölkerung als Betroffenen berichtet. Die aktiven Fälle betreffen 0,003 % der Bevölkerung. Die berühmte, viel zitierte Zahl R ist heikel wegen der Ermittlung derselben, liegt aber unter 1 — was als Abklingen der Seuche interpretiert werden kann (wobei das auf keinen Fall Entwarnung bedeutet! Lediglich das exponentielle Wachstum wird durch diese Ziffer als derzeit gestoppt angegeben). Die Auslastung der Intensivbetten in Krankenhäusern liegt bei etwa 2/3 — etwa 65%, was in etwa normal ist. Zur Panik besteht derzeit also kein Grund. Aber auch noch lange kein Grund zur Entwarnung. 

Aber da ich mich mit den politischen Implikationen beschäftigen will liegt die Frage nahe, ob der Lockdown gerechtfertigt war bzw. ist.
Die Schäden durch diese Maßnahme sind schließlich extrem und es wird noch ziemlich lange mit Pleiten weitergehen. Viele Firmen sind bankrott oder werden es sein. Entlassungen kommen hier verzögert, doch ist mit einem starken Anstieg zu rechnen. Die staatlichen Maßnahmen sind auch nicht umsonst.

Die werden aber nach einem Begriff verteilt, den man sich mal genauer anschauen sollte: "systemrelevant" — kennen wir schon aus der Bankenkrise 2008. Aber was bedeutet er?
Damit werden Berufsgruppen bezeichnet, deren Tätigkeit für ein funktionierendes Gemeinwesen unerlässlich seien. Diese Gruppierung legt aber andererseits nahe, daß Tätigkeiten außerhalb dieser Liste quasi überflüssig sind. Natürlich kann man über den Sinn des Berufs Investmentbanker streiten, doch fast kein Beruf ist überflüssig — sonst gäbe es ihn nicht. Wenn ich eine solche Einteilung vornehme werte ich. Das ist gewollt und muß im gewählten Szenario so gemacht werden. Das läßt sich im Detail kaum diskutieren, weil willkürlich, wenn es über hoheitliche Aufgaben hinaus geht. Kurz läßt sich daher schließen, daß die Privatisierung ehedem als hoheitlich definierter Aufgaben ein Fehler war. Wenn man diese Aufgaben braucht, damit der Staat läuft sind sie hoheitlich und gehören nicht privatisiert.
Das Ansteckungsrisiko wird ja nicht geringer, weil man Postbote ist, oder im Supermarkt arbeitet. Der Arbeiter am Band bei Opel ist da genauso viel oder wenig bedroht. Also ziemlicher Dünnsinn, diese Maßnahmen. Was das Ansteckungsrisiko erhöht ist das Pendeln hin und von der Arbeit. Darum hat der Lockdown etwas gebracht. Auch Kantinen- und Kneipenmeetups sind solche Situationen mit hohem Ansteckungsrisiko — der Besprechungswahn in den Betrieben ist also gefährlich. Rechtfertigen einzelne Handlungen das Stillegen des gesamten Betriebs? Hier wird's heikel - ich meine, anfänglich ja, aber spätestens jetzt müßte man da raus. 

Mich scheißt, auf gut schweizerdeutsch, an, wie gesellschaftliche Gruppen gegeneinander ausgespielt werden. Teilweise sind das Gruppen, die vorher nicht einmal als solche wahrgenommen wurden. Das ist nicht neu, aber zur Zeit passiert das hochoffiziell. 

Die Kriegsrhethorik ist natürlich vollkommen unangemessen. Kein Ortsschild ohne Durchhalteparole, die Werbung hat auch schon reagiert und benutzt diesen Klatschkitsch für ihre Zwecke. Generell ist die Sprache und Themensetzung dramatisch daneben und auf einem hohen Propagandaniveau wie ich es zuletzt in den 90ern aus dem Irakkrieg kenne. 

Alle Hoffnungen scheinen sich derzeit auf eine App zu richten, welche dazu dienen soll, die Infektionsketten zu unterbrechen, weil man die Kontakte eines Infizierten nachvollziehen will. Zunächst einmal: SAP und die Telekom damit zu beauftragen ist schon ein guter Hinweis darauf, wie sehr das in die Hose gehen wird. Immerhin hat man sich auf dezentrale Datenhaltung (also auf den Geräten) verständigt. Dem muß ich aber glauben und vertrauen — und das tue ich SAP und Telekom  — und auch der Bundesregierung nicht. Das Teil läuft auf Handies, die mit Android von Google oder iOS von Apple betrieben werden. Damit gewährt man den Amis (NSA und sonstigen Dreibuchstabenorganisationen) Zugriff auf seine Daten.  Daneben geht es von der Annahme aus, alle hätten so ein Teil und würden es entsprechend benutzen. Eine Unterbrechung der Kette ist aber sehr wahrscheinlich. Kurz: viel Risiko, wenig (Aussicht auf) Nutzen — aber man hat das Stichwort Digitalisierung gebracht. Klingt gut und modern (*Mund herabsack*) ...

Vollkommen unerträglich sind nun die Aussagen, daß man Menschen ruhig sterben lassen kann wie von Boris Palmer oder dem Schäuble. Da gibt es natürlich noch mehr, die inzwischen in dieser Richtung denken und sprechen. Es geht nicht darum, Menschen sterben zu lassen sondern darum, hin zu einer Normalität zu finden. Und dabei mache ich mir sehr große Sorgen, weil die gesellschaftliche Wirklichkeit auf Wirtschaft und Arbeit reduziert wird. Diese Zwei Monate Corona hätten aber schon genügen können und müssen, um einige gesellschaftliche Wahrheiten festzustellen und nun die politische Wirklichkeit dementsprechend zu gestalten. 

Ich brauche nun aber eine kleine Denkpause, ein paar Kaffee und vielleicht auch etwas feste Nahrung, bevor ich darüber nachdenke. Irgendwie sind die Schwächen der derzeitigen Ordnung so offensichtlich, daß es weh tut — und das nicht erst seit Corona. Dabei sind sie so umfassend, daß man sich schwer tut, einen geeigneten Aufhänger zu finden, um das Thema zu strukturieren: egal, ob man vom Sozialen, vom Wirtschaftlichen, vom Ökologischen oder rein Menschlichen her an die Sache herangeht: man kommt immer zu den gleichen Lösungen. Ich jedenfalls. Ich habe bisher auch nur Gläubige Neoliberale/Wirtschaftsgläubige glaubwürdig dagegen argumentieren gehört. Diese Argumentation funktioniert natürlich nur, weil man Wirtschaft und Gesellschaft gleichsetzt. Dazu muß ich annehmen, Wirtschaft sei kaum gestaltbar. Also die Art, wie ich wirtschafte. Und da argumentiert man gegen Glauben. Gegen Religion läßt sich aber generell kaum sinnvoll argumentieren. Erschwert wird das noch dadurch, daß sich die Wirtschaft als ernstzunehmende Wissenschaft sieht. Aber erst einmal Kaffee — viiiiiiel Kaffee 


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