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Vita Corona

Langsam sind es zwei Monate Corona. In meinem Leben hat sich nur mittelbar etwas verändert. Sonderlich viel Sozialleben hatte ich auch in Zeiten vor der Seuche nicht. Ich war viel unterwegs, klar! Aber meistens doch alleine. Die Seuche hat allerdings in meinem Verhältnis zu den Menschen einiges verändert. Ob das dauerhaft ist kann ich natürlich noch nicht sagen. Aber da es eine intensive Zeit ist lohnt ein Zwischenbericht:

Die meisten Menschen scheinen sich nach der Geselligkeit zu sehnen, nach anderen Menschen und dem Kontakt zu ihnen. Ferien, Freunde, Bierzelt oder Kneipe, Bundesliga — das sind die wahrscheinlich am meisten genannten Sehnsüchte hierzulande. Da kann ich natürlich falsch liegen, doch darum geht es nicht. Nichts davon finde ich wirklich reizvoll. Kontakt mit Menschen fand ich immer schwierig. Heikel, weil man fast immer falsch verstanden wird. Und eigentlich wollen die (meisten) Leute sowieso nicht hören, wie es Dir geht, sondern über sich selbst reden. Ich selbst finde mich nun wenig spannend und wenn jemand mich drängt, etwas von mir selbst zu erzählen frage ich mich hinterher meistens, was ich für einen Blödsinn von mir gegeben habe. Die meisten denken wohl, sie seien höflich. Sind sie wahrscheinlich auch. Aber ich bin nicht gewohnt, mein Innenleben darzulegen und schon gar nicht finde ich es sonderlich unterhaltsam. Zu diesem Zweck habe ich mir eine Sammlung Anekdoten zurechtgelegt. Die kann ich aufsagen — wenn es darüber hinaus geht weiß ich nicht, was ich sagen soll. Kommunikation zu anderen fällt mir schwer — introvertiert sein nennt man das wohl. Das erzeugt bei Aufgaben, die andere einfach machen, bei mir Hürden. So brauche ich für ein Telefonat oft Stunden Vorbereitung. Und oft läuft es dann doch nicht so wie geplant und ich habe das Gefühl, nur Unsinn zu erzählen.
Was mir auch auffällt und mich sehr an anderen stört ist, daß sie meinen, mein Leben besser leben zu können als ich selbst. "Da macht man doch ...", "Wieso hast Du nicht ..." und andere Redewendungen zeugen davon. Spannend in dem Zusammenhang auch mein Bruder und die neue Schwägerin, die mir, wie mir die Ex gesagt hat, vorwerfen, sie hätten die ganze Arbeit mit meinen Eltern gehabt während ich in der Schweiz war. Das, wohlgemerkt, als Vorwurf an mich. Als ich das hörte, stand mir erst einmal der Mund offen. Dann erinnerte ich mich, daß die Schwägerin tatsächlich mal so etwas losgelassen hatte. Ich habe halt gesagt "was denkst Du denn, was ich aus der Schweiz heraus machen könnte?". Sie: "Da gibt es schon was." Ich: "was?" Sie: "...." Damit hätte sich das erledigt, dachte ich. Nun scheinen die das aber weiter getragen und Stimmung gegen mich gemacht zu haben. Eigentlich witzig, denn das einzige, was sie mir vorwerfen können ist (außer meiner Existenz), daß ich etwas nicht tue. Eigentlich sagt das doch nebenbei auch aus, daß sie das Verhältnis zu meinen Eltern als Belastung empfanden und wie wenig Respekt sie vor anderen Menschen haben. Meine arme Mutter, die versucht zu vermitteln fragt, warum sie mich zu einem Familienfest nicht einladen. "Der macht ja selbst nie was" war die gehässige Antwort — ich bin kaum ein Jahr zurück und die werfen mir vor, keine große Familienfete zu schmeißen? Mir egal. Diese Art Vorwürfe bestätigen mir, daß man Menschen besser aus dem Weg geht. Man kann schließlich machen, was man will. Solche Menschen werden immer nur das Böse und Schlechte in einem Sehen. Weil sie danach suchen. Ignorance is a bliss.
So schlimm sind sicher nicht alle — aber keep your distance (s. Schopenhauers Stachelschweingleichnis) kann nicht verkehrt sein, will man nicht hintergangen werden.

Ich war nun für knapp 10 Tage wieder mal auf Facebook. Dort bekomme ich mein Menschenbild bestärkt: Die Blockwartsmentalität, dieses "Du hast Dich nun so und so zu verhalten" und dazu jede Menge Gründe, warum man dies und das tun soll ist die eine Fraktion. Die Gründe mögen alle berechtigt sein: Mich stört die Arroganz, mit der Leute, die sicher nicht schlauer sind als ich, meinen, eine Problemlösung sei die Richtige. Ich zähle zu den Menschen, die auf so etwas allergisch reagieren. Überzeugt man mich — gut! Zwang erzeugt bei mir Widerstand oder, öfter noch, Flucht. Aktuell bedeutet das: Will ich mich frei bewegen muß ich Menschen meiden. Will ich Zwang entgehen, wird meine Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Das muß ich, aufgrund persönlicher Disposition, akzeptieren. Doof finde ich das trotzdem. 

Die andere Fraktion ist die, die leugnet und die sich in eine eigene Wirklichkeit zurückzieht. Apokalyptische Bilder wechseln mit "ist doch gar nicht so schlimm", die Bundesregierung (!) schaltet Werbung, wie man sich die Hände zu waschen hat (!) und dazwischen versuchen einzelne Gruppen, egal ob Parteien oder Firmen oder irgendwelche verschwurbelten esoterisch angehauchten Gruppierungen oder Verschwörungstheoretiker. Die Tendenz der vergangenen Jahre, Meinung als gleichwertig zu Fakten anzusehen zeitigt derzeit lustige Blüten. 

Und natürlich gibt es auch Kombinationen davon. 

Ich ging davon aus, andere täten es besser — nun habe ich gelernt: Sie sind nur ignorant und oft besserwisserische Arschlöcher. Auch wenn das wahrscheinlich sehr harsch formuliert ist, so geht es hier schließlich um meinen mentalen Zustand während Corona.
Die meisten Menschen gehen davon aus, sie seien ganz okay. Man müsse sich nur erklären und sie würden einen mögen. Heute denken die meisten sogar, die Erklärung sei überflüssig und es sei offensichtlich, wie toll sie seien. Das gönne ich ihnen, auch wenn ich nicht immer so überzeugt davon bin, sie haben recht.
Ich bin da etwas anders gestrickt: ich finde mich nicht so toll. Prinzipiell gibt es nichts, wo ich nicht meine, andere können es besser. Das ist auch gut so, denn dadurch kann ich lernen und Gewinn aus denen ziehen, die es besser können. Das mag gelten, aber ich lerne zur Zeit, eine stark vorgetragene Meinung bedeutet nicht, daß sie begründet ist. Und ich lerne, wie sehr die Menschen auf sich selbst bezogen sind. Alle sehen andere vor allem als Reflektionsflächen für sich selbst. Als existierten sie ohne diese Reflektion gar nicht (darüber kann ich mich auch philosophisch auslassen, denn so ganz unbegründet ist diese Wahrnehmung nicht — es geht hier um den Menschen, der sowohl Individuum cogito ergo sum und so weiter, als auch Herdentier, homo socialis, ist). 

Mein mentaler Zustand läßt sich also zusammenfassen als: Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Distanz zu Menschen, die sich während des Lockdowns vergrößert hat, irgendwann wieder verringern will. Mein Zwischenfazit wäre: Menschen sind Scheiße
(und dabei schließe ich mich natürlich selbst mit ein)

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